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Zu viel Psychopharmaka für Kinder Ärzte missachten ADHS-Leitlinien

Zu schnell und zu oft werden in den USA Psychopharmaka für Kinder verschrieben. Nicht nur Haus- sondern auch die meisten Fachärzte verordnen sogar Kindern im Vorschulalter lieber Medikamente als auf Verhaltenstherapien zu setzen und übergehen damit die gültigen Leitlinien für ADHS.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Schon im Vorschulalter bekommen in den USA viele Kinder nach Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) sofort Psychopharmaka. Einer Studie zufolge halten sich mehr als 90 Prozent der Fachärzte bei der ADHS-Therapie nicht an die medizinischen Leitlinien. Das zeigt eine Befragung von US-Spezialisten, die Forscher auf einer Fachtagung in Washington vorstellten. Zudem verordnen fast 40 Prozent der Fachärzte nicht das eigentlich empfohlene Mittel Ritalin, sondern andere Psychopharmaka.

Seit langem beobachten viele Experten in den USA und auch in Europa die deutlich ansteigenden ADHS-Diagnosen und die damit verbundene Verschreibung von Psychopharmaka mit Unbehagen. Gerade in den USA wird diese Zunahme auch damit erklärt, dass die Störung oft von Allgemeinmedizinern festgestellt wird und nicht von Spezialisten. Nun zeigt eine Studie, dass auch die überwältigende Mehrheit der Fachärzte die medizinischen Leitlinien ignoriert.

Neun von zehn Fachärzte verordnen sofort Psychopharmaka

Die Kinderärzte um Andrew Adesman vom New Yorker Cohen Children’s Medical Center werteten Angaben von insgesamt 560 spezialisierten Kindermedizinern aus, darunter fast 240 Kinderpsychiater und Kinderneurologen. Mehr als 90 Prozent der Spezialisten ignorierten bei der Therapiewahl die Empfehlungen des Amerikanischen Kindermediziner-Verbands AAP. Diese sehen vor, dass bei Kindern im Vorschulalter nach der Diagnose ADHS zunächst eine Verhaltenstherapie versucht wird. Nur wenn diese versagt, sollen Medikamente erwogen werden – und dann zunächst das Stimulans Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin.

Mehr als 90 Prozent der Befragten verordnen dagegen bei Kindern dieser Altersgruppe bei der Diagnose oft oder sehr oft Medikamente. Diese Praxis hing nicht davon ab, wie gut das Angebot an Verhaltenstherapeuten in der jeweiligen Region war. Damit nicht genug: Mehr als 38 Prozent der Spezialisten gaben an, beim Verschreiben von Psychopharmaka oft oder sehr oft nicht Ritalin zu empfehlen, sondern andere Präparate wie etwa Amphetamine. Fast jeder fünfte Spezialist ging davon aus, künftig noch mehr Kindern Psychomittel zu verschreiben. Nur drei Prozent glaubten, künftig seltener solche Rezepte auszustellen.

Forscher rätseln über Verhalten der Spezialisten

Adesman weiß nicht, warum sich so viele Fachärzte nicht an die erst kürzlich aktualisierten ADHS-Empfehlungen halten. "Nachdem die AAP ihre Leitlinien zu Diagnose und Behandlung auf Kinder im Vorschulalter ausgedehnt hat, wird wahrscheinlich bei mehr kleinen Kindern ADHS diagnostiziert", glaubt er. Erstautorin Jaeah Chung meint: "Zu einer Zeit, in der sich Öffentlichkeit und Experten um die Übermedikalisierung von Kindern mit ADHS sorgen, scheinen viele medizinische Spezialisten diesen Kindern Medikamente als Teil der Anfangsbehandlung zu empfehlen."

Quelle: n-tv.de, dpa

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