Technik

Netzneutralität aufgeweicht Telekom plant exklusive Überholspuren

Nur wenige Tage, nachdem das EU-Parlament neue Regeln zur Netzneutralität beschlossen hat, erklärt Telekom-Chef Höttges, wie Unternehmen künftig für schnelle und stabile Verbindungen extra zur Kasse gebeten werden sollen. Für Start-ups hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht.

Die Deutsche Telekom will Internet-Startups und andere Unternehmen mit einem Bedarf für hohe Netz-Bandbreiten gesonderte kostenpflichtige "Spezialdienste" anbieten. Das Internet sei vielfältig und bringe Dienste hervor, an die bis vor Kurzem noch niemand gedacht habe, schreibt Telekom-Chef Tim Höttges in einem Blogbeitrag. "Das fängt bei Videokonferenzen und Online-Gaming an und geht über Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie. Gemeinsam haben diese Dienste, dass sie andere, teilweise höhere Qualitätsanforderungen haben als das einfache Surfen oder die E-Mail, die auch ein paar Millisekunden später ankommen kann. Eine Videokonferenz sollte beispielsweise auch zu Stoßzeiten im Netz nicht ins Stocken geraten. Deshalb muss die Möglichkeit bestehen, dass die Daten empfindlicher Dienste im Stau Vorfahrt bekommen."

Tim Höttges ist in wenigen Wochen ein Jahr im Amt. Foto: Oliver Berg

Telekom-Chef Tim Höttges findet die neuen Netzneutralitäts-Regeln prima.

(Foto: dpa)

Ein wirklich neutrales Internet gibt es für Höttges schon heute nicht, "Qualitätsdifferenzierung" sei gelernte Praxis. Beispielsweise koste mehr Speicherplatz für Mails oder Videos in HD statt SD extra. "In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen." Kritikern, die anführen, kleine Unternehmen könnten sich die Überholspuren nicht leisten, hält Höttges entgegen, gerade Startups brauchten Spezialdienste, um mit großen Anbietern mithalten zu können, die sich weltweite Serverparks leisten könnten. " Nach unseren Vorstellungen bezahlen sie dafür im Rahmen einer Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent. Das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur. Und es sorgt für mehr Wettbewerb im Netz."

Das Europaparlament hatte am 27. Oktober beschlossen, dass sich im Prinzip niemand in der EU eine Vorfahrt im Internet erkaufen darf. Allerdings erlaubt die Verordnung bestimmte "Spezialdienste", die im Netz bevorzugt werden dürfen. Netzaktivisten und Wirtschaftsverbände hatten gegen diese Aufweichung der Netzneutralität bereits im Vorfeld protestiert.

Höttges: Ausgewogener Kompromiss

Höttges bezeichnete den ausgehandelten Vorschlag von EU-Kommission, Rat und Parlamentsvertretern als Kompromiss, der durchaus ausgewogen sei. "Gegen unseren Wunsch gibt es Regeln zur Netzneutralität und damit mehr Regulierung. Die neue Verordnung soll ausschließen, dass der Internetzugang für EU-Bürger eingeschränkt wird." Gleichzeitig bleibe es aber möglich, auch in Zukunft innovative Internetdienste zu entwickeln, die höhere Qualitätsansprüche haben. "Das sind die sogenannten Spezialdienste."

Die Telekom wird nicht der einzige Internet-Anbieter sein, der Überholspuren einführt. Höttgers Aussagen hält auch Konkurrent Vodafone für richtig. "Ein Ein-Klasse-Internet gibt es bereits heute nicht", teilte das Unternehmen "Spiegel Online" mit.

Quelle: n-tv.de, kwe/dpa

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