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Nur die Ruhe bewahren Frust bei Teenagern

Wut und Frust bei Teenagern gehören zur Persönlichkeitsentwicklung. Doch für Eltern sind die Ausbrüche ihrer Teenager nur schwer auszuhalten.

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Die kindlichen Trotzphasen haben sie hinter sich, die Sandkastenkämpfe sind ausgestanden - von Teenagern ließe sich eigentlich erwarten, dass unkontrollierte Wutausbrüche der Vergangenheit angehören. Doch von wegen: In der Pubertät geht es mit dem Schreien, Schimpfen und Toben oft erst richtig los. Eltern hilft es dann, die Ruhe zu bewahren und ihren Kindern klare Grenzen zu setzen.

Häufig sorgen schon Kleinigkeiten dafür, dass bei Heranwachsenden von einer Sekunde auf die andere die Sicherung durchbrennt. "Bei Teenagern können wahre Gewitter im Hirn entstehen, in denen der Jugendliche kaum noch Kontrolle darüber hat, was er sagt und macht", sagt die Schweizer Pädagogin Birgitta Moos Erb aus Adligenswil bei Luzern. "So eine Energie-Entladung ist für Eltern sehr nervenzehrend."

Schuld an der Misere sind auch körperliche Veränderungen. So wird nicht zuletzt das Gehirn in der Pubertät zur Großbaustelle und sorgt dadurch für labile Gemütszustände. "Jugendliche werden von ihren Emotionen regelrecht überflutet", erklärt der Psychologe Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) in Fürth. Das belastet auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie US-Forscher der Universität von San Diego herausfanden. Sie ließen Kinder verschiedener Altersstufen den Gesichtsausdruck von Menschen auf Porträts beurteilen. Pubertierende brauchten dafür im Test wesentlich länger und lagen zudem oft falsch mit ihrer Einschätzung.

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Wut ist Teil der Entwicklung

Wutanfälle sind aber auch wesentlicher Bestandteil einer gesunden Entwicklung. "Mit Wut, Diskussionen und Streit üben Teenager sich in der Ablösung von den Eltern", sagt Psychologe Engel. "Die Jugendlichen suchen Machtkämpfe, um sich selbst und ihre Position austesten und weiterentwickeln zu können."

Eltern dürften solche Anfälle nicht persönlich nehmen, rät Moos Erb. "Der Jugendliche braucht die Eltern als Abfalleimer, in den er alles Belastende reinwerfen kann." Mit Ruhe und Gelassenheit lasse es sich am ehesten ertragen, wenn sich bei Heranwachsenden die angestauten Aggressionen entladen.

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Die wichtigste Regel dabei ist Engel zufolge, sich nicht provozieren zu lassen. Denn Jugendliche wissen genau, welchen Knopf sie bei den Eltern drücken müssen, damit die Situation eskaliert. Der Psychologe warnt daher: "Steigern Sie sich nicht in die Wut hinein, sonst geht der Schuss nach hinten los!"

Eltern sollten aktiv zuhören

Eine sensible Vorgehensweise könne Wutausbrüchen dagegen schnell die Schärfe nehmen, sagt Beatrice Bachmann vom Verein für Christliche Ehe- und Familienarbeit (CEF) in Eriskirch am Bodensee (Baden-Württemberg). Sie empfiehlt deshalb: "Seien Sie ein aktiver Zuhörer, holen Sie Ihr Kind dort ab, wo es steht." So sollten Eltern nicht gleich kluge Tipps geben oder Einwände der Kinder relativieren, sondern erst einmal Verständnis zeigen. Mit Sätzen wie "Ich verstehe, dass du wütend bist" oder "Mensch, dich hat es aber erwischt, was ist denn los?" böten Mütter und Väter ihrem Kind weniger Angriffsfläche.

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Alles müssen Eltern sich aber nicht gefallen lassen. Wenn Kinder den Bogen überspannen, sind laut Moos Erb klare Ansagen die passende Antwort - zum Beispiel: "Du, ich hab dich sehr gerne, aber das wird mir jetzt zu viel!" Gerade Beleidigungen sollten Eltern nicht kommentarlos hinnehmen. "Sagen Sie Ihrem Kind, dass diese gemeinen Äußerungen Sie verletzen." Schildern Mütter und Väter auf diese Art ihre Betroffenheit, könnten Teenager besser die Folgen eines Wutausbruchs überdenken. Hört der Anfall nicht auf, gehen Eltern am besten auf Distanz. "Dann geht man eben duschen, schließt die Tür ab, hört womöglich noch Musik."

Eltern müssen konsequent bleiben

Beim Streit um Ausgehzeiten oder mehr Taschengeld dürfen Eltern sich nicht durch Wutausbrüche weichklopfen lassen. "Bleiben Sie konsequent", rät Bachmann. Zwar brauchen Teenager Freiraum, um sich entwickeln zu können. Die aufgestellten Regeln in der Familie müssen aber unantastbar bleiben. "Viele Eltern glauben, sie machen sich damit unbeliebt, doch das Gegenteil ist der Fall."

Durchhalten lohnt sich dabei Engel zufolge: "Wenn Sie stark und ruhig Ihren Standpunkt erklären, ohne selbst in Wut und Beleidigungen abzudriften, wird Ihr Kind daraus lernen." Moos Erb hat zudem einen Trost für gebeutelte Eltern: "So unmotiviert die Aggressions-Gewitter auch kommen, so schnell gehen sie wieder und der Jugendliche wird danach wieder ganz lieb."

Im Umgang mit Wut sind Eltern Vorbilder

Türen schlagen, schreien, beleidigen - wie Kinder mit ihrer Wut umgehen, hängt auch von den Erwachsenen ab. "Eltern, die unter dem aggressiven Verhalten ihrer Kinder leiden, sollten deshalb in sich hineinhorchen, welches Vorbild sie abgeben", sagt Beatrice Bachmann vom Verein für Christliche Ehe- und Familienarbeit (CEF) in Eriskirch am Bodensee (Baden-Württemberg). Wer selbst schnell jähzornig wird, dürfe sich nicht wundern, wenn auch seine Kinder ähnlich reagieren. Zwar ließen sich kleinere Meinungsverschiedenheiten zwischen den Eltern kaum vermeiden - theatralische Wutausbrüche und fliegende Teller sind aber nichts für Augen und Ohren von Kindern.

Quelle: ntv.de, Bettina Levecke, dpa