Marktberichte

"Bremain"? Warten und Tee trinken! Dax-Anleger "gehen stark ins Risiko"

Den Referendums-Tag der Briten werden die Anleger am deutschen Aktienmarkt nicht so schnell vergessen: 270 Punkte klettert der Dax in der Spitze. Euphorie bestimmt das Börsengeschehen. Dann kippt die Stimmung etwas. In den USA markierten die Indizes in den letzten Handelsminuten ihre Tageshochs.

Das Positive am Tag des EU-Referendums der Briten: Am deutschen Aktienmarkt hat der Dax auch am Donnerstag seinen Aufwärtstrend fortgesetzt. Das Negative: Der Leitindex konnte sein Tageshochniveau nicht halten. "Es scheint, dass keiner die Rally verpassen will", sagte n-tv-Börsenexpertin Corinna Wohlfeil noch am Mittag. "Die Anleger sind mit dem Thema durch, gehen aber stark ins Risiko", warnte sie und verwies auf den unsicheren Ausgang der Abstimmung: "Die Frage ist: Was passiert morgen? Steigen die Kurse weiter oder fallen sie?" Auch Wohlfeils Kollege Frank Meyer mahnte: "Je nach Ausgang könnte es zu größeren Schwankungen kommen - auch beim Pfund." Und die Schwankungen setzten bereits am Nachmittag ein.

Der Dax schloss mit einem Aufschlag von 1,9 Prozent und 10.257 Punkten. Das Tageshoch markierte er aber deutlich darüber: bei 10.341 Zählern. Damit setzte sich dennoch der Aufwärtstrend fort: Am Montag hatte er 330 Punkte höher geschlossen, am Dienstag 50, am Mittwoch 55 Stellen. Der MDax zog 1,4 Prozent auf 20.772 Zähler an. Der TecDax gewann 0,9 Prozent auf 1642 Stellen.

"Bremain"?: erste Gewinnmitnahmen

"Es ist offensichtlich: Die Investoren nehmen einen Verbleib der Briten in der EU momentan vorweg", kommentierte Daniel Saurenz von Feingold Research. "Die Erholungsrally von fast 700 Punkten lässt allerdings nicht viel an positivem Überraschungspotenzial für den Freitag zu. Im Gegenteil Es könnten Gewinne eingestrichen werden. Zwei Wochen lang war der Dax Seismograph eines möglichen Brexits - am Freitag hat dieses Spiel ein Ende und man wird sich wieder der anderen Faktenwelt stellen, die aus mauen Konjunkturdaten, einer unsicheren US-Notenbank und einem komplexen Umfeld in Asien besteht."

"Die Nerven sind extrem angespannt", sagte ein Börsianer. Zur Wochenmitte hatte ein veröffentlichtes Umfrageergebnis dem Dax etwa die Hälfte seines Aufschlages gekostet. Um die Mittagszeit wurde heute das Ergebnis einer weiteren Umfrage veröffentlicht, die Ipsos Mori im Auftrag der Zeitung "Evening Standard" am Mittwochabend vorgenommen hatte. Darin sprachen sich 52 Prozent der Befragten für einen Verbleib Großbritanniens in der EU aus und 48 Prozent für den Austritt.

Mit wirklich belastbaren Ergebnissen wird aber erst am frühen Freitagmorgen gerechnet, auch weil die Wahllokale bis 23.00 Uhr MESZ geöffnet haben werden.

Devisen: Pfund-Kehrtwende

Das Pfund Sterling war im Laufe dieser Woche zum Dollar schon um insgesamt mehr als 3 Prozent gestiegen, da Umfragen einen leichten Vorsprung des "Bremain"-Lagers auswiesen. Das Pfund legte auch am Donnerstag zunächst weiter - in der Spitze bis auf 1,4947 Dollar. Das war der höchste Stand seit rund einem halben Jahr. Am Abend war davon nichts mehr übrig. Das Pfund notierte mit 1,4771 Dollar deutlich unter Tageshoch und auch rund 0,4 Prozent unter dem Wert zur Wochenmitte.

