Fußball

Die Lehren des 28. Spieltags Bayern sucht Sparringpartner, BVB zerbricht

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Der FC Bayern braucht dringend taugliche Übungspartner.

(Foto: imago/Contrast)

Wie war das gleich mit dem Topspiel? Spitze ist in der Fußball-Bundesliga nur der FC Bayern. BVB-Coach Stöger sägt nämlich schon mal am eigenen Stuhl und der 1. FC Köln zeigt, dass man sogar zweimal sterben kann.

1. Der FC Bayern sucht Sparringpartner

Keinen Bock auf Liga-Langeweile? So ein Unsinn. Jedenfalls wenn die so aussieht wie die erste Halbzeit des FC Bayern München im Topspiel der Fußball-Bundesliga gegen Borussia Dortmund. (Ja, wir buchstabieren noch einmal: T o p s p i e l, so hatten es die Spielplangestalter für diesen 28. Spieltag jedenfalls vorgesehen). Was die Meister-Bayern am Samstagabend in der Allianz-Arena zeigten, war dann mehr die einseitige Gala mit einem bedingt geeigneten Sparringpartner. Eine Vorstellung der Meister-Bayern "fürs Fußballerherz", wie Hasan Salihamidzic nach der 6:0-Machtdemonstration vergnügt analysierte. Statistiken, anyone? Die überraschende Doppelsechs-Formation aus dem überragenden James Rodríguez und Javí Martínez gewann jeden Zweikampf (na gut, der BVB hatte derer auch nur fünf erzwungen), Franck Ribéry brachte in den ersten 45 Minuten satte 100 Prozent seiner Pässe an und fünf der sechs Treffer fielen noch vor dem Seitenwechsel. Alles was danach kam, lief ferner unter dem Arbeitstitel Schongang für die am Dienstag anstehende Aufgabe, denn: mit dem FC Sevilla wartet im Champions-League-Viertelfinale "ein ganz anderes Kaliber." Deutlicher hätte Coach Jupp Heynckes den himmelweiten Unterschied zum einstigen Rivalen übrigens nicht ausdrücken können. Und wir erinnern an der Stelle nochmal sehnsüchtig an die Zeiten, als die Saison noch in den Kinderschuhen steckte und der BVB sage und schreibe fünf Punkte vor dem FC Bayern lag. Schön war's gewesen.

Bevor wir jetzt aber ebenfalls in den "Oh guck mal, ein Eichhörnchen"-Modus des FC Bayern verfallen, schauen wir lieber mal auf die wichtigen Dinge. Der FC Bayern hat die Trainerfolge noch immer nicht geregelt, allerdings ist das - und da sah Karl-Heinz Rummenigge eine pressierende Notwendigkeit zur Richtigstellung - nicht die Schuld vom FC Bayern (!). Hasan Salihamidzic habe, so der Bayern-Boss ein paar Gespräche mit Trainern geführt. "Tuchel hat dann am Freitag kundgetan, dass er bei einem anderen Klub unterschrieben hat." Soso, dass der ehemalige BVB-Trainer schon einen neuen Vertrag unterschrieben hat, war bis hierher auch noch nicht bekannt. Der gute Rummenigge weiß: Nix lenkt besser von der eigenen Trainerdiskussion ab, als eine neue aufzumachen.

Und sonst so? War noch was? Ach ja, mit der Meisterschale dahoam hat es nicht geklappt. Was Arjen Robben zwar schade ("Wäre schön gewesen für die Fans") fand, ob der entgangenen Weißbierdusche aber nicht allzu traurig wirkte. Dann eben nächste Woche.

