Fußball

Sechs Lehren des 5. Spieltags Der BVB macht Guardiola kirre

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Zum Schreien, dieser BVB.

(Foto: REUTERS)

Der FC Bayern ist gnadenlos. Gegen den Hamburger SV schlägt er zwei Minuten vor dem Ende zu und macht Bruno Labbadia zu einem freien Mann. Ansonsten bricht in der Fußball-Bundesliga der Wahnsinn aus.

Der BVB ist völlig hemmungslos

Wenn sich ManCitys Trainer Josep Guardiola mal so richtig gruseln will, dann braucht er dafür keinen Horrorschocker von Stephen King oder dessen kreativ-fiesen Genregenossen. Nein, ein Spiel des BVB reicht völlig, um den katalanischen Kontrollfanatiker in die Nähe eines Kollapses zu treiben. Wuchtig, leidenschaftlich, wild - so sieht ein Spiel der Schwarzgelben aus. Eine clevere Spielidee, klar, die gibt's. Aber ihre stärksten Momente haben die Borussen, wenn sie einfach nur ungehemmt in Richtung gegnerisches Tor stürmen, mit ihren technisch so hochbegabten Temporaketen Ousmane Dembelé, Pierre-Emerick Aubameyang, Emre Mor oder dem immer stärker werdenden Europameister Raphael Gurreiro.

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Raphael Guerreiro begeistert beim BVB.

(Foto: imago/Team 2)

So ungezügelt beeindruckend, manchmal aber auch naiv anfällig, sich die Dortmunder beim 3:1-Erfolg gegen den SC Freiburg an diesem fünften Spieltag der Fußball-Bundesliga präsentierten, so panisch würde Guardiola nach so einem Spiel über den Werteverfall im Fußball philosophieren. Und ganz allein ist er damit nicht. Denn auch der Trainer dieser wilden Ruhrpott-Horde, Thomas Tuchel, ist nicht immer einverstanden damit, wie seine Mannschaft im Rausch der Leidenschaft jegliche Gefahr eines Gegentores ausblendet. "Wir sind nach dem 2:0 zu viel Risiko im Spielaufbau eingegangen. Plötzlich wurde aus einem sicheren Spiel für uns ein enges Spiel", erklärte Tuchel. War dann aber doch auch irgendwie glücklich: "Das ist eine Erfahrung, die für uns zum perfekten Zeitpunkt kommt und die uns noch fehlte nach den vermeintlich leichten Spielen zuletzt. Eine schwere Phase zu überstehen, aber zu seinem Spiel zurückzufinden und verdient das dritte Tor zu schießen, ist ein perfektes Gefühl."

In Wolfsburg liegen die Nerven blank

Bis einschließlich Spieltag drei war die Laune am Mittellandkanal noch sehr gut bis gut. Doch die vergangenen beiden Runden in der Liga (1:5 gegen Dortmund und 1:2 gegen Bremen) haben das Formbarometer "Stimmung" in eine spätherbstliche Depression abstürzen lassen. Und darüber möchten sie auch gerne reden. Vor allem Manager Klaus Allofs, der den Auftritt des VfL gegen seinen Ex-Klub von der Weser überhaupt nicht verarbeiten konnte: "Das geht zu 100 Prozent in die Schublade Scheißspiel. Wenn man die Führung nicht nutzt, dann ist das schon tragisch. Das ist natürlich viel zu wenig für den Kader, den wir haben." Da können wir nur zustimmen. Etwas mehr auf Krawallkurs bringt uns allerdings die Lästerei des 59-Jährigen über den Gegner: "Ich will nicht, dass wir wie Werder Bremen spielen - das wäre ja verrückt." Nun, wenn sich der Manager da mal nicht täuscht. Freilich ist es nicht so, dass an der Weser derzeit der Fußball neu erfunden wird. Weder taktisch noch technisch. Allerdings ist es Interimstrainer Alexander Nouri gelungen, den Spielern wieder Spaß an ihrem Beruf zu vermitteln. Leidenschaftlich kämpften sich der Coach und seine Mannschaft zum ersten Sieg in dieser Saison. Das war beeindruckend, fein anzuschauen und eigentlich ganz und gar nicht verrückt.