Ein Grund: An den Märkten wurden auch andere Szenarien durchgespielt. So vermuteten Teilnehmer, dass das Pfund selbst bei einem Ausgang zugunsten des EU-Verbleibs etwas unter Druck kommen könnte, nachdem es bereits im Vorfeld gestiegen war - nach dem Muster "Buy the rumor, sell the fact". Im Fall eines Brexit dürfte das Pfund massiv abstürzen, sagten Analysten. Sogar ein Fall unter die psychologisch wichtige Marke bei 1,40 Dollar wurde prognostiziert.

Das gleiche Bild zeigte auch der Euro. Im Tageshoch notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,1422 Dollar. Am Abend lag sie bei 1,1363 Dollar. Das war aber immerhin noch ein Aufschlag von 0,2 Prozent zum Mittwochswert. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Mittag auf 1,1383 Dollar fest nach 1,1283 Dollar zur Wochenmitte und 1,1314 Dollar am Dienstag. "Die Chancen stehen über den Daumen 50/50, mit einer marginal etwas größeren Chance für einen Verbleib", kommentierte Antje Praefcke, Analystin bei der Commerzbank.

Während der Dollar zum Euro zurückfiel, machte er zum Yen rasant Boden gut. Das gilt als Zeichen dafür, dass die Anleger wieder risikofreudiger agieren. Der Dollar stieg klar über 105 Yen und näherte sich der Marke von 106 Yen. Auf dem Höhepunkt der Brexit-Angst war der als sicherer Hafen geltende Yen massiv gekauft worden und der Dollar zeitweise unter 104 Yen gefallen.

Rohstoffe:  Ölpreis steigt

Der Rücksetzer des Dollar verhalf dem Ölpreis zu einer Erholung, nachdem er am Mittwoch unter enttäuschenden Daten zu den Öllagerbeständen der USA gelitten hatte. Das US-Energieministerium hatte einen geringeren Rückgang gemeldet, als Analysten erwartet hatten. Auch die Aussicht darauf, dass sich die Briten für Europa entscheiden werden, wird am Ölmarkt mit Erleichterung aufgenommen, denn der Brexit würde vermutlich die Konjunktur schwächen und mit ihr die Nachfrage nach Öl.

Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Abend 50,20 Dollar. Das waren 0,6 Prozent mehr als Mittwoch. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg ebenfalls 0,6 Prozent auf 49,42 Dollar.

Dax: Autos und Versorger

Bei den Einzelwerten blickten die Anleger zurück und voraus: Frische Absatzzahlen meldete der Automobilverband Acea. BMW und Daimler schlossen rund 2 Prozent und 1,4 Prozent fester. Nach der Entlastung der VW-Führung auf der Hauptversammlung präsentierten sich die Volkswagen-Aktien zudem 2,5 Prozent im Plus.

Daneben standen einige Umstufungen im Blick. So hatte Barclays Eon auf "Übergewichten" heraufgestuft von "Gleichgewichten". Für RWE zeigte sich die britische Bank nun zumindest weniger pessimistisch: Die Einstufung lautet nun "Gleichgewichten" nach "Untergewichten". RWE gewannen zeitweise mehr als 5 Prozent, gingen dann rund 3 Prozent höher aus dem Handel. Eon verbesserten sich rund 1,5 Prozent. "RWE hatten immer unter ihrem Briten-Exposure gelitten und profitieren nun umgekehrt am meisten von der Hoffnung auf ein 'Bremain'", sagte ein Händler. Die einem Briten-Ausstieg folgende Abwertung des Pfunds würde RWE am stärksten treffen, da RWE dort unter anderem mit Npower zu den großen Energieanbietern gehöre. Das Unternehmen liefert rund 10 Prozent der Stromerzeugung von Großbritannien.

JP Morgan nahm Thyssenkrupp von einer Liste besonders aussichtsreicher Aktien. Die Thyssen-Papiere ließ das aber kalt, sie reagierten mit einem Aufschlag von am Ende etwa5 Prozent.

MDax: Leoni liefert an Peugeot

Leoni gewannen mehr als 4 Prozent. Das Unternehmen wird dem Autobauer PSA Peugeot Citroen ab Oktober 2018 Bordnetz-Systeme für seine Fahrzeuge liefern. Die Aufträge hätten ein Umsatzvolumen von 500 Millionen Euro über die Projektlaufzeit, so der Zulieferer.