2. Borussia Dortmund ist im Katastrophenmodus total

Der BVB ist vom Eigenanspruch momentan ähnlich weit entfernt wie Lothar Matthäus von einer Anstellung als Mentaltrainer bei einem Bundesliga-Klub. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurfte, dann kam der in Form der Sechsfach-Watsch'n durch den überlegenen Konkurrenten aus München. Wobei das Wort Konkurrent in dem Zusammenhang schon fast lächerlich ist. "Wir sind", so stellte Dortmunds Trainer Peter Stöger selbstkritisch fest, "noch mit einem blauen Auge davongekommen." Kapitän Marcel Schmelzer sprach von einer "Frechheit", Julian Weigl davon, "eine Klasse schlechter" zu sein und Sportdirektor Michael Zorc stellte fest: "Heute haben die Grundtugenden gefehlt". Tatsächlich war es nur dem Münchner Wechsel in den Handbremsen-Modus zu verdanken, dass die völlige Dortmunder Demütigung ausblieb. So steht immerhin weiter das legendäre Minus-Ergebnis vom April 1978, als der BVB 0:12 gegen Borussia Mönchengladbach verlor (und ein gewisser Jupp Heynckes gleich fünffach traf). Vorerst. Denn wenn der Klub nicht endlich die selbstverordnete Radikalkur antritt, wird es in diesem Stirb-Langsam-Modus nix mehr mit dem Erreichen des einzig verbliebenen Saisonziels: Dem Ticket für die Champions League.

Trainer Stöger hat die Notwendigkeit eines Neuaufbaus jedenfalls erkannt. "Vielleicht ist es gut, dass wir eine richtige Klatsche gekriegt haben. Dass man vielleicht mal alle Steine hier umdreht." Eine erstaunliche Sicht auf die vielleicht größte Demütigung der jüngeren Vereinsgeschichte, und überhaupt, "man"? Stöger selbst scheint sich schon gar nicht mehr dazu zu zählen. Am Stuhl des Trainers muss gar nicht mehr gesägt werden - das erledigt der Österreicher höchstpersönlich. Man (also wer auch immer) müsse "nicht nur Rädchen, sondern ein paar Räder drehen", sagte er, "da gehört die Position des Trainers dazu." Dass er bei Sky dann noch anfügte, sein Leben definiere sich nicht darüber, beim BVB an der Seitenlinie zu stehen, schreit ebenfalls kaum nach einer ernstgemeinten Bewerbung auf den Spitzenposten im Trainerstab. Die Aussage ist zudem, mit Verlaub, eine Klatsche ins Gesicht der BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Micael Zorc, die doch jüngst betont hatten, Stöger sei "Ansprechpartner Nummer eins für die kommende Saison." Oder alles nur Show und die Personalfrage längst entschieden? Der BVB bleibt ein Rätsel - und das, obwohl die sportliche Leitung momentan glaubhaft kundtut, den Bedarf nach Veränderung erkannt zu haben. Mit Matthias Sammer kehrt ein Berater zurück, dessen "ungeschminkte Analyse dem Klub guttun wird", wie Sportdirektor Zorc ankündigte. Sammer selbst gab bei Eurosport zu Protokoll, er wolle "das ein oder andere in die richtige Richtung bringen". Und bis dahin fragen sich nicht nur die Kollegen vom Sport-Informationsdienst: Wie schlecht muss es um diesen stolzen BVB stehen?

3. Schalke rettet dem Erzfeind das letzte Fünkchen Ehre

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Ihr seid Spitze - findet Schalke-Coach Domenico Tedesco.

(Foto: imago/DeFodi)

Immerhin blieb den Dortmundern eine Schmach erspart: Die Bayern durften in ihrer Anwesenheit noch keine Meisterschaftsparty feiern. Weißbierdusche Ade - dank des FC Schalke 04. Ausgerechnet der Erzfeind leistet der Stöger-Offenbarungs-Truppe Schützenhilfe. Die Gelsenkirchener sind die einzigen, die - rein in der Theorie - am letzten Spieltag noch Meister werden könnten - man beachte die Nutzung des Konjuktivs aufgrund völliger Utopie (Bayern müsste fortan alle Spiele verlieren, Schalke alle gewinnen, haha). Ganz nebenbei jedenfalls haben sie durch ihren 2:0-Sieg gegen den SC Freiburg die erste Meisterschaftsheimfeier der Bayern in der Ära "Arena in Fröttmaning" zunichte gemacht. Wer jetzt an diebische Freude denkt, ist auf dem Holzweg.

