Ratgeber
Montag, 15. August 2016

Baugeld schwerer zu haben : Folgen einer übereifrigen Verbraucherpolitik

Ein Gastbeitrag von Max Herbst

Die Wohnimmobilienkreditrichtline sollte Baufinanzierer vor unseriösen Banken und Maklern schützen wollte. Eine schöne Idee. Bei der Umsetzung hat der Gesetzgeber nur leider (fast) alles falsch gemacht. Wer die Fehler jetzt ausbaden muss.

Wie dramatisch die Lage gerade für ältere Kunden ist, belegt eine aktuelle Umfrage der FMH.
Wie dramatisch die Lage gerade für ältere Kunden ist, belegt eine aktuelle Umfrage der FMH.(Foto: imago/Jochen Tack)

Vier Monate ist es nun her, dass die Wohnimmobilienkreditrichtlinie in Kraft getreten ist und die Banken völlig auf dem falschen Fuß erwischt hat. Denn auch wenn die Inhalte des europäischen Regelwerkes lange vor dem eigentlichen Stichtag bekannt waren (die Details finden Sie hier): Die Geldhäuser misstrauten der Regierung und warteten in vielen Punkten bis zur Gesetzesvorlage, um es bankintern umzusetzen. Deshalb begannen sie erst wenige Monate zuvor, sich auf die neuen Vorgaben vorzubereiten. Das erwies sich als deutlich zu kurzfristig und bescherte den Banken erhebliche Probleme im Tagesgeschäft.

Einige nahmen ab Mitte März kein Neugeschäft an, andere hatten ab Ende März sehr lange Bearbeitungszeiten, weil sie fürchteten, folgenreiche Fehler zu begehen. Selbst Institute, die sich vergleichsweise tapfer schlugen, beklagten einen immensen Mehraufwand – schließlich zwingt das neue Regelwerk sie nicht nur dazu ihren Kunden umfangreiche rechtliche Informationen, künftige Entwicklungen beim Einkommen oder bei Vertragsbruch zu simulieren oder Verbrauchern allerlei sonstige „vorvertragliche Informationen“ (VVI) zukommen zu lassen. Auch die nun erforderliche, sehr detaillierte Dokumentation der Beratungsgespräche sorgte für Verstimmungen.

Die Fakten akzeptieren

Eines allerdings dürften die Banken daraus gelernt haben: Auch, wenn die Vorgaben des Gesetzgebers noch so realitätsfremd erscheinen: Am Ende sind sie umzusetzen- und man tut gut daran, sich frühzeitig auf die neuen Herausforderungen einzustellen.

Diesmal mussten die Banken eher nacharbeiten und schleunigst Vordrucke für Beratungsprotokolle entwerfen oder Mitarbeitern den richtlinienkonformen Ablauf eines Baufinanzierungsgesprächs beibringen. Der beansprucht zwar im Zweifel deutlich mehr Zeit, zudem bekommt der Kunde einen wahren Papierwust mit nach Hause. Doch Alternativen zu diesem Vorgehen gibt es nicht – der Gesetzgeber schreibt es vor. Und die Banken wissen spätestens nach den Erfahrungen mit fehlerhaften Widerrufsbelehrungen bei Hypothekendarlehen, dass es sehr teuer werden kann, wenn sie sich nicht daran halten. Die Richtlinie schreibt sogar vor, dass die Banken jetzt keine Angebote mehr verschicken, sondern nur noch Finanzierungsempfehlungen abgeben. Die Idee dahinter: mehr Kundenautonomie.

Damit die Verbraucher weniger dem Verkaufsdruck der Geldgeber ausgesetzt sind, sollen sie bereits bei Beratungsbeginn sagen, wie sie finanzieren möchten. Ausgehend von diesem Wunsch bietet die Bank dann eine Finanzierung oder Alternativen dazu an. Wer es eilig hat, hat zwischenzeitlich damit Pech gehabt. Das aber – und leider noch viel mehr – nimmt der Gesetzgeber für seinen völlig praxisfernen Verbraucherschutz in Kauf.

An den Bedürfnissen vorbei

Erstaunlich an dem neuen Regelwerk ist auch, dass die Werthaltigkeit einer Immobilie zwar noch genauer dokumentiert werden muss als bisher, deren Bewertung in der Kreditvergabe aber nur noch eine nachrangige Rolle spielt. Vielmehr hat langfristige Bedienbarkeit des Kredits Priorität.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.
Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Hier wird vom deutschen Gesetzgeber einfach umgesetzt, was man in Brüssel aus den negativen Erfahrungen in der spanischen Immobilienkrise gelernt zu haben glaubt. Dass die Probleme in der Bundesrepublik völlig anders gelagert sind – egal. Das wirft die Frage auf, ob der deutsche Gesetzgeber vollständig auf fachliche Beratung verzichtet oder ob er blind Aussagen von Verbraucherschützern vertraut hat. Beides wäre fatal. Denn so ehrenwert die Arbeit der Verbraucherzentralen auch ist: Sie blenden oft die praktischen Bedürfnisse des Immobiliengeschäfts aus, um auch den letzten unbedarften Käufer vor Übervorteilung zu schützen.

Das aber ist in Deutschland eigentlich nicht nötig. Sicherlich gab es auch bei uns schwarze Schafe bei Immobilienmaklern, Kreditvermittlern und Banken. Und sicherlich ist es erfreulich, wenn jetzt einige Anbieter bemerken, dass sich zweitklassigen Objekte nicht mehr zu erstklassigen Preisen an bonitätsschwache Kunden verkaufen lassen. Doch muss man für diese Einzelfälle gleich eine ganze Branche in Geiselhaft nehmen – mit dem Nebeneffekt, dass selbst solvente Kunden einen Kredit oft nur noch gegen Auflagen erhalten?

Zurzeit wird viel über die Finanzierungsprobleme von Senioren geschrieben, aber wenig darüber, dass die Schwierigkeiten der älteren Herrschaften auch den neuen Regeln aus Brüssel geschuldet sind. Denn wenn die Bonität des Kunden bei der Finanzierung im Vordergrund steht und nicht unbedingt das Verhältnis zwischen Objektwert und Kredithöhe, müssen die Banken bei Bauherren fortgeschrittneren Alters natürlich besonders vorsichtig sein – schon, weil der Kunde vor der Ablösung des Darlehens sterben könnte.

Verfehlte Politik zulasten der älteren Generation

Wie dramatisch die Lage gerade für ältere Kunden ist, belegt eine aktuelle Umfrage der FMH unter rund 60 Banken. Wir wollten wissen, wie sie in den folgenden drei Konstellationen die Kreditvergabe handhaben würden: Ein Ehepaar bei 55 Jahre alt möchte sich ein Haus kaufen, ein Ehepaar, 65 Jahre alt, benötigt ein Anschlussdarlehen und ein 75 -jähriges Paar braucht einen Kredit für eine Modernisierung. Gerade einmal 23 Banken waren überhaupt bereit dazu, ihre Geschäftspraxis in diesem Bereich offenzulegen – und selbst unter diesen Anbietern waren die Ergebnisse alles andere als einheitlich.

Manche vergeben an Personen im Rentenalter nur einen Kredit bis etwa 50 bis 60 Prozent Beleihung, andere geben ein bestimmtes Endalter vor, zu dem der Kredit zurückbezahlt sein muss. Einige Anbieter antworteten auch, gar keine Altersunterschiede zu machen und selbst Rentnern bis zu 100 Prozent Finanzierung zu genehmigen – in der Praxis dürfte das aber kaum der Fall sein. Das Risiko für die Banken ist einfach zu groß.

Fazit

Der Gesetzgeber hat durch den überzogenen Verbraucherschutz in der neuen Wohnimmobilienkreditrichtlinie die Finanzierung für Senioren klar erschwert. Wer altersgerecht umbauen oder renovieren will, hat nun ein Problem. Unser Rat an alle Rentner, die einen Kredit benötigen, lautet daher: Holen Sie möglichst Ihre Erben mit ins Boot und prüfen Sie, ob nicht diese den Kredit beantragen könnten oder als Mitdarlehensnehmer unterschreiben würden.

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Quelle: n-tv.de