Technik

Wenig Chancen aufs Siegertreppchen HTC One M9 ist edel, clever - aber nicht spitze

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Beim One M9 ist nicht alles perfekt.

(Foto: jwa)

Das neue One ist ein tolles Smartphone. Gewichtig liegt es in der Hand, edel fühlt sich sein Äußeres an. Die Technik ist auf dem neuesten Stand, die Software clever. Und doch könnte es am Ende nicht für einen Platz unter den Top-Geräten des Jahres reichen.

Es hätte besser laufen können für HTC. Kurz vor der Premiere des One M9 in Barcelona waren bereits alle wichtigen Informationen und drei Werbevideos an die Öffentlichkeit gelangt, die Überraschung war dahin. Die Bilder zeigten nur behutsame Design-Änderungen, so dass klar war: Wer die Vorgänger mochte, wird auch das M9 lieben, neue Fans wird HTC 2015 aber kaum gewinnen. Kritiker monierten den mangelnden Mut zur Veränderung, HTC sprach von einer klar erkennbaren Marke.

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Das One M9 ist eine Mischung aus M8 und M7.

(Foto: jwa)

Tatsächlich ist das M9 die Essenz seiner Vorgänger, das Gehäuse ist wie beim M8 ganz aus Metall, aber ähnlich kantig wie das M7, dessen Flanken noch ein weißer Kuststoffstreifen zierte. Beim M9 sind sie ebenfalls farblich abgesetzt, dieses Mal aber mit einem Goldstreifen beim silbernen und mit einer etwas dunkleren Grauschattierung beim grauen Modell – eine mutige Entscheidung, die gerade beim Silber-Modell nicht jedem gefallen dürfte.

Design-Evolution

Die Änderungen liegen im Detail, so ist der Anschalter an die Seite gewandert, ein guter Platz für ein 5-Zoll-Smartphone. Allerdings steht er so wenig hervor, dass ungeübte Finger ihn anfangs suchen müssen oder ihn mit der Lautstärke-leiser-Taste verwechseln, die direkt darüber liegt. Ärgerlich ist das zum Beispiel, wenn man ein Telefongespräch leiser stellen möchte und stattdessen auf den Aus-Knopf drückt.    

Im Vergleich zum Vorgänger ist das M9 schmaler und kürzer. Die Unterschiede liegen im Millimeterbereich, fallen aber trotzdem auf. Nach wie vor gibt es aber andere 5-Zoll-Smartphones, die kompakter sind; das Nexus 5 ist zum Beispiel fast 7 Millimeter kürzer. Schuld sind die erneut prominent platzierten Boomsound-Lautsprecher ober- und unterhalb des Displays. Sie machen das M9 länger, dafür hat es aber nach wie vor den besten Sound aller aktuell erhältlichen Smartphones, was vor allem auffällt, wenn man Videos im Netz anschaut oder ein Spiel spielt. Hier kommt so schnell keiner an HTC heran.  

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Das HTC One M9 liegt auf dem M8.

(Foto: jwa)

Der schwarze Rand ums Display, an dem sich viele bei den Vorgängermodellen störten, ist erfreulicherweise schmaler geworden. Das Display, das sich durch eine Stufe abhebt, nimmt nun 68 Prozent der Frontseite ein, Smartphones wie das LG G3 bringen es aber auf rund 75 Prozent. Leider ist das Display selbst nicht so erstklassig und brillant, wie man es von einem Smartphone für über 700 Euro erwartet. Im direkten Vergleich zum M8, das für sein Display durchweg gelobt wurde, ist es weniger hell, weniger kontraststark und hat weniger satte Schwarztöne. Es spielt in einer Liga mit dem Display des Nexus 5, das im Herbst 2013 auf den Markt kam und aktuell rund 400 Euro kostet.

Zudem fällt ein leichter Grünstich auf, der bei älteren OLED-Displays nicht ungewöhnlich ist, bei LCD-Bildschirmen der Oberklasse aber nicht auftreten sollte. Trotzdem: Das M9 hat ein klasse Display mit satten Farben, guten Blickwinkeln und knackig scharfer Auflösung von rund 441 ppi, das in den oberen Regionen mitspielt – nur eben nicht ganz oben.

Klasse Frontkamera

Ähnliches gilt für die Kamera, bei der HTC auf einen 1:2/3 Zoll großen 20-Megapixel-Sensor setzt, ähnlich wie bei Sonys Xperia-Z-Modellen. Genauere Angaben zum Hersteller des Sensors macht HTC nicht, in diversen Quellen ist von Toshiba die Rede. Nachdem die ersten Rückmeldungen zur Kamera durchwachsen ausgefallen waren, reagierte HTC und schob eilig ein Firmware-Update hinterher, das unter anderem die Leistung der Kamera verbessern sollte. Tatsächlich bringt das Update die versprochenen Verbesserungen bei schlechten Lichtverhältnissen, das Bildrauschen ist reduziert, die Farbwiedergabe realistischer als zuvor.