Bayern und der eiskalte Herr Kimmich

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Ein nachdenklicher Torjäger: Joshua Kimmich.

(Foto: imago/ActionPictures)

Vielleicht werden Sie überrascht sein, dass sich die n-tv.de-Sportredaktion mal dagegen entscheidet, jede Spieltags-Nachlese mit dem FC Bayern zu beginnen. Nun, ist halt so, weil die Münchener an diesem Wochenende eigentlich nur eine Nebenrolle gespielt haben. Kaum vorstellbar, was? Aber hätte die Mannschaft von Carlo Ancelotti nicht Hamburgs Trainer Bruno Labbadia aus den Klauen der hypernervösen HSV-Vereinsführung befreit, wir hätten nichts zu berichten. Außer natürlich dem nüchternen 1:0-Erfolg. Plaudern wir dennoch ein kleines bisschen weiter. Über Joshua Kimmich zum Beispiel. Der hat den Siegtreffer erzielt. Zwei Minuten vor dem Ende. Das war wichtig. Der Torschütze selbst wusste das sogar schon Sekunden, bevor er den Ball über die Linie wuchtete. Und jetzt halten Sie sich fest, denn wir wissen dank der Münchener "tz" sogar, was sich Kimmich in diesem entscheidenden Moment gedacht hat: "Den darfst du nicht vermasseln, lange ist nicht mehr zu spielen." Es war der bereits vierte Pflichtspieltreffer für den Bayern in dieser Saison. Zwei in der Bundesliga und zwei in der Champions League. Und dort geht es am Mittwoch weiter, bei Atlético Madrid (ab 20.45 Uhr im n-tv.de Liveticker). Gegen die waren die Münchener im vergangenen Jahr dramatisch im Champions-League-Halbfinale gescheitert. Ohne Kimmich. Nun soll's die kleine Revanche geben. Mit Kimmich. In Bestform.

Köln und Leipzig machen Spaß

All jene Leser, die RB Leipzig kritisch gegenüberstehen, müssen jetzt die Zähne ganz fest zusammenbeißen oder einfach zum nächsten Absatz springen. Die nächsten paar Zeilen sind frei jeder Kritik über den Aufsteiger. Sie sind sogar voll des Lobes. Denn abseits all der Tradtionsverein-Kommerzwut-Debatte ist es so: Die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl bereichert die Liga. Sportlich ist das prima anzuschauen, was die physisch vielleicht tüchtigste Truppe da Woche für Woche auf dem Rasen anstellt. Schnell, wuchtig, direkt - bisweilen erinnert das durchaus an den Hochgeschwindigkeitsfußball des BVB. Folglich sind neun Punkte aus fünf Spielen eine verdiente Ausbeute. Und wäre da nicht der dämliche, späte Gegentreffer gegen Mönchengladbach gewesen, wären auch elf Punkte alles andere als glücklich. Dieses, also das Glück, mussten die Sachsen in dieser Saison noch gar nicht bemühen. Auch gegen ganz starke und gelassene Kölner nicht. Die lagen zwar früh in Rückstand, die schottisch-sächsische Wuchtmaschine Oliver Burke (5.) hatte sich bei seinem Startelf-Debüt vehement durchgesetzt, doch nervös machen ließ sich die Stöger-Elf davon nicht. Mit vorkarnevalistischer Euphorie ging's nach vorne. Immer und immer wieder. Bis zum spektakulären Ausgleich durch Yuya Osako (25.). Das Duell Tradition gegen Kommerz (ein kleines Entgegenkommen an alle tapferen Anti-RB-Leser) hat richtig Spaß gemacht. Weil beide Mannschaften einfach verdammt gut kicken.