Kuka-Titel reagierten positiv auf einen Bericht im "Manager Magazin" und schlossen 1,5 Prozent fester. Im Bericht heißt es: Der Familienkonzern Voith diene seine Kuka-Anteile dem chinesischen Hausgerätehersteller Midea an. Voiths Eigner hätten auf einer Gesellschafterversammlung am 15. Juni einen Beschluss zur Veräußerung der 25,1 Prozent im Rahmen des chinesischen Übernahmeangebots gefasst. Midea bietet 115 Euro je Kuka-Aktie.

Solarworld droht schnelles Urteil

Solarworld sackten rund 10 Prozent ab. Dem Unternehmen droht im womöglich existenzbedrohenden Streit mit seinem Siliziumlieferanten Hemlock ein schnelles Gerichtsurteil: Das zuständige Bundesgericht im US-Staat Michigan hatte den Wunsch auf eine weitere mündliche Verhandlung in dem Prozess endgültig abgelehnt. Es lägen dem Gericht alle nötigen Argumente für eine schnelle Entscheidung über Hemlocks Antrag auf ein summarisches Urteil vor, teilte der zuständige Richter den Parteien mit. Er gab Solarworld lediglich bis Montag Zeit für eine höchstens zehnseitige Stellungnahme.

USA: S&P-500 vor Allzeithoch

Auch die Kurse an der Wall Street legten zu. Der Dow-Jones-Index gewann 1,3 Prozent auf 18.011 Punkte und ist damit nur noch gut 150 Punkte von seinem Jahreshoch im April entfernt. Der S&P-500-Index machte weitere 1,3 Prozent gut und der Nasdaq-Composite legte um 1,6 Prozent zu.

Die Anleger schielten bereits auf ein Allzeithoch beim S&P-500. Bis dahin fehlen dem Leitindex noch knapp eineinhalb Prozent. "Die Chancen sind gut, weil viel Liquidität an den Seitenlinien geparkt ist", sagte ein Marktteilnehmer. Sollte das Geld nach der Brexit-Abstimmung an den Markt fließen, wären neue Rekordstände greifbar nahe. Ein neues Jahreshoch über 2121 wäre ein erstes Zeichen für eine erfolgreiche Attacke.

Die Veröffentlichung von US-Konjunkturdaten spielte indes keine Rolle. Erfreulich war die Entwicklung der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Diese waren auf 250.000 von 277.000 in der Vorwoche zurückgegangen. Erwartet wurde ein Rückgang auf 270.000. Weniger günstig fiel der Chicago Fed National Activity Index aus. Dieser gab im Mai auf minus 0,51 von nach unten revidierten plus 0,05 im Vormonat nach. Auch der gleitende Dreimonatsdurchschnitt sank.

Bei den Einzelwerten gerieten Red Hat unter Druck, nachdem das Softwareunternehmen am Mittwoch nach Börsenschluss einen enttäuschenden Ausblick gegeben hatte. Die Aktien verloren rund 4 Prozent.

Asien: Warten und Habacht

Ohne maßgebliche Bewegungen zeigten sich die ostasiatischen Aktienmärkte am Briten-Referendums-Donnerstag. In Tokio stieg der Nikkei-Index 1,1 Prozent auf 16.318 Punkte. Für den S&P/ASX 200 in Sydney ging es 0,2 Prozent nach oben, der Hang-Seng-Index verbesserte sich 0,3 Prozent. Mit einem Abschlag von 0,5 Prozent auf 2892 Punkte zeigte sich dagegen der Shanghai-Composite. Hier drückten vor allem Abgaben bei den Energiewerten auf das Sentiment.

Die Positionierungen vor dem Beginn des Referendums sind mittlerweile abgeschlossen", so Analyst Robert Adair von UOB Asset Management. Sollten sich die Wähler für einen Verbleib in der EU entscheiden, dann dürfte es weltweit eine kleine Erleichterungsrally an den Devisen- und Aktienmärkten geben, so ein Teilnehmer. Im Falle des Votums für einen Austritt dürften auch die Aktienmärkte in Asien unter Druck geraten. Jedoch werde auch darauf geschaut, wie knapp oder deutlich das Ergebnis ausfalle.  

Quelle: n-tv.de, bad/DJ/rts/DJ

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