Fußball

So läuft der elfte Spieltag "Männerfußball" trifft Lewandowskis Leiste

imago41505599h.jpg

Die Erinnerung an den Supercup ist schmerzlich. Die 0:2-Niederlage des FC Bayern Anfang August ist eines von nur zwei Spielen in dieser Saison, in denen Robert Lewandowski kein Tor erzielte.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Der FC Bayern vertraut vor dem Topspiel der Fußball-Bundesliga der Leiste seiner Stürmer gewordenen Lebensversicherung, während sich BVB-Sportdirektor Zorc echte Männer wünscht. Außerdem: ein bisschen Geschichte und nachdenkliche Worte.

Was macht eigentlich der FC Bayern?

Der vertraut Robert Lewandowski. Der 31-Jährige ist das, was man einen Weltklasse-Angreifer nennt. 21 Tore in 17 Pflichtspielen sind für sich genommen schon beeindruckend. Aber Lewandowski trifft nicht nur oft, sondern vor allem regelmäßig. In allen zehn Bundesliga-Spielen, in allen vier Champions-League-Partien, in der ersten DFB-Pokalrunde in Cottbus. Nur beim 2:1-Fast-Debakel beim VfL Bochum in Runde zwei und beim sportlich wenig bedeutsamen Supercup tauchte sein Name nicht in der Liste der Torschützen auf.

Ohne den Kapitän der polnischen Nationalmannschaft hätte die Krise den Fußball-Rekordmeister noch deutlich heftiger erwischt. Vor dem 101. Bundesliga-Duell mit Borussia Dortmund am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zwickt die Leiste des Stürmers zwar nicht, operiert werden muss sie trotzdem. Noch ist offen, wann. Schmerzen habe er keine, bestätigte er nach dem 2:0-Sieg gegen Olympiakos Piräus am Mittwoch. Daher eile die OP nicht, und die zweiwöchige Zwangspause ließe sich in die spielfreie Zeit legen, etwa in die Winterpause.

Was der FC Bayern außerdem macht: Einen Trainer suchen. Und das mit mehr öffentlichen Details, als notwendig wäre. Denn die Absage an Ex-Arsenal-Coach Arsène Wenger mitzuteilen, ist das eine. Dabei aber auch zu sagen, dass Wenger selbst in München angerufen habe, das andere. Zumal Sportdirektor und Vorstandsanwärter Hasan Salihamidzic einen Tag zuvor noch erklärte, es sei intern "so abgesprochen", keinen der Kandidaten für die Nachfolge von Niko Kovac zu kommentieren. Gut möglich, dass dieser Nachfolger ohnehin schon (bis zum Saisonende) gefunden ist. Zumindest, wenn Hansi Flick weiter gewinnt.

Wie geht es dem BVB vor dem Topspiel?

Geht so. Reisen nach München waren für die Dortmunder zuletzt eher wenig erfreulich. Zahlen, bitte? Gerne - hier die Ergebnisse der vergangenen vier Bundesliga-Gastspiele beim Rekordmeister aus BVB-Sicht. 0:5, 0:6, 1:4, 1:5. Macht 2:20 und null Punkte. Da hilft auch die richtige Taktik nichts. Sagt Dortmunds sportlicher Leiter Michael Zorc und fordert stattdessen "Männerfußball" und "wir müssen Kerle sein". Wie genau sich männlicher Fußball von gewöhnlichem unterscheidet, verriet Zorc zwar nicht. Aber es klingt auf jeden Fall sehr bestimmt und ganz fest entschlossen. Der Münchner Interimscoach Flick stimmte zu: "Es spielen Männer".

*Datenschutz

Rein vom Ergebnis her könnte der BVB einfach an den furiosen 3:2-Sieg in der Champions League am Dienstag anknüpfen. Problematisch ist dabei allerdings, dass die Elf von Trainer Lucien Favre gegen Inter Mailand zwei komplett unterschiedliche Gesichter zeigte. Die erste Hälfte ging 0:2 verloren, ehe ein 3:0 nach der Pause ein Überwintern im höchsten europäischen Wettbewerb deutlich wahrscheinlicher machte. Nicht ganz so wahrscheinlich ist, dass Kapitän Marco Reus und Topscorer Jadon Sancho rechtzeitig fit werden. Die fehlten allerdings auch schon gegen Inter. Unser Tipp: Der BVB geht in München diesmal zwar nicht unter, verliert aber mit 2:3.

Was ist sonst noch los?

imago44465737h.jpg

Investor: Achim Beierlorzer.