Die wichtigsten technischen Daten

  • Prozessor: Snapdragon 810, acht Kerne, maximal 2 GHz
  • Arbeitsspeicher (RAM): 3 GB
  • Interner Speicher: 32 GB + Micro SD
  • Display: 5 Zoll, LCD, 1920 x 1080 Pixel, 441 ppi
  • Kameras: hinten 20 Megapixel, vorne 4 Ultrapixel
  • Akku: 2840 mAh, Schnell-Ladefunktion
  • LTE, WLAN ac, NFC, Bluetooth 4.1, Infrarot-Sender
  • Boomsound-Stereolautsprecher
  • Betriebssystem: Android 5.0.2, Sense 7
  • Maße: 144,6 x 69,7 x 9,6 Millimeter
  • Gewicht: 157 Gramm

Doch die Rauschreduktion hat ihren Preis: wenige Details und ein glattgebügeltes Bild mit unschönen Artefakten – auch das übrigens ein Problem, mit dem Sonys Smartphones ebenfalls zu kämpfen hatten. Schade ist, dass der Sensor weniger lichtempfindlich ist als beim M8. Bei schlechtem Licht ist der Fokus zudem recht behäbig und findet nicht immer treffsicher die richtige Schärfeebene. Ein optischer Bildstabilisator (OIS) fehlt.

So ist die Hauptkamera vor allem für Aufnahmen bei Tageslicht geeignet – hier liefert sie gute Ergebnisse, eine gute Bildschärfe, ausreichend Details und eine ausgewogene Belichtung. Auch das ist aber nicht genug, um in der Smartphone-Champions-League 2015 ganz vorne mitzuspielen, andere Hersteller sind da schon weiter und liefern OIS, Echtzeit-HDR und trotz weniger Megapixel ein besseres Gesamtergebnis. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Leistung der Kamera durch Software-Updates noch deutlich angehoben werden kann. Hier gilt es also abzuwarten.

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Eine Mehrfachbelichtung mit dem HTC One M9.

(Foto: jwa)

Pluspunkte bekommt das One M9 für seine Frontkamera, die erste mit Ultrapixel-Sensor. Die Kamera ist lichtstark, das Weitwinkelobjektiv nimmt einen großen Blickwinkel auf, die Gesichtserkennung funktioniert zuverlässig, HDR-Aufnahmen werden unterstützt. Ein Touch-Fokus fehlt, für Selfie-Freunde ist das M9 trotzdem derzeit eines der besten Geräte auf dem Markt.

Auch die Kamera-App ist lobenswert: Nutzer des M9 können alle Einstellungen manuell vornehmen, inklusive Verschlusszeit und Schärfeebene. Individuelle Bildeinstellungen können als eigener Aufnahmemodus gespeichert werden. Durch seitliches Wischen über das Sucherbild wechselt man zwischen Selfie, Kamera, Panorama, Split-Aufnahme und weiteren Modi. Zur kreativen Bildgestaltung hält HTC eine ganze Reihe von Effekten bereit, unter anderem zur Überlagerung zweier Bilder mit vorgefertigten geometrischen Mustern oder als einfache Mehrfachbelichtung. Manches davon ist Spielerei, manches aber auch wirklich nützlich.

Software für Individualisten

Ein Blick in die Software lohnt sich auch abseits der Kamera: Sense 7, die Benutzeroberfläche von HTC, zeigt sich auf den ersten Blick nur leicht verändert, Blinkfeed und Motion-Launch-Gesten sind mit an Bord. Doch beim M9 hat der Nutzer viele Anpassungsmöglichkeiten, zum Beispiel bei Anordnung und Anzahl der Navigationstasten. Außerdem stellt HTC zahlreiche "Themes" bereit, die das Aussehen der Oberfläche komplett verändern. Jedes Theme hat eigene Schriften, Symbole und Töne, außerdem eigene Hintergründe und Farbgebung. Derart weitreichende Anpassungsmöglichkeiten gab es bislang nur von chinesischen Herstellern wie Huawei oder Oppo. Jedes Theme kann der Nutzer zudem selbst bearbeiten und anpassen oder gleich ein eigenes Theme erstellen, zum Beispiel auf Basis eines gerade aufgenommenen Fotos.

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Mit den Themes können Nutzer ihr M9 persönlich gestalten.

