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Wenn Kinder unterm Weihnachtsbaum nicht genau das bekommen, was sie sich gewünscht haben, ist die Enttäuschung groß.
Wenn Kinder unterm Weihnachtsbaum nicht genau das bekommen, was sie sich gewünscht haben, ist die Enttäuschung groß.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 23. Dezember 2011

Welche Geschenke sind die richtigen?: "Eltern sind selber schuld"

Die meisten Kinder wünschen sich ab einem bestimmten Alter zu Weihnachten elektronisches Spielzeug, Filme auf DVD oder spezielle Software für Spielekonsolen. Doch Eltern sollten diesen Wünschen nicht folgen. Warum, erklärt Professor Manfred Spitzer, Ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Prof. Spitzer, die Enttäuschung ist groß, wenn nicht das herbeigesehnte elektronische Gerät unterm Baum liegt. Kann man als Elternteil irgendwie vorbeugen?

Kinder mögen elektronisches Spielzeug.
Kinder mögen elektronisches Spielzeug.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Manfred Spitzer: Eltern müssen ihren Kindern Struktur geben, das heißt,. ganz klar sagen, was geht und was nicht geht. Ein Mädchen, das sich nur Prinzessinnenkleider wünscht, muss lernen, dass die Welt aus mehr als nur Klamotten besteht. Ein Junge, der sich Panzer, Kriegsspielzeug, Schwerter, eine Playstation und einen Ego-Shooter wünscht, sollte von seinen Eltern auf die Bedeutung des Weihnachtsfestes als Fest der Liebe hingewiesen werden. Wenn Eltern hier rasch klein beigeben, sind sie selber schuld! Man kann sich durchaus zu Weihnachten etwas wünschen. Wenn der Wunsch aber zu groß ist oder einfach nicht zum Fest passt, dann liegt es an den Eltern zu sagen, das kannst du dir nicht wünschen und wenn du es dir wünschst, bekommst Du es dennoch nicht. Dann ist auch die Enttäuschung nicht groß, wenn von vornherein klar ist, was geht und was nicht.

Wie viel elektronisches Spielzeug verträgt ein 4- bzw. 5-jähriges Kind?

Die Antwort ist ganz einfach: Am besten gar keines. Wenn Sie beim Weihnachtsshopping darauf achten, dass die Dinge, die Sie kaufen, ohne Strom auskommen, liegen Sie schon ziemlich gut. Ausnahme bilden hier allenfalls die traditionelle Modelleisenbahn, wenn möglich aber in diesem Alter nicht digitalisiert, oder die Lampen in einer Puppenstube. Kinder brauchen die reale Welt und keinen digitalen Abklatsch von ihr zu ihrer Entwicklung.

Von elektronischen Geräten, elektronischem Spielzeug und von Bildschirmen scheint ein besonderer Reiz auszugehen. Woran liegt das?

Ab einem bestimmten Alter ist es wichtig, das richtige Handy zu haben, um Anerkennung zu bekommen.
Ab einem bestimmten Alter ist es wichtig, das richtige Handy zu haben, um Anerkennung zu bekommen.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Kinder fasziniert von Bildschirmen seien, wird oft behauptet. Fakt ist jedoch, dass Kinder viel lieber mit der realen Welt spielen, als vor einem Bildschirm zu sitzen. Kinder langweilen sich im Grunde recht schnell vor Bildschirmmedien, und nur wenn sie nichts anderes haben, bleiben sie davor sitzen. Im Grunde ist es ein Armutszeugnis, dass viele Menschen die Beobachtung tatsächlich machen, dass Bildschirme die Kinder faszinieren. Haben wir wirklich nichts Besseres für sie? Noch einmal: Nur dann, wenn nichts anderes da ist, sind Kinder von Bildschirmen fasziniert. Es gibt viel spannendere Dinge als Bildschirme, was man immer dann merkt, wenn Kinder einmal am Strand spielen oder im Wald.

Wie viel Bildschirmspiele oder Fernsehen kann ein Kind in welchem Alter unbeschadet verkraften?

Das kann man so einfach nicht sagen. Faustregel: je weniger, desto besser!

Welche Rolle spielt der Druck in Kindergärten oder Schulen, dass man ab einem bestimmten Alter einen Gameboy, ein Handy und schließlich ein Smartphone besitzen muss, um Anerkennung zu bekommen?

Große Kinder wünschen sich auch "große" Geschenke - natürlich elektronische.
Große Kinder wünschen sich auch "große" Geschenke - natürlich elektronische.(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt ganz gewiss solchen Gruppendruck: Wenn alle Unfug treiben, dann muss man eben mit machen – dies zumindest wird oft behauptet. Ich halte das für falsch! Für mich gibt es keinen Grund, irgendeinen Unfug mit meinen Kindern mitzumachen, nur weil "alle anderen" das auch machen. Widersetzen Sie sich dem Gruppendruck, wenn er nicht sinnvoll ist! Es ist nicht wahr, dass Kinder zu Außenseitern werden, wenn sie über elektronische Medien nicht verfügen. Elektronische Medien fördern das Sozialverhalten nicht (wie oft behauptet wird), sondern ganz im Gegenteil führen zu Vereinsamung und sozialem Fehlverhalten.