(Foto: imago images/Eduard Bopp)

1. FC Köln - TSG Hoffenheim (Freitag, 20.30 Uhr): "Ich bin zuversichtlich, dass diese Mannschaft in der Lage ist, Hoffenheim zu schlagen", sagte Achim Beierlorzer, Trainer des 1. FC Köln. Woraus er seine Zuversicht zieht, nach zwei Niederlagen in der Liga und einer Pokal-Enttäuschung beim viertklassigen 1. FC Saarbrücken gegen Hoffenheim die Wende einzuleiten? Das bleibt nebulös. Die Gäste reisen mit vier Siegen in Serie an. Ob der angezählte Beierlorzer zielsicher in die Trickkiste greifen kann, wird sich zeigen. In der Phrasenkiste hat der Trainer bereits erfolgreich gewühlt: "Ich bin nicht in der Vergangenheit, ich bin im Hier und Jetzt unterwegs. Ich möchte alles investieren, und das möchte auch die Mannschaft." Mit Investments kennt sich allerdings auch Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp aus. Der hatte bis Ende 2018 nach eigenen Angaben bereits 1,4 Milliarden Euro in Biotech-Unternehmen gesteckt, im Kraichgau kann man über die Investitionsbemühungen aus Köln höchstens mitleidig grinsen. Tipp: 0:2

Hertha BSC - RB Leipzig: Es gibt bessere Zeitpunkte, auf RB Leipzig zu treffen. Gerade, wenn man Hertha BSC ist und just ein Derby vergeigt hat. 16 Tore haben die Austro-Sachsen in den jüngsten drei Spielen geschossen, da kann einem in der Hauptstadt schon Angst und Bange werden. Und eigentlich gibt es keinen Anlass für die Mannschaft von Trainer Ante Covic zu hoffen, dass die Schreckensszenarien nicht eintreffen könnten. Von den bisherigen sechs Ligaduellen gewann RB fünf. Timo Werner, der am Dienstag in der Champions League beim 2:0 gegen Zenit St. Petersburg eine Stunde wegen muskulärer Probleme geschont wurde, erzielte sechs von 22 Leipziger Treffer gegen die Berliner. Tipp: 1:4 - ein möglicher blau-weißer Hoffnungsschimmer in der Niederlage: Bald-Aufsichtsrat Jürgen Klinsmann.

imago44426248h.jpg

Sandro Schwarz ordnet seine Testgruppe neu an.

(Foto: imago images/Martin Hoffmann)

1. FSV Mainz 05 - 1. FC Union Berlin: Manchmal scheint es, als wäre der 1. FSV Mainz 05 ein groß angelegter sozialwissenschaftlicher Feldversuch. In unschöner Regelmäßigkeit fordert Versuchsleiter Sandro Schwarz in seiner Rolle als Trainer, sein Team müsse "eine Reaktion zeigen". Dafür arrangieren die Köpfe hinter dem Experiment regelmäßige Negativerlebnisse für die Spieler: spielerische Offenbarungseide, historische Niederlagen, unglückliche Punktverluste. Nun ist es nach dem 0:8 in Leipzig, der höchsten Niederlage in der Mainzer Bundesliga-Geschichte, wieder so weit: Es muss eine messbare Reaktion her. Klappt bedingt, denn die vom Derbysieg mit Begleiterscheinungen aufgeputschten Berliner kommen mit Vertrauen in ihr hohes Anlaufen mit hoher Intensität. Das nervt und verwässert die Testergebnisse. Tipp: 1:1

FC Schalke 04 - Fortuna Düsseldorf: 1933 wurde Fortuna Düsseldorf zum ersten und bislang und wohl bis auf Weiteres letzten Mal deutscher Fußballmeister. Im Finale der Endrunde schossen Felix Zwolanowski, Paul Mehl und Georg Hochgesang ein deutliches 3:0 heraus - gegen den FC Schalke 04! Am elften Spieltag der laufenden Saison liegt bei dieser Partie so gar nichts Historisches in der Luft: Der 13. wird vom 6. erwartet. Unterhaltsam wird es dennoch, denn beide Mannschaften kommen mit Rückenwind: Der FC Schalke drehte zweimal einen Rückstand gegen den FC Augsburg, der deutsche Meister von 1933 gewann das wichtige Rheinderby gegen den 1. FC Köln. Tipp: 3:2

SC Paderborn - FC Augsburg: (alle Samstag, 15.30 Uhr) Paderborn gegen Augsburg, 18. gegen 16. - es sind diese Spiele, vor denen sich Bezahlsender sorgen. Sorgen sollten sich allerdings vor allem beide Teams, denn wer hier leer ausgeht, lässt Punkte in Reichweite liegen. Der SC Paderborn, der seinen ersten Saisonsieg (2:0 gegen Fortuna Düsseldorf am neunten Spieltag) schon eine Woche drauf mit einer ganz schwachen Vorstellung beim 0:3 gegen die TSG Hoffenheim konterte, muss in jedem Falle etwas im Westfälischen halten. Der FC Augsburg holte zuletzt Bonuspunkte gegen den FC Bayern und den VfL Wolfsburg, bevor sich die Mannschaft von Martin Schmidt dann gegen den FC Schalke selbst schlug. Das wird nicht noch einmal passieren, aber das bevorstehende 1:1 wird niemandem helfen.

imago44461272h.jpg

Siegtorschütze Marcus hisste in Gladbach die Thuram-Flagge.