Last-Minute-Wahnsinn fesselt die Liga

Was für ein furioses Ende der englischen Woche! Der Baldriantee in unserer Redaktion ist aufgebraucht, die Nerven haben sich wieder beruhigt. Gleich vier Treffer auf vier Plätzen fallen kurz vor Schluss und entscheiden die Partien. Den Beginn des Last-Minute-Wahnsinns macht Bayerns Joshua Kimmich in Hamburg (siehe oben) mit seinem Siegtor in der 88. Minute. Vier Minuten später krönt Leverkusens Javier "Chicharito" Hernandez seine One-Man-Show in Mainz mit seinem dritten Treffer - und macht den Leverkusener Auswärtssieg nach zweimaligem Rückstand im Alleingang perfekt. "Es war der perfekte Hattrick: mit links, mit rechts und mit dem Kopf", freut sich der Mexikaner. Bemerkenswert ist auch die Effizienz der "kleinen Erbse": Vier Schüsse, drei Treffer. Es scheint, als könne sich der AS Monaco im Champions-League-Heimspiel gegen die Werkself am Dienstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) warm anziehen.

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Die pinke Hertha bejubelt Alexander Essweins (m.) Treffer zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung in Frankfurt.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Auch die Samstagspartie in Frankfurt zerrt an unseren Nerven. Nein, nicht nur die Spielkleidung der Berliner Hertha strapaziert die Synapsen. Auch der Spielverlauf mit spektakulärem Finish hat es in sich. Wer glaubte, mit dem Ibisevic-Doppelpack, der zwischenzeitlichen Eintracht-Führung sowie dem Nerv-Jubel von Alexander Esswein über dessen Treffer zur 3:2-Führung nach etwas mehr als einer Stunde alles gesehen zu haben, hatte sich gehörig geschnitten. In der zweiten Minute der Nachspielzeit setzt Michael Hector noch einen drauf und köpft die SGE in ihrem 800. Bundesliga-Heimspiel zum Ausgleich. Hertha-Trainer Pal Dardai findet: "Es sind zu viele Tore gefallen." Nun ja. Dass man auch bei Werder auf einen hohen Nervenkitzel-Faktor setzt, dürfte gemeinhin bekannt sein. Selbst eine Partie gegen einen erschreckend harmlos agierenden VfL Wolfsburg genügt, um die Bremer Fanseele gewaltig zu schinden. Die Hobby-Dramaturgen von der Weser erzielen erst ein Eigentor, ehe sie mit einem Doppelschlag in der Schlussphase die Partie doch noch drehen. Ein grün-weißer Thriller vom Allerfeinsten!

Desolate Schalker martern ihren Torhüter

Oha! Willst du Schalke oben seh'n, musst du die Tabelle dreh'n. Die Millionentruppe aus Gelsenkirchen verliert nach zwischenzeitlicher Führung auch ihr Spiel in Hoffenheim. Und wir machen uns langsam Sorgen um Ralf Fährmann. Vor der Partie sagte dessen Trainer Markus Weinzierl: "Unser Torwart dreht langsam schon durch. Gegen uns ist jeder Schuss ein Treffer." Das Problem ist: Fährmanns Vordermänner schießen selbst so gut wie keine Tore - im Spiel gegen die TSG erzielt Tor… - ja, was eigentlich? - Eric Maxim Choupo-Moting gerade mal den zweiten Saisontreffer für Königsblau. Und Fährmann? Der verzweifelt: "Vorne klappt einfach gar nichts, und hinten machen wir einfachste Fehler." Das ist noch milde ausgedrückt. Egal, welche Startformation Weinzierl aufbietet, das Spiel ändert sich kaum: Konzentrationsmängel, Harmlosigkeit vor dem gegnerischen Tor und mangelnder Kampfeswille sind der Grund, warum Schalke nach der fünften Niederlage in Folge auf dem letzten Tabellenplatz rangiert. Die Krise ist endgültig perfekt, auf Schalke wird nun gegen den Abstieg gekämpft. Christian Heidel reicht's, er hält eine Brandrede. Viel Zeit bis zur nächsten Partie haben die Spieler nicht, um die harschen Worte ihres Managers zu verinnerlichen. Bereits am Donnerstag kommt Red Bull Salzburg in die Gelsenkirchener Arena (ab 19 Uhr im Liveticker auf n-tv.de). Für das Europaligaspiel kündigt Heidel die Wende an: "Dann kommen Leute rein, die malochen." So is' Schalke - eigentlich.

Quelle: ntv.de