(Foto: jwa)

Individualisierung und Anpassung stehen bei HTC hoch im Kurs: Das M9 kommt mit einem Widget-ähnlichen Bereich auf dem Homescreen, dessen Inhalt sich am Aufenthaltsort des Nutzers orientiert und passende Apps zeigt, deren Auswahl angepasst werden kann. Zur Auswahl stehen "Arbeit", "Zuhause" und "Unterwegs", weitere Modi sind bislang nicht geplant. Außerdem liefert das M9 je nach Tageszeit Tipps für Restaurants, Cafes und Bars in der Umgebung, die aus dem Empfehlungsportal Yelp gezogen werden.  

An der Akkulaufzeit saugen diese standort- und uhrzeitbasierten Dienste nicht merklich. Das One M9 hat eine gute Ausdauer und bringt seinen Besitzer bei moderater Benutzung bis weit in den zweiten Tag. Das liegt nicht nur am im Vergleich zum M8 größeren Akku, sondern auch an der potenziell stromsparenderen Bauweise des Chipsatzes Snapdragon 810. Unter Last ist die Laufzeit schlechter, Software-Optimierungen könnten hier aber bis zum Marktstart noch Verbesserungen bringen.

Problemkind Prozessor

Überhaupt ist der Prozessor ein Problemkind: Qualcomms Snapdragon-Chipsätze werden in den meisten Top-Smartphones eingesetzt, doch Samsung entschied sich für das Galaxy S6 für einen Exynos-Chip aus eigenem Haus. Grund dafür waren wohl Überhitzungsprobleme, mit denen der Snapdragon 810 angeblich zu kämpfen hatte. Auch beim One M9 gab es Meldungen von ungewöhnlich heiß gewordenen Geräten, es handelte sich hierbei aber um Vorserienmodelle mit unfertiger Software. Ein Hardwarefehler liege definitiv nicht vor, versicherte ein HTC-Sprecher auf Nachfrage. Ein Firmware-Update sollte die Probleme beheben, man arbeite noch an einer Optimierung zwischen Leistung und Temperaturentwicklung. Das letzte Update hat Besserung gebracht, die Bedenken gegen den Snapdragon 810 können diese Versicherungen aber nicht gänzlich aus dem Weg räumen.

Probleme mit hoher Hitzeentwicklung und einer Drosselung der Prozessorleistung sollten aber ohnehin nur Nutzer bekommen, die ihr Smartphone über längere Zeit stark beanspruchen. Im normalen Gebrauch wird das M9 zwar warm, das ist aber bei Metallgehäusen nicht ungewöhnlich und nicht weiter bedenklich. Die insgesamt gute Leistung wird dadurch nicht beeinflusst. Das M9 reagiert schnell und flüssig auf Eingaben, browst flott im Internet und startet Apps zügig. Nur hin und wieder trüben kleine Aussetzer oder Verzögerungen das flüssige Benutzererlebnis. Die Sprachqualität ist ebenfalls gut, beide Gesprächspartner sind klar und deutlich zu verstehen. Empfangsprobleme hat das M9 trotz seines Metallkörpers nicht.

Nicht der ganz große Wurf

Deutlich wird im Test eines: Das One M9 ist ein klasse Smartphone, ohne Frage. Doch der ganz große Wurf ist es nicht geworden. Bei einer selbstbewussten Preisempfehlung von 749 Euro muss es sich mit den ganz Großen messen lassen. Das ist zu Recht der Anspruch von HTC, doch in diesem Preissegment, der oberen Premiumklasse, gibt es beinharte Mitbewerber, in diesem Jahr mehr denn je. Am meisten fürchten muss HTC dabei das Galaxy S6 von Samsung, denn aller Voraussicht nach wird es in wichtigen Kategorien wie Display, Leistung oder Kamera besser sein als das M9. Und das Argument der Wertigkeit, bisher einer von HTCs größten Trümpfen, wiegt nicht mehr schwer, denn die liegt aktuell im Trend. Samsung hat sich vom Plastik-Image verabschiedet und bringt mit dem Galaxy S6 ein auch äußerlich tolles Gerät.

Was bleibt also für HTC? Sicher, die Boomsound-Lautsprecher sind unerreicht gut, das Aluminiumgehäuse ist nach wie vor eines der schönsten für Android-Geräte. Die cleveren Software-Funktionen sind ein Mehrwert, die Benutzeroberfläche sieht gut aus, die Frontkamera ist klasse. Doch das Jahr ist noch jung, die meisten Hersteller haben ihre Flaggschiffe noch nicht präsentiert. Am Ende wird es für HTC schwer werden, sich gegen mächtige Mitbewerber wie Samsung und Apple zu behaupten. Dass es für einen Platz auf dem Siegertreppchen der besten Smartphones des Jahres reichen wird, ist deshalb schon jetzt nicht mehr sicher.

Quelle: n-tv.de

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