Verbieten Eltern Fernsehen und/oder Internet prinzipiell, so werden diese Dinge doch noch interessanter für Kinder?

Gute Eltern verbieten auch jegliche Drogen und Kinderpornografie. Es mag ja sein, dass Verbotenes interessant wird. Dennoch hat uns das noch nie abgehalten, Dinge zu verbieten, von denen wir meinen, dass sie unseren Kindern nicht gut tun. Das Rauchen, Filme ab 18 Jahren und Alkohol verbieten wir unseren Achtjährigen ja auch. Es mag sein, dass dies alles dadurch interessanter wird. Sollen wir deswegen diese Verbote nicht aussprechen? Ich halte dieses Argument für von vorneherein völlig verfehlt. Wenn man dem Kind erklärt, warum man Verbote ausspricht (ohne dabei lange zu diskutieren), wenn man also klare Strukturen setzt, dann wird einem das eigene Kind irgendwann einmal dankbar dafür sein. Kinder brauchen Struktur, so oder so.

Die meisten Kinder haben im Freien den meisten Spaß.
Die meisten Kinder haben im Freien den meisten Spaß.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Argumente, dass man das tun müsste, was alle täten oder dass Verbote kontraproduktiv seien, sind im Grunde genommen nichts weiter als billige Ausreden uns Erwachsenen von Leuten geliefert werden, die uns Dinge verkaufen und uns vermeintlich in unseren Erziehungsbemühungen entlasten wollen. Motto: "Ich komme gegen die Übermacht der anderen ja eh nicht an". Dies ist Unfug! Eltern müssen sowieso Grenzen setzen, dann setzen wir doch gleich die richtigen!

Immer wieder ist die Rede von Medienkompetenz, die im Kindesalter erworben werden muss. Was sagen Sie dazu?

Was man braucht, um mit Medien umzugehen, ist Vorwissen, d. h. eine gute Grundbildung. Der gebildete Mensch wird auch durch Google nicht überflutet und vor allem wird er in der Lage sein, beim Überangebot durch die Medien die Spreu vom Weizen zu trennen. Das setzt aber nicht Medienkompetenz voraus und auch keinen Internetführerschein, sondern – wie bereits gesagt – eine gute Grundbildung. Diese bekommt man genau nicht aus dem Internet, sondern man bekommt sie aus Büchern und von Personen, denen man vertraut. Unter dem Vorwand der Medienkompetenz werden Kinder heute in Kindergarten und Grundschule oft "angefixt". Das heißt, man führt ihnen die große weite Welt vor dem Bildschirm vor und muss sich dann nicht wundern, dass sie weiter alles Mögliche im Netz ausprobieren. Sie werden dann dort mit Inhalten konfrontiert, für die sie noch zu jung sind, bestenfalls. Schlimmstenfalls werden sie verführt, zum Kauf von Klingeltönen oder anderem oder zu anderen Handlungen, von denen ich gar nicht reden möchte. Das Netz birgt für junge Menschen viele Gefahren, es ist also potenziell schädlich. Meine Meinung ist daher ganz klar: vergessen Sie das Gerede von Medienkompetenz und sorgen Sie dafür, dass Kinder in Kindergarten und Grundschule mit der realen Welt zu tun haben und nicht vor Bildschirmen sitzen. Wer gebildet ist, dem kann auch das Netz nichts anhaben. "Medienkompetenz" hingegen schützt nicht.

Ist es nicht etwas weltfremd, wenn man den Kindern weder Fernsehen noch Internet zur Verfügung stellt?

Prof. Manfred Spitzer, Ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.
Prof. Manfred Spitzer, Ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.

Definitiv nein! Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass Fernsehen und Computer nicht intelligenter machen, im Gegenteil. Beobachten Sie es doch einmal an sich selbst: Wenn Sie mit dem Navigationsgerät in Ihrem Auto navigieren, dann lernen Sie eben genau nicht, wo es langgeht. Wenn das Gerät dann einmal ausfällt, finden Sie auch Ziele nicht, zu denen Sie schon mit Navigationsgerät zuvor hingefahren sind. Sie haben also eine geistige Leistung digital ausgelagert und deswegen befindet sich diese Leistung dann nicht mehr in Ihrem Gehirn. So geht es uns im Umgang mit den digitalen Medien insgesamt, und man spricht mittlerweile von "digitaler Demenz". Es ist also keineswegs "weltfremd", wenn man es ablehnt, sein Gehirn dauernd durch die Verwendung digitaler Medien zu entlasten. Im Gegenteil: Man entfremdet sich langfristig von der Welt und verliert dieselbe sogar, wenn man digitale Medien im Übermaß nutzt.

Kinder können seit Kurzem eine E-Mail an den Weihnachtsmann senden. Ist das Ihrer Meinung nach eine gute und normale Entwicklung?

Solange der Weihnachtsmann dann persönlich und auch per E-Mail antwortet, ist das völlig okay. Wenn jedoch der Weihnachtsmann, durch einen Computer ersetzt, die neuesten Angebote aus der digitalen Welt den Kindern, um die sich die Eltern nicht mehr persönlich kümmern, verkaufen will, halte ich diese Entwicklung für sehr gefährlich.

Mit Manfred Spitzer sprach Jana Zeh

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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