Denn Rache, diebische Freude - das gibt es nicht mehr beim FC Schalke. Selten war der Revierklub so nüchtern wie in dieser Saison. Keine Aufregung, kein Tönen ob der herausragenden Tabellensituation, nix, niente, nada. Ja, sogar der Fußball ist unspektakulär. Nüchtern, aber erfolgreich, das ist das Konzept von Trainer Domenico Tedesco. Überaus erfolgreich gar: Mit sechs Siegen in Serie hat das Team den Vereinsrekord eingestellt. Dazu den fünften Sieg ohne Gegentor eingefahren - was es überhaupt noch nie zuvor gab. Die Ergebnisse dazu: 2:0, 1:0, 1:0, 1:0, 2:0. Ja, nicht spektakulär, aber das stört den Trainer nicht im Geringsten. Er hat lieber ein gnadenlos effektives Team. Und weiß trotz allen Lobes ("Gegen Freiburg kannst du nicht viel besser spielen"): "Wir haben noch einige To-dos". Aufgaben, die bis zum Beginn der neuen Champions-League-Saison erledigt werden müssen. Aber bis dahin ist noch Zeit - Zeit, dem HSV nächste Woche alle Hoffnung auf den Klassenerhalt zu nehmen. Und vor allem: Zeit, am 30. Spieltag dem Erzrivalen aus "Lüdenscheid Nord" zu zeigen, wer derzeit das bessere Team im Ruhrgebiet ist. Und damit das Fünkchen Ehre doch auszupusten.

4. Kölns Leiche klopft nicht länger am Sarg

Wir müssen bekennen, die wunderbar philosophische Frage, ob man eigentlich zweimal sterben kann, haben wir ganz schnöde bei Leonardo Bittencourt abgeschaut. Der Kölner Offensivmann sagte nach dem 2:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen am vorigen Spieltag nämlich: "Die Leiche hat am Sarg geklopft." Schwieriger wird es mit dem, was dann noch folgte: "Jetzt wollen wir in den nächsten Wochen das Türchen aufmachen und noch rausklettern können." Denn, so müssen wir mit einer Träne im Knopfloch konstatieren, nach der 0:6-Klatsche von Hoffenheim ist die Kölner Leiche endgültig tot, quasi ein zweites Mal gestorben. Jaja, das geht.

Während Trainer Stefan Ruthenbeck - was bleibt ihm auch anderes übrig - noch immer Durchhalteparolen drischt ("Das Spiel verdrängen, ganz schnell wegschieben." Und: "Wir haben keine Zeit, uns großartig damit zu beschäftigen."), ist der Ich-musste-sechs-Mal-den-Ball-aus-dem-Tor-holen-Keeper Timo Horn deutlich kritischer: "Das war heute gar nichts! Es kam einer Aufgabe gleich! Das war eine Frechheit von uns! Mit so einer Leistung brauchen wir nicht rechnen, so bleiben wir nicht in der Liga!" Nee, in der Tat, den Verbleib in der Liga können die Kölner so getrost abhaken. Denn - und das ist ein Armutszeugnis - der bediente Torhüter war noch der beste Kölner auf dem Platz. Vollkommen überfordert, in allen Belangen wie ein Absteiger, präsentierte sich das Team. Sah auch Sportdirektor Armin Veh so: "Das war so schwach, dass man es nicht einmal ansatzweise analysieren kann."

Damit ist alles gesagt. Ach, eins noch: Köln muss ganz genau auf Mainz schauen. Die Rheinland-Pfälzer haben den Relegationsplatz inne - und stehen fünf Punkte besser als Köln da. Geht es nach den Rheinländern dürfen die Mainzer jedenfalls nicht mehr gewinnen. Praktischerweise heißt das Duell am kommenden Wochenende: 1. FC Köln gegen FSV Mainz 05.

5. Kohfeldt wandelt auf Rehhagels Spuren

Florian Kohfeldt - längst stellt sich die Frage nicht mehr, wie der Trainer in Diensten von Werder Bremen geschrieben wird. Kohlfeld, Kofelt, Kohlfeldt? Kohfeldt! Das hat sich nach 18 Bundesliga-Partien eingebrannt. Gegen Eintracht Frankfurt schloss sich ein Kreis - die Hessen waren in der Hinrunde der erste Gegner für den 35-Jährigen als Bremens Cheftrainer. Stand es damals am Ende noch 2:1 für die Eintracht, ist es diesmal genau umgekehrt. Das 2:1 im eigenen Stadion bedeutet die Einstellung eines Klubrekords - es ist das neunte ungeschlagene Bundesliga-Heimspiel. Das gelang in Bremen zuvor nur Sepp Piontek (1971) und einer wahren Trainer-Legende: Otto Rehhagel (1981).

