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Stuhltherapie neu entdeckt Fäkalien können heilen

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(Foto: picture alliance / dpa)

Blähungen, Durchfall oder Blut im Stuhl: Über Probleme im Darm redet man nicht gern. Doch Betroffene leiden heftig, vor allem, wenn die Beschwerden chronisch sind. Nicht immer sind herkömmliche Therapien erfolgreich. Die Stuhltransplantation wirkt ekelerregend - hilft aber.

Wenn es im Bauch rumpelt und kneift, dann fühlt man sich schnell matt und energielos. Kommt ein Durchfall hinzu, dann geht oftmals gar nichts mehr. Glücklicherweise gehen solche Symptome relativ schnell und ohne großen Einsatz von Medikamenten wieder weg. Die normale Verdauung stellt sich bald wieder ein - doch nicht immer.

Menschen, deren Erkrankungen im Magen-Darm-Bereich chronisch geworden sind, leiden oftmals monate- und jahrelang. Herkömmliche Therapien bringen bei einigen Patienten allerdings nur kurzfristig oder gar keine Linderung. Wirksame Medikamente können zu unangenehmen Nebenwirkungen führen. Im schlimmsten Fall muss operiert werden. Doch nun weckt eine Therapieform, die bereits im vierten Jahrhundert angewendet wurde, neues Interesse: die Fäkaltransplantation. Sie kommt ganz ohne Skalpell und Chemikalien aus. Bei ihr wird einem Kranken der Kot eines Gesunden zugeführt. Das ist beim ersten Gedanken ekelerregend. Darum wurde die Therapieform umbenannt. Sie heißt nun Stuhltherapie oder wird sogar ganz unverfänglich als Bakterientransfer bezeichnet. Doch was verbirgt sich hinter dieser Therapieform?

Sie ist so einfach wie wirkungsvoll. Der Stuhl eines gesunden Menschen wird aufbereitet und in den Darm eines Kranken eingebracht. Im Kot jedes Menschen befindet sich ein individueller Bakterienmix. Die hilfreichen Bakterien im "gesunden" Stuhl bekommen nun im Darm des Kranken die Möglichkeit, zu wirken - und so zu heilen.

Von unten oder oben

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Clostridium difficile in einer mikroskopischen Aufnahme.

(Foto: Janice Carr, CDC/wikipedia)

"Die Übertragung von Stuhl eines gesunden Spenders in einen kranken Empfänger kann über zwei verschiedene Arten geschehen", erklärt die Universitätsprofessorin Britta Siegmund von der Charité Berlin in einem Gespräch mit n-tv.de. "Die Nordamerikaner legen eine dünne Sonde in die Nase ein, die dann im Dünndarm endet. In Europa ist es eher so, dass während einer Darmspiegelung der Stuhl direkt in den Dickdarm eingebracht wird", so die Gastroenterologin weiter. Das Verfahren wird bisher jedoch nur in Einzelfällen und bei nur einer bestimmten Erkrankung angewendet. "Bei der Stuhltherapie handelt es sich noch um einen experimentellen Therapieansatz, für den es bisher nur wenige Daten gibt", betont Siegmund. Dennoch lassen die verfügbaren Ergebnisse hoffen, vor allem bei Clostridien-Infektionen.

Clostridien (Clostridium difficile) werden durch Schmierinfektion von Mensch zu Mensch weitergegeben. Vor allem bei bereits geschwächten Personen, die kurz zuvor Antibiotika eingenommen haben, können Clostridien zu schweren Symptomen führen. Krankenhauspatienten sind am häufigsten betroffen. Doch nicht bei jedem Infizierten bricht die Krankheit aus. Bei einigen Infizierten kommt es dennoch zu einer schweren Darmentzündung mit anhaltendem Durchfall. Der Körper wird in diesen Fällen regelrecht ausgezehrt. "Die Mehrheit der Patienten kann mit Antibiotika gut therapiert werden, in einzelnen Fällen gelingt das jedoch nicht", so die Expertin weiter.

Zu früh für Euphorie

In Deutschland gab es 2012 fast 800 Menschen mit schweren Verläufen von Clostridien-Infektionen. 502 davon starben. Um es nicht so weit kommen zu lassen, beschreiten Mediziner den wiederentdeckten Weg der Stuhltherapie - mit sichtbarem Erfolg. Doch trotz der guten Ergebnisse ist Euphorie derzeit fehl am Platz, denn "im Moment wissen wir nicht, was wir mit dem Stuhl noch alles übertragen können", warnt Siegmund.

Auch wenn Spenderstuhl vor der Transplantation untersucht, mit Kochsalzlösung verdünnt und das Blut des Spenders auf bereits bekannte Krankheitserreger geprüft wird, kann es zu einer Vielzahl an Nebenwirkungen durch die Fäkaltransplantation kommen. Welche genau das sind, kann man heute noch nicht abschließend beurteilen. "In Versuchen mit Mäusen konnte man beispielsweise feststellen, dass eine Stuhltransplantation von dicken Mäusen zum Übergewicht bei dünnen Mäusen führen kann. Aus diesem Grund benutzen wir bisher nur den Stuhl von Familienangehörigen als Spenderstuhl", erzählt die Ärztin aus der Praxis.

Stuhltherapie statt Skalpell

Letztlich ist auch die Anwendung der Stuhltherapie ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko. "Wenn es einem Patienten mit Clostridien-Infektion sehr schlecht geht, Antibiotika nicht hilft und entweder der Dickdarm entfernt werden muss oder mit Stuhl therapiert werden könnte, würde ich erst einmal zur weniger invasiven Stuhltherapie tendieren", so Siegmund. "Auch wenn die Transplantation beim ersten Mal nicht erfolgreich ist, haben wir gesehen, dass oftmals eine zweite Transplantation den erhofften Erfolg bringt." Die Wirkweise der Stuhltherapie ist einfach erklärt: Die nützlichen Bakterien des Spenderstuhls können die Ausbreitung der Clostridien im Darm eindämmen. Das führt nach relativ kurzer Zeit zu einer Normalisierung der Darmflora.

Der Therapieansatz ist für Mediziner vielversprechend - und zwar nicht nur in Bezug auf Clostridien-Infektionen. Vor allem für Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa könnte die Therapie hilfreich sein. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu laufen gegenwärtig in Belgien. Die ersten Ergebnisse dazu sind allerdings weniger verheißungsvoll. Die Aufgabe von Medizin und Forschung sieht Siegmund nun darin, herauszufinden, welche Bakterien genau nötig sind, um die Heilung von Patienten mit chronischen Darmerkrankungen voranzutreiben. Diese Bakterien könnten dann in Laboren gezüchtet und in Ampullen in den Kliniken bereitstehen. Spenderstuhl würde so überflüssig, unangenehme Nebenwirkungen könnten minimiert werden - und ästhetische Vorbehalte würden verschwinden.


Quelle: n-tv.de

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