Panorama

Jena prescht vor Kommt bald die Mundschutz-Pflicht für alle?

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Wer selbst einen Mundschutz aus Stoff näht, kann ihn wenigstens individuell gestalten.

(Foto: dpa)

In Österreichs Supermärkten sind Kunden nun verpflichtet, einen einfachen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Und auch im thüringischen Jena müssen die Bürger bald einen Schutz anlegen. Was steckt hinter der Debatte um Freiwilligkeit oder Mundschutz-Pflicht und was spricht dafür und dagegen?

Als erste Stadt in Deutschland plant Jena eine Mundschutz-Pflicht für Bürger in Verkaufsstellen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden mit Publikumsverkehr. Zuvor hatte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz erklärt, dass die Bürger dort allesamt einen Mund-und Nasenschutz beim Einkaufen tragen müssen. Dort würden die Supermärkte am Mittwoch die Verteilung der Masken übernehmen. Die Debatte um eine mögliche Mundschutz-Pflicht wird seit Beginn der Corona-Krise geführt, nimmt aber nun mit den wachsenden Infektionszahlen in ganz Europa deutlich Fahrt auf.

Schon als die ersten Bilder aus der krisengeschüttelten Lombardei nach Deutschland kamen, deckten sich viele Bürger in Apotheken und im Fachhandel mit medizinischen Schutzausrüstung ein und sorgten damit für knappe Bestände unter anderem bei Zahnärzten und anderem medizinischen Personal. Dieser "Run" auf Masken führte sogar dazu, dass das Bundesgesundheitsministerium einfache Mundschutz- und professionelle Atemmasken für das Gesundheitswesen zentral ordern musste, damit es ausreichend ausgestattet wird. Besonders das Pflegepersonal braucht den Mundschutz, um in der Coronavirus-Krise arbeitsfähig zu sein.

Generell unterscheidet man zwei Arten von Masken: Es gibt den einfachen Mund- und Nasen-Schutz, wie er beispielsweise von Zahnärzten benutzt wird. Bei der Debatte um Mundschutz in der Öffentlichkeit sprechen die Beteiligten über diesen eher einfachen Masken-Typus. Das Robert-Koch-Institut mahnt dabei zur Umsicht: "Für die optimale Wirksamkeit ist es wichtig, dass ein Mund-Nasen-Schutz korrekt sitzt, das heißt, eng anliegend getragen wird, bei Durchfeuchtung gewechselt wird und dass während des Tragens keine Manipulationen daran vorgenommen werden." Daneben gibt es die FFP-Atemmasken ("Filtering Face Piece"). Im Umgang mit dem Coronavirus sind FFP-2- und FFP-3-Masken für medizinisches Personal geeignet.

Schwierige Beschaffung

Die Stadt Jena hat nach eigenen Angaben eine Grundausstattung an Masken gekauft. Damit wolle man Pflegekräfte, Ärzte, Fahrer im öffentlichen Nahverkehr und andere Menschen in systemrelevanter Infrastruktur versorgen. An die Bevölkerung erging die Bitte: "Nähen Sie sich selbst und anderen Menschen den wichtigen Mund-Nasen-Schutz, um die Verbreitung des Virus einzudämmen." Im Internet kursieren seit Beginn der Krise Anleitungen zum Nähen von Schutzmasken.

Die Maske aus Stoff kann selbst gestaltet werden, muss allerdings auch regelmäßig heiß gewaschen werden, damit sie nicht zur Keimschleuder wird. Auch viele Prominente nutzen ihre mediale Reichweite und posten via Instagram Bilder von sich mit selbst genähten Masken. Dabei rufen sie ihre Follower und Fans dazu auf, es ihnen gleichzutun.

*Datenschutz

Das wichtigste Argument von Befürwortern der Maske in der Öffentlichkeit ist der Schutz der anderen. Menschen, die beispielsweise nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen und sich nicht isolieren, schützen damit beispielsweise andere Menschen, die ihnen im Supermarkt begegnen. Viele Experten erklären deshalb, dass ein Mundschutz in der Öffentlichkeit nur Sinn hätten, wenn sie ausnahmslose jeder Bürger trage. So wird es beispielsweise in Asien gehandhabt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat eine Schutzmaskenpflicht für Supermarktkunden wie in Österreich auch für Deutschland befürwortet. "Aus medizinischer Sicht halte ich eine solche Bestimmung persönlich für sehr sinnvoll", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Bedeutung von Masken zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus sei anfänglich stark unterschätzt worden. "Voraussetzung aber ist es, dass es genug Masken gibt und sie dem medizinischen Personal nicht fehlen", sagte der Abgeordnete.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen plädierte für die Verwendung selbst genähter einfacher Schutzmasken beim Einkaufen und im öffentlichen Verkehr. "Solche einfachen Masken, die als sogenannter Spuckschutz dienen, reduzieren das Risiko, dass man seine Mitmenschen über die sogenannte Tröpfcheninfektion ansteckt und machen insofern wirklich Sinn", sagte Kretschmann. Er kündigte an, das Versorgungsthema am Mittwoch in der Runde der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ansprechen zu wollen.

Trügerische Sicherheit

Durch das Tragen von einfachen Mundschutz-Stoffen fassen sich die Menschen deutlich weniger ins Gesicht. Das ist gut, damit auch andere Menschen geschützt werden. Zudem werden andere vor feuchter Aussprache und Keimen geschützt. Allerdings warnen Experten davor, dass Menschen, die einen einfachen Mundschutz tragen, sich durch die Maske in Sicherheit wiegen und möglicherweise ihre Handhygiene vernachlässigen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus keinen Nutzen im allgemeinen Mundschutztragen. Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass damit etwas gewonnen wäre, sagte der WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan. Vielmehr gebe es zusätzliche Risiken, wenn Menschen die Masken falsch abnehmen und sich dabei womöglich infizieren. Auch das RKI erklärt auf seiner Website: "Es gibt keine hinreichende Evidenz dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für eine gesunde Person, die ihn trägt, signifikant verringert. Nach Angaben der WHO kann das Tragen einer Maske in Situationen, in denen dies nicht empfohlen ist, ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen, durch das zentrale Hygienemaßnahmen wie eine gute Händehygiene vernachlässigt werden können."

Quelle: ntv.de