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"Sing meinen Song" - Runde 3 Erinnerungen in Moll

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Bei "Sing meinen Song" steigen Jeanette Biedermann die Tränen in die Augen.

(Foto: TVNOW / Markus Hertrich)

Der dritte "Tauschkonzert"-Abend steht ganz im Zeichen von Jeanette Biedermann. Trotz viel Musik rückt eher Gesprochenes in den Fokus. Der Grund: Die Hauptdarstellerin des Abends erinnert sich und macht sich frei von Wut, Trauer und Angst.

Unter dem südafrikanischen Sternenhimmel hinterlässt die Kleinste die größten Spuren. Spätestens nach der dritten "Tauschkonzert"-Folge steht fest: Alle lieben Jeanette Biedermann! Der hobbitgroße Powerzwerg mit der blonden Dutt-Kugel auf dem Haupt ist aber auch eine Wucht. Einst zwischen GZSZ-Studio und "The Dome"-Bühne hin und her pendelnd, zeigt Jeanette im Hier und Jetzt, dass man auch als ehemalige Boulevard-Queen irgendwann noch in Richtung ernst zu nehmende Kunst-Welten abbiegen kann.

Von der "deutschen Britney Spears" ist nicht mehr viel übrig

Satte 21 Jahre nach ihrer ersten Plattenvertragsunterschrift ist von der "deutschen Britney Spears" nicht mehr viel übrig. Anno 2019 schwört Jeanette Biedermann auf tiefgehenden Deutschpop und nachhaltige Theaterkunst: "Die alten Sachen sind sehr weit weg", gesteht die gebürtige Berlinerin mit dem rotzigen Kneipenlachen.

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Paddy Kelly ist fasziniert von Jeanette Biedermanns früheren Outfits.

(Foto: TVNOW)

Statt mit Bier stößt Jeanette lieber mit beruhigendem Kräutertee an – sehr zur Freude von Gastgeber Michael Patrick Kelly, der im Laufe des Abends des Öfteren an seine Anstandsgrenzen stößt. Als Ex-Klosterschüler hat es Paddy aber auch nicht leicht. "Bei deinen Outfits sieht man ja alles durch!", erschrickt Herr Kelly, als die Runde im biedermannschen Video-Clip-Archiv buddelt.

Ja, mit viel Lack und wenig Stoff auf der Haut ging’s für Jeanette damals bis an die Spitze der Charts. Paddy erinnert sich nur allzu gut an jene Zeit, in der sich auch der einstige Kelly-Beau mit lüsternen Blicken durch den Jeanette-Kalender blätterte. Zwei Jahrzehnte später hält sich der Ire aber lieber die Augen zu. Jüngere Semester wie Wincent Weiss und Johannes Oerding hingegen kommen aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Man will alles ganz genau wissen. Und Jeanette hat viel zu erzählen.

Die Musik gerät in den Hintergrund

Die Musik gerät schnell in den Hintergrund an diesem Abend. Aus wummerndem 2000er-Pop-Rock wird zart schmelzender Lagerfeuer-Folk ("Rock My Life") und kitschiger Neuzeit-Pop ("Right Now"). Hinzu kommt eine Prise "Lord of the Dance"-Rock ("Run With Me"), Gehärtetes aus der Symphonic-Metal-Schublade ("How It’s Got To Be") und klassische Milow-Kost ("Ein Geschenk").

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Die Musik gerät an diesem Abend in den Hintergrund.

(Foto: TVNOW )

Der Soundtrack für Jeanettes Seelenleben-Outing spielt nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger, intensiver und langlebiger präsentieren sich die aufwühlenden Anekdoten und Geschichten aus einer Zeit, in der die hiesige Hauptstadt noch von einer Mauer und Stacheldraht geteilt war und das Wort Freiheit in vielen deutschen Haushalten nur in verdunkelten Kellerräumen ausgesprochen werden durfte. Es war die Zeit, in der Jeanettes Vater von Stasi-Schergen verfolgt, gedemütigt und verprügelt wurde.

Noch heute hat sie Papas hoffnungsvollen Standard-Satz im Ohr: "Alles wird gut im nächsten Jahr". Gut wurde es allerdings erst viel später, als der Familie Biedermann irgendwann die Flucht in den Westen gelang. Vor zwei Jahren wurde Jeanettes väterlicher Schutzschild aus dem Leben gerissen. Gerne hätte sie ihm nochmal gesagt, wie lieb sie ihn hat und wie dankbar sie ihm ist.

Alte und neue Wunden reißen auf

In diesem Moment füllen sich nicht nur die Augen von Jeanette mit Tränen. Auch Jennifer hält sich die Hände vors Gesicht. Der Grund: Erst vor zwei Tagen verstarb ihr Opa. Alte und neue Wunden reißen auf. Stille kehrt ein. Die sonst so gut gelaunte Runde hält inne und blickt gen Himmel. Jeanette übergibt noch schnell die "Song des Abends"-Flöte. Die Freude bei Sieger Álvaro Soler hält sich jedoch in Grenzen. Nicht nur er, auch alle anderen sind sich im Moment des Schmerzes darüber bewusst: Es gibt Wichtigeres im Leben.

Quelle: n-tv.de

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