(Foto: imago images/Team 2)

Borussia Mönchengladbach - SV Werder Bremen (Sonntag, 13.30 Uhr): Die Borussia thront souverän an der Spitze der Bundesliga. Souverän? Ja, denn: Der Vorsprung auf Platz zwei ist größer als der Abstand zwischen Platz zwei und Platz neun. Klingt zudem wesentlich eindrucksvoller, als zu sagen, dass der Erste Gladbach eben 22 Punkte hat, der Zweite Dortmund 19 und der Neunte Hoffenheim immerhin 17. Deshalb regiert die Borussia souverän, statt die Liga einfach nur anzuführen. Zumal sie mittlerweile auch in der Europa League abgeklärt auftreten. Zumindest, sobald die Nachspielzeit angezeigt worden ist. Der 2:1-Siegtreffer von Marcus Thuram gegen die AS Rom fiel in der fünften Minute der Nachspielzeit, im Hinspiel traf Lars Stindl ebenfalls bei 90+5 zum 1:1-Ausgleich. Das 1:1 bei Basaksehir sicherte Patrick Herrmann unverhältnismäßig früh, nämlich schon bei 90+1. Tipp: 2:2, denn Werder spielte zuletzt viermal infolge Unentschieden, dreimal davon 2:2.

VfL Wolfsburg - Bayer Leverkusen (Sonntag, 15.30 Uhr): Europa-Verlierer Wolfsburg empfängt Europa-Gewinner Leverkusen. Und Bayer vollendete unter der Woche sogar ein Stück deutscher Europapokal-Geschichte. Denn der 2:1-Erfolg gegen Atlético Madrid hielt nicht nur die Hoffnung aufs Weiterkommen oder zumindest Platz drei und den sanften Abstieg in die Europa-League am Leben, sondern sorgte für eine perfekte Bilanz der vier Bundesliga-Vertreter in der Champions League. Die Wölfe dagegen setzten ihre spielerische Magerkost der vergangenen Wochen in verlorene Punkte um und kassierten nach dem 1:3 gegen Gent Pfiffe von den Rängen. Tipp: Mehr Unmut bei den VfL-Fans, denn das Spiel gegen Leverkusen endet 0:2.

*Datenschutz

SC Freiburg - Eintracht Frankfurt (Sonntag, 18 Uhr): Unmut herrscht auch in Frankfurt, sogar gleich doppelt. Über die späte Niederlage in Lüttich gegen einen Gegner, der in Unterzahl hätte spielen müssen. Und darüber, dass die Eintracht-Fans aufgrund der Uefa-Sanktion nicht nur nicht ins Stadion durften, sondern nicht einmal die belgische Stadt betreten sollten. Im Breisgau dagegen ist die SGE willkommen. Sicher auch, weil Frankfurt auswärts bislang drei von vier Spielen verlor. Allerdings ist Freiburg mit zwei Siegen aus fünf Heimspielen auch keine Macht - gegen Dortmund (2:2) und Leipzig (2:1) gab's jüngst jedoch vier Punkte. Tipp: 2:1.

Was aber besonders wichtig ist, nicht nur an diesem Spieltag

Der Suizid von Robert Enke jährt sich an diesem Wochenende zum zehnten Mal. Der Torwart der deutschen Nationalmannschaft wollte, gequält von seiner Depression, nicht mehr weiterleben. Auf den Freitod des 32 Jahre alten Leistungssportlers am 10. November 2009 folgten Trauer, Entsetzen, Fassungslosigkeit und eine große, ehrliche Betroffenheit. Und auch die Frage nach dem Warum. Medien, Fans und Verantwortliche beteuerten gegenseitig, dass der Druck auf die Akteure im Millionenzirkus Profifußball unbotmäßig hoch sei, unmenschlich, dass es so bis zur nächsten Katastrophe nur eine Frage der Zeit sei.

Nun darf man eine komplexe Krankheit wie Depressionen nicht schlicht mit "dem Druck nicht standgehalten" gleichsetzen. Das ist falsch und diese Haltung sorgt mit dafür, dass sich betroffene Sportler immer noch scheuen, sich ihren Klubs anzuvertrauen - aus Angst sich dann, um ihren Platz in diesem großen Theater sorgen zu müssen. Aber dennoch: Von dem festen Willen zu mehr Sensibilität ist heute längst nichts mehr übrig. Auf den Rängen, in manchen Vorstandsetagen und in zahlreichen Redaktionen. So sitzt an diesem Freitagabend mal wieder ein Trainer "auf Bewährung" auf der Bank und kämpft vor einem Millionenpublikum um seinen Job - unter dem Motto "Siegen oder fliegen", wie Kollegen schrieben. Der Zuschauer kann sich in Echtzeit wohlig bei dem Gedanken gruseln, dass die Klubchefs nach einer Niederlage gnadenlos den Daumen senken werden. Das sind "die Mechanismen des Geschäfts". Und das Geschäft ist auch zehn Jahre nach Enkes Tod immer noch ein Schweinegeschäft, in dem es keinen Platz für Zweifel und Ängste gibt und Trainer medial oder von ihren Vorgesetzten in "Endspiele" gehetzt werden.

Wer spielt das beste Phrasenschach?

"Jetzt kommt er aus dem Deckungsschatten, weil er auch in der Pflicht steht." Bayern-Torwart Manuel Neuer über den ehemaligen Ko- und jetzt Interimstrainer Hansi Flick.

Quelle: n-tv.de