Wissen

Archäologie in Ägypten DAI wird 100 Jahre alt

Wenn von deutscher Archäologie in Ägypten die Rede ist, kommt einem in diesen Tagen sofort der Streit um die Nofretete-Büste in den Sinn, die nach dem Willen der Ägypter ihr Ursprungsland besuchen soll, aber von der Bundesrepublik zurückgehalten wird. Der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt hatte die mehr als 3.000 Jahre alte Büste entdeckt, als er 1912 in Tell al-Amarna das Atelier des Bildhauers Thutmosis ausgrub.

Borchardts Begeisterung für die Zeit der Pharaonen ist aber nicht nur dem Umstand geschuldet, dass die Schöne vom Nil ihr majestätisches Lächeln heute in Berlin zeigt und nicht in Kairo. Auf Borchardts Initiative geht auch die Gründung des Kaiserlich Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde 1907 in Kairo zurück. Das Institut war der Vorläufer der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), die in diesem November ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Eine der wichtigsten ausländischen Institutionen

"Damals vor 100 Jahren hatten es die Archäologen in Ägypten zwar leichter, weil es bei der Grabung weniger Reglementierungen gab, dafür hatte man aber nicht die technischen Möglichkeiten, die uns heute enorm die Arbeit erleichtern", erklärt der Direktor der DAI-Abteilung Kairo, Günter Dreyer. Er schwärmt vor allem von den "fantastischen Möglichkeiten" der geomagnetischen Prospektion. Diese Technik, die seit etwa zehn Jahren in größerem Umfang eingesetzt wird, erlaubt es den Archäologen, noch vor dem ersten Spatenstich einen groben Plan dessen, was an Gräbern und Bauwerken unter der Erde schlummert, anzufertigen.

"Das DAI gehört zusammen mit den Instituten der Polen, der Amerikaner, Italiener und Franzosen zu den fünf wichtigsten ausländischen Instituten in Kairo", erklärt Zahi Hawass, der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des DAI. Am Rande der Festlichkeiten zum Jubiläum wurde nach Angaben von Augenzeugen auch der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Hawass und dem Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, Dietrich Wildung, endgültig beigelegt. Dieser hatte sich einst an Wildungs kritischer Kommentierung eines Forschungsprojektes von Hawass in der Cheops-Pyramide entzündet und hatte sich dann durch den Nofretete-Streit fortgesetzt.

Neben einem Symposium hat das DAI anlässlich des Jubiläums auch eine Sonderausstellung im Ägyptischen Museum in Kairo mit dem Titel "Begegnung mit der Vergangenheit" organisiert, die in einem der kleineren Säle im Erdgeschoss noch bis zum 15. Januar zu sehen ist. Für die Ausstellung, die einen Einblick in die Arbeit des DAI-Kairo in den vergangenen fünf Jahrzehnten gewährt, wurden auch einige Fundstücke aus den Magazinen geholt, die noch nie zuvor öffentlich gezeigt worden sind.

Fundstücke aus dem 3. und 5. Jahrtausend v. Chr.

Am Eingang des Ausstellungssaales begrüßt die Besucher ein kleiner aus Ton gefertigter Kopf, der in puncto Eleganz zwar nicht mit der Nofretete-Büste mithalten kann, dafür aber noch viel älter ist als die Kalkstein-Gips-Dame mit dem langgestreckten Hinterkopf. Der aus einzelnen Fragmenten wieder zusammengesetzte Kopf wurde in Merimde Beni Salama, einer neolithischen Siedlung nordwestlich von Kairo, gefunden und soll aus dem späten 5. Jahrtausend v. Chr. stammen. Die deutschen Archäologen zeigen auf dem begrenzten Raum vor allem Fundstücke, die laut Dreyer "einen hohen Erkenntniswert" haben. Das kann ein Angelhaken aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. sein, ein Szepter aus Elfenbein aus Abydos oder 5600 Jahre alte Spindeln, die in einem Vorort von Kairo gefunden wurden.

Zwar lächelt in der DAI-Ausstellung zum Leidwesen von Zahi Hawass keine Nofretete. Doch dafür zeigt das DAI Gefäße aus gebranntem Ton, die aus der frühen 18. Dynastie stammen und die bei der Grabung in Dra Abul-Naga in Theben-West bei Luxor entdeckt wurden. Das Lächeln der Ägypter, die auf den Deckeln dieser sogenannten Kanopen dargestellt sind, ist aus heutiger Sicht mindestens genauso geheimnisvoll wie das der Gattin des Echnaton. Denn schließlich wurde in den Kanopen kein königlicher Goldschatz aufbewahrt, sondern die Eingeweide des Verstorbenen, die man der Leiche vor der Mumifizierung entnommen hatte.

Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Quelle: n-tv.de