Wissen

Verarmte Darmflora macht dick Ernährung beeinflusst Bakterienpopulation

waage.jpg

Eine eintönige mikrobielle Besiedlung des Darms könnte die Ursache sein.

(Foto: imago stock&people)

Immer mehr Menschen haben Übergewicht. Die wachsende Fülle von Menschen wird zunehmend zu einem weltweiten Problem. Aus diesem Grund laufen Forschungen rund ums Gewicht auf Hochtouren. Die Besiedlung des Darmes durch verschiedene Bakterien scheint eine heiße Spur zu sein.

400 Millionen Menschen weltweit litten Hochrechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge 2005 an Übergewicht, 2015 könnten es mehr als 700 Millionen sein. Der Anteil der Gene liege beim Gewicht bei 40 bis 70 Prozent, schreibt das Team um Stanislav Dusko Ehrlich vom Französischen Institut für agrarwissenschaftliche Forschung (INRA) in Jouy en Josas und Oluf Pedersen von der Universität Kopenhagen (Dänemark) in "Nature" . Das hätten Zwillings- und Familienstudien gezeigt. Genanalysen des Mikrobioms – der Gesamtheit aller den Menschen besiedelnden Mikroorganismen – belegten nun aber immer deutlicher, dass der Einfluss der Darmflora wohl der bedeutsamere Faktor sei.

Die Wissenschaftler hatten die Darmflora von 292 Dänen untersucht. 123 von ihnen waren normal-, 169 übergewichtig. Die Probanden ließen sich in zwei Gruppen einteilen: solche mit vielfältigen Bakteriengenen und artenreicher Darmflora und solche mit deutlich – bis zu 40 Prozent – eintönigerer mikrobieller Besiedlung. Letztere, rund ein Viertel der Probanden, seien öfter übergewichtig gewesen und an Insulin-Resistenz oder einer Fettstoffwechselstörung (Dyslipidämie) erkrankt, schreiben die Forscher. Bei ihnen war zudem die Wahrscheinlichkeit für eine künftige Gewichtszunahme höher. Wie für den tropischen Regenwald, so gelte auch für die Darmflora: je mehr Diversität, desto besser.

34210443.jpg

Begehbares Modell eines menschlichen Darmes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es genügten einige Genmarker typischerweise vorliegender Bakterienarten, um Menschen einer der beiden Gruppen zuordnen zu können. Bei Menschen mit vielfältiger Darmflora dominieren demnach unter anderem Faecali- und Bifidobakterien sowie Lactobacillen die Bakteriengemeinde. Bei den Menschen mit geringer Vielfalt im Verdauungstrakt sind es etwa Bacteroides, Parabacteroides und Ruminococcus, berichten die Wissenschaftler. Auffällig sei bei ihnen zudem das gehäufte Auftreten von Bakterien, die mit Entzündungsreaktionen des Körpers in Verbindung stehen.

Alte Ernährungsweisheiten

Prinzipiell bestätigten die Mehrzahl der bisherigen Studienergebnisse uralte Weisheiten über gesunde Ernährung. Wegen des hochkomplexen Zusammenspiels von Lebensgewohnheiten und Genetik ist aber vielfach noch unklar, was nun Wirkung sei und was Ursache. Bei aller gebotenen Vorsicht stützten die Studien aber auf jeden Fall die Hoffnung auf spezielle, auf einzelne Menschen abgestimmte Diäten.

Dass die Bakterienpopulation im Magen und Darm das Körpergewicht beeinflusst, hatten französische Forscher zuvor schon bei Mäusen gezeigt. Sie hatten Darmbakterien übergewichtiger oder gegen Fettleibigkeit resistenter Ratten in Mäuse eingesetzt. Einige der Tiere erhielten dann übliche Nahrungsportionen, andere konnten von fettreichem Futter so viel fressen, wie sie wollten. Mäuse mit Übergewichts-Bakterien und fettreicher Nahrung fraßen mehr und hatten nach acht Wochen etwa 40 Prozent Gewicht zugelegt, berichteten die INRA-Wissenschaftler Anfang 2012 bei einem Kongress in San Diego (Kalifornien/USA).

Mit gewöhnlichem Futter war es immer noch ein Plus von 20 Prozent. Mäuse mit Bakterien, die vor Übergewicht schützen, hatten dagegen nur rund 10 Prozent zugelegt – egal, ob sie fettreiche oder normale Nahrung erhielten. Auch bei den genutzten Stoffwechselwegen entwickelten sich Übereinstimmungen zu denen der Ratten. Für diese biochemischen Änderungen seien die Bakterien zuständig, folgerten die Forscher.

Auswirkungen von Kaiserschnitt und Flaschennahrung

Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kaiserschnitt und Säuglingsnahrung bei Babys den Aufbau der Darmflora stören und damit das Risiko für spätere Erkrankungen wie etwa Allergien steigern. Sie hatten Stuhlproben von Säuglingen auf die DNA von Bakterien untersucht. Die Resultate glichen sie mit Geburtsart, Ernährung und anderen Faktoren wie etwa der Einnahme von Medikamenten ab.

Bei per Kaiserschnitt geborenen Kindern war die Vielfalt der Mikroorganismen im Darm geringer, berichtete das Team um Meghan Azad von der Universität Albertas in Edmonton in der Fachzeitschrift "Canadian Medical Association Journal"  ("CMAJ"). Kinder, die mit der Flasche gefüttert wurden, hatten zwar eine besonders hohe Keimfülle, darunter aber vermehrt den Erreger Clostridium difficile, der etwa mit Darmerkrankungen in Zusammenhang steht. Bei der Geburt ist der Darm eines Kindes noch keimfrei - beim Erwachsenen kommen die Mikroben dort auf ein Gesamtgewicht von rund eineinhalb Kilogramm.

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

Mehr zum Thema