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Blockbuster "Illuminati" Angst vor Antimaterie unbegründet

Mit einem Viertelgramm Antimaterie will der Geheimbund der Illuminati im gleichnamigen Kino-Blockbuster den gesamten Vatikan von der Landkarte fegen. Wissenschaftler beruhigen: Physikalische Tatsachen werden in dem Film ignoriert.

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Im Film "Illuminati" werden physikalische Tatsachen ignoriert.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mit nur einem Viertelgramm Antimaterie will der Geheimbund der Illuminati im gleichnamigen Kino-Blockbuster den gesamten Vatikan von der Landkarte fegen. Den explosiven Stoff hat der obskure Orden aus den Laboren des europäischen Teilchenforschungszentrums CERN bei Genf entwendet und als Zeitbombe versteckt – in einer magnetischen Flasche tief in den Eingeweiden des Kirchenstaats. Für die Protagonisten des Streifens beginnt eine nervenaufreibende Jagd nach dem Versteck, die zu einem Wettrennen gegen die Akkulaufzeit der magnetischen Flasche wird. Physikalische Tatsachen werden in dem Kassenschlager und dem zugrundeliegenden Roman von Dan Brown jedoch "nonchalant" ignoriert, beruhigen Wissenschaftler. Vorbild für eine neue perfide Attentatsvariante dürfte der Plot daher kaum werden.

"Zum Glück kann niemand so etwas bauen"

"Ein Viertelgramm Antimaterie in einer Flasche! Zum Glück kann niemand so etwas bauen", beschwichtigt der CERN-Physiker Prof. Günther Dissertori von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Denn hochexplosiv wäre so eine Bombe durchaus.

Antimaterie ist eine Art Spiegelbild unserer gewöhnlichen Materie. Berühren sich die beiden, löschen sie sich gegenseitig in einem gigantischen Energieblitz aus. Antimaterie unterscheidet sich nach heutigem Wissen lediglich durch die elektrische Ladung von Materie. Während etwa der Atomkernbaustein namens Proton elektrisch positiv geladen ist, trägt das Antiproton eine negative Ladung. Und während das Elektron negativ geladen ist, trägt sein Antiteilchen, das Positron, eine elektrisch positive Ladung.

Sprengkraft im Film sogar unterschätzt

Bei ihrer Auslöschung – Physiker sprechen von Annihilation – zerstrahlt die gesamt Masse von Materie und Antimaterie zu Energie. Berechnen lässt sich das durch Albert Einsteins berühmte Masse-Energie-Äquivalenz E = mc². Im Film wird diese Sprengkraft sogar unterschätzt: Mit dem Viertelgramm Antimaterie soll alles in einem Kilometer Umkreis um die Bombe in die Luft gejagt werden. Ein Viertelgramm Antimaterie, das mit einem Viertelgramm Materie annihiliert, setzt nach Einsteins Formel jedoch bereits eine Sprengkraft von rund zehn Kilotonnen TNT frei – das liegt schon im Bereich der Hiroshima-Bombe. Damit könne ganz Rom und nicht nur der Vatikan zerstört werden, betont Dissertori.

Was wie eine winzige Menge klingt, ist in der Realität jedoch beruhigenderweise unmöglich zu produzieren. "Da es auf der Erde keine natürlichen Vorkommen gibt, muss jedes Antiteilchen mit ungeheuer viel Energie hergestellt werden", erläutert Dissertoris Kollege Carmelo Marchia. Antimaterie kann daher auch nichts zur Lösung der Energieprobleme der Menschheit beitragen, wie das Buch von Dan Brown suggeriert.

Physikalische Spiegelwelt

Am CERN wird aber tatsächlich gezielt Antimaterie hergestellt – die Physiker erforschen damit die genauen Eigenschaften dieser physikalischen Spiegelwelt. Sie wollen etwa wissen, ob Antiatome dieselbe Masse haben, genauso auf die Schwerkraft reagieren und in selber Weise Strahlung absorbieren und aussenden wie gewöhnliche Materie. "Während eines Jahres produzieren wir am CERN die winzige Menge von circa einem Nanogramm Antimaterie", berichtet Dissertori. "Für das im Film erzeugte Viertelgramm würden wir also circa 250 Millionen Jahre benötigen."

Auch in den zahlreichen Beschleunigerversuchen zu anderem Zweck entsteht routinemäßig Antimaterie, vor allem in Form von Antiprotonen. "Das CERN arbeitet seit rund 50 Jahren. Selbst wenn man alle Antiprotonen aus der gesamten Betriebszeit irgendwie gespeichert hätte, würden die nur die Energie für den Betrieb einer einzigen 100-Watt-Glühbirne für zwei bis drei Monate enthalten", rechnet Professor Walter Oelert vor, dessen Team am CERN vor 13 Jahren als weltweit erstes Antiwasserstoff erzeugt hat. "Dabei kostet das CERN rund 700 Millionen Euro im Jahr."

Problematischer Transport

Auch speichern und transportieren lässt sich Antimaterie keineswegs so problemlos wie im Kino. Die elektrisch geladenen Antiprotonen können zwar in einem elektrischen Feld einfangen werden, müssen aber im Hochvakuum bleiben, damit sie nicht mit gewöhnlicher Materie in Berührung kommen und zerstrahlen. "Mit unserem weltbesten Vakuum von 10 hoch -17 Millibar haben wir ein einzelnes Antiproton immerhin über Monate gespeichert", berichtet Oelert. Ein Viertelgramm entspricht jedoch etwa Hundert Trilliarden Protonen – das ist eine Eins mit 23 Nullen. "Davon wird eines dann eben doch bald mit dem Restgas im Vakuum annihilieren, was die Falle erwärmt und die Speicherdauer rasch verkürzt", sagt Oelert. Zudem sind extreme elektrische Felder nötig, um so viele elektrisch geladene Teilchen auf kleinem Raum zusammenzuzwängen.

Die starken elektrischen Kräfte ließen sich durch die Verwendung von Antiwasserstoff umgehen, der als komplettes Atom nach außen hin elektrisch neutral ist. Im Prinzip ließe sich Antiwasserstoff – ebenfalls im Hochvakuum – in einer Art magnetischer Mulde einfangen. Das ist aber bisher nur Theorie, berichtet Oelert. "Wir arbeiten seit unserer Entdeckung vor 13 Jahren daran – und es ist uns nicht gelungen."

Quelle: ntv.de, Till Mundzeck, dpa

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