Wirtschaft

Bergab mit "Rückenwind" EU-Länder tunen Abgastests

e292025bca6d05e3a42fa555f9998d34.jpg

Die größten EU-Länder fordern Aufklärung im VW-Skandal, weichen die Abgas-Tests aber selbst gezielt auf.

(Foto: dpa)

Offiziell empören sich Berlin, Paris und London über den Abgas-Betrug bei VW. Doch hinter verschlossenen Türen helfen sie der Autolobby, Schlupflöcher in die Emissionstests einzubauen.

"Unsere Botschaft ist klar: null Toleranz gegenüber Betrug", erklärt EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska. Als Reaktion auf den Abgasskandal bei Volkswagen hat die EU-Kommission alle Mitgliedstaaten aufgefordert, zu untersuchen, ob andere in Europa verkaufte Fahrzeuge die Abgasnormen einhalten.

Überall gibt man sich empört. Selbst Indien und Australien wollen VW-Abgase prüfen. Die französische Regierung hat stichprobenartige Tests aller Fahrzeuge auf dem französischen Markt angekündigt. Auch das britische Verkehrsministerium will Autos erneut testen. Die Regierung nehme die "inakzeptable Vorgehensweise" bei VW "extrem ernst". In Deutschland hat Verkehrsminister Dobrindt eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Doch dieselben EU-Länder, die nun am lautesten nach Aufklärung des Betrugs schreien, haben sich laut einem Medienbericht hinter verschlossenen Türen in Brüssel erst kürzlich dafür eingesetzt, die neuen Abgas-Testverfahren aufzuweichen. Nur wenige Monate vor Bekanntwerden des VW-Skandals sollen Großbritannien, Frankreich und Deutschland bei der EU-Kommission darauf bestanden haben, Schlupflöcher in den Tests beizubehalten, berichtet die britische Zeitung "Guardian" unter Berufung auf durchgestochene Dokumente.

Lobby schafft Lücken im System

Momentan werden die Abgas-Grenzwerte im Labor noch nach dem sogenannten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) überprüft. Dabei müssen die Autos ein genau festgelegtes Fahrprofil absolvieren. Experten kritisieren schon lange, dass der Test nicht das typische Fahrverhalten wiederspiegelt. Realistische Beschleunigungen oder Staus kommen nicht vor. Die Höchstgeschwindigkeit von gerade mal 120 km/h wird nur einmal kurz erreicht.

Deswegen soll der NEFZ-Test in den nächsten Jahren vom sogenannten WLTP-Zyklus (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure) abgelöst werden, der unter dem Dach der Uno entwickelt wurde. Er enthält laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) deutlich mehr Beschleunigungs- und Bremsvorgänge. Eigentlich sinnvoll, denn mit dem WLTP-Test sollen Schlupflöcher geschlossen werden, die die Messungen bislang verzerren. Genau dagegen haben Berlin, Paris und London laut "Guardian" nun aber in Brüssel interveniert - zum Schutz der Autoindustrie.

Tests mit "Rückenwind"

Das britische Verkehrsministerium setzte sich laut dem Bericht zum Beispiel dafür ein, dass die Hersteller die Batterien ihrer Autos vor dem Test wie bisher extern vollladen dürfen. Denn dann muss der Motor die Batterie nicht während der Fahrt aufladen und dafür zusätzlich Sprit verbrauchen.

"Es scheint unter den NEFZ-Testbedingungen verbreitet zu sein, dass die Hersteller die Batterie in der Standzeit vor dem Test aufladen oder eine teilweise entladene Batterie vor dem eigentlichen Test mit einer vollen ersetzen", schrieb ein Abteilungsleiter im britischen Verkehrsministerium laut "Guardian" am 29. Mai an die EU-Kommission. Man glaube, dass dieser Ansatz sich auch in den neuen WLTP-Testprozeduren wiederfinden sollte.

Und ausgerechnet Deutschland, das sich jetzt mit den VW-Manipulationen herumschlagen muss, hat laut "Guardian" noch weitreichendere Tricks vorgeschlagen. Berlin habe gefordert, die Tests sollten künftig auf einer Bergab-Strecke durchgeführt werden, schreibt das Blatt. Und sich dafür eingesetzt, dass die Hersteller einfach einen CO2-Wert angeben dürfen, der vier Prozent unter dem tatsächlichen Testergebnis liegt. Frankreich habe alle vorgeschlagenen Schlupflöcher unterstützt - bis auf den vierprozentigen Abgas-Abschlag.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema