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Manche Menschen kommen durch die Umstellung ganz durcheinander.
Manche Menschen kommen durch die Umstellung ganz durcheinander.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 30. Oktober 2010

Von Manipulationen und Macht: "Es gibt keine Zeitumstellung"

Zwei Mal im Jahr wird an unseren Uhren gestellt. An diesem Wochenende ist es wieder soweit. Die Sommerzeit endet. Die Uhren werden in der Nacht zum Sonntag von drei auf zwei Uhr zurückgestellt. Warum der Begriff Zeitumstellung irreführend ist und viele Menschen gar keine Zeitprobleme haben, erklärt der Zeitforscher und Autor Karlheinz Geißler aus München in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Seit 1980 wird zwei Mal im Jahr die Zeit umgestellt. Warum?

Karlheinz Geißler: Zuerst einmal, nicht die Zeit, sondern die Uhr wird umgestellt. Die Zeit lässt sich nämlich gar nicht umstellen. Wir manipulieren an der Uhr. Diese Umstellung trifft somit auch nur die Menschen, die nach der Uhr leben.

Als Begründung für die Einführung von Sommer- und Winterzeit wird immer wieder die Einsparung von Energie genannt. Kann denn wirklich Energie eingespart werden?

Die Einführung  der Zeitmanipulation gab es insgesamt drei Mal in der deutschen Geschichte. Das erste Mal 1916, also während des Ersten Weltkrieges, das zweite Mal 1940, also während des Zweiten Weltkrieges, das dritte Mal 1980, als verspätete Reaktion auf die Ölkrise. Alle drei Zeiten können als Krisenzeiten bezeichnet werden. Die Uhrumstellung war demnach ein staatliches Kriseninterventionsinstrument, in dem wahrscheinlich wirklich Energie eingespart werden konnte. Heutzutage sparen wir gar nichts.

In seinem neuesten Buch erklärt Geißler, warum die Pause das Reservoir für Produktivität ist.
In seinem neuesten Buch erklärt Geißler, warum die Pause das Reservoir für Produktivität ist.

Welchen Sinn hat dann die Beibehaltung der Uhrumstellung heute noch?

Ich vermute, es wird aus Gründen gemacht, die nicht sofort offensichtlich sind. Immer wenn Menschen herrschen, werden Entscheidungen über Raum und Zeit getroffen. Die Parlamente, in unserem Fall das Europäische Parlament, macht mit der alljährlichen Uhrumstellung klar: 'Wir bestimmen die Zeit.' Wir entscheiden also, nach welchen Zeiten sich die Menschen richten sollen. Das war in der gesamten Geschichte der Zeit so und das wird eben immer noch so gemacht.

Zeit ist also ein Machtinstrument?

Genau! Zeit war auch immer schon ein Machtinstrument. Herrscher haben sich immer schon über Zeit und Raum erhoben und das ist heute in einer demokratischeren Form immer noch so.

Was genau ist denn Zeit?

Zeit ist der Ablauf des Jetzt. Zeit ist also das, was jetzt geschieht. Wir transformieren jedoch die Zeit auf die Uhr und das führt zu diversen (Zeit-)Problemen. Die Uhr, die ja nur das Messinstrument für die Zeit ist, wird von vielen Menschen für die Zeit selbst gehalten. Und diese Verwechslung führt zu großen Schwierigkeiten. Aus diesem Grund sprechen wir ja auch von Zeit- und nicht von Uhrumstellung. Auf der Welt gibt es viele Menschen, die sich gar nicht nach Uhren richten. Für diese Menschen gibt es auch keine Zeitprobleme.

Menschen ohne Zeitprobleme sind kaum vorstellbar …

Ja, denn diese Menschen richten sich nach äußeren, natürlichen Ereignissen, wie dem Aufgang der Sonne oder dem Krähen des Hahns. Weder Sonne noch Hahn richten sich auch nach einer Uhr. Die Zeiten der Natur verändern sich mit den Jahreszeiten und das geschieht allmählich und nicht zwei Mal im Jahr zwischen zwei und drei. Aus diesem Grund gibt es auch keine Zeitprobleme.

Plädieren Sie denn persönlich für eine Abschaffung der Uhrumstellung?

Karlheinz Geißler ist Zeiforscher, Autor und Berater.
Karlheinz Geißler ist Zeiforscher, Autor und Berater.(Foto: Jonas Geißler)

Ach wissen Sie, das ist mir ziemlich egal, ob wir die abschaffen oder nicht. Ich finde es wichtig, immer mal wieder daran erinnert zu werden, dass man auch ganz ohne Uhr leben kann und dass man die Uhr auch ganz anders organisieren könnte, denn das zeigt uns diese Umstellung. Wenn ich mir was in Bezug auf Uhrumstellung wünschen dürfte, dann wäre ich dafür, die Umstellung am Nachmittag zu machen, denn ich will ja auch etwas davon haben, wenn ich schon eine Stunde geschenkt bekomme.

Ist denn diese Stunde am Wochenende für Sie wirklich ein Geschenk?

Schon, denn der kommende Sonntag hat 25 Stunden. Aber mir ist diese eine Stunde ja im Frühjahr abgenommen worden und ich freue mich, dass ich sie nun wieder zurück bekomme. Das Problem ist lediglich, dass ich diese Stunde nicht genießen kann, sondern verschlafe, weil sie mitten in die Nacht gelegt wurde.

Mit Karlheinz Geißler sprach Jana Zeh.

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Quelle: n-tv.de