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Die beiden verstehen sich prächtig.

(Foto: imago/Revierfoto)

Der Trainer - anfangs als Notlösung verschrien - entpuppt sich für Werder Bremen als Glücksgriff. 31 Punkte holte seine Mannschaft seit seinem Amtsantritt - das ist Europa-League-würdig. Wäre da nicht der gruselige Saisonstart - noch unter Vorgänger Alexander Nouri - gewesen … Das Team steht hinter ihm: "Er hat uns nicht einfach einen Plan vorgegeben und gesagt, dass wir das jetzt so und so machen müssen. Er wollte, dass wir von seiner Idee überzeugt sind", erklärte Max Kruse in der "Welt am Sonntag". "Er hat uns auf seinem Weg mitgenommen. Unser Spiel zeigt, dass da ein Plan existiert."

Kohfeldt hat sich auch das Ansehen der Experten erarbeitet. Ex-Nationalspieler Didi Hamann lobte kürzlich: Seinem Urteil nach "sind die zwei besten jungen Trainer Julian Nagelsmann und Kohfeldt". Und der neue externe Berater des BVB, Matthias Sammer, betitelte ihn als "wunderbaren Trainer". Auch wenn Bremen-Manager Frank Baumann versichert, er habe "keine Angst" vor einem Hype um seinen Coach und auch Kohfeldt selbst betont: "Jeder, der mich kennt, weiß, was Werder auch als Verein für mich bedeutet. Ob es lebenslang Grün-Weiß wird, liegt ja nicht nur an mir. Aber es ist ein Lebenstraum, hier als Cheftrainer zu arbeiten." - der Erfolg weckt sicherlich Begehrlichkeiten. Etwa vom jüngst geschlagenen Gegner Frankfurt? Sollte Niko Kovac tatsächlich Heynckes-Nachfolger bei den Bayern werden, wäre in Hessen ein Platz auf der Trainerbank vakant - mit der Chance auf den internationalen Wettbewerb. Bleibt also abzuwarten, wie langlebig der grün-weiße Lebenstraum von Kohfeldt wirklich ist.

6. Der HSV spielt besser - aber es nützt nix

Lehrübung: Optimismus ausstrahlen. Prüfling: Lewis Holtby. Darbietung: Eine glatte Eins. "Dieser Punkt kann Gold wert sein", sagte der HSV-Offensivmann nach dem 1:1 beim VfB Stuttgart. Nun gut, Holtbys Aussage dürfte ob seines Führungstreffers glücksgeschwängert sein. Vielleicht hatte er kurz nach Abpfiff auch schon von seinem Bruder Joshua gehört - und eine Familienparty organisiert. Der nämlich hatte für seinen Klub, den FC Wegberg-Beeck, im U23-Spiel gegen Borussia Mönchengladbach II ebenfalls getroffen.

Doch zurück zum Krisenklub HSV - wo Trainer Christian Titz die zarte Hoffnung seines Torschützen nicht mitträgt: "Wir sind ein Stück weit enttäuscht, denn wir wissen, dass uns in unserer Situation nur Siege helfen." Siege - was ist das nochmal?, mag sich manch HSV-Fan fragen. Eine kurze Auffrischung: Der letzte Dreier datiert vom 26. November 2017 - ein 3:0 gegen die TSG Hoffenheim. Titz verweigert entsprechend, schönzureden, in welch prekärer Lage der Bundesliga-Dino steckt. Zudem tut der seit Sonntag 47-Jährige ja auch vieles, den Klub aus dieser Lage zu befreien. Einzig - es ist zu spät. Weil seine Vorgänger Markus Gisdol und Bernd Hollerbach nichts gegen den HSV'schen Grottenkick einzuwenden wussten, kann Titz nur noch Kosmetik betreiben, für eine Rettung kommt sein Engagement zu spät. Schön war es trotzdem anzusehen, dass die Mannschaft um den guten Lewis Holtby - übrigens von Gisdol und Hollerbach verschmäht - doch noch so etwas wie wettbewerbsfähigen Fußball anbieten kann. Das spricht doch für einen direkten Wiederaufstieg.

 

Quelle: n-tv.de

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