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Mehr als nur eine Krankheit Für eine Neubewertung des AD(H)S

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Wenn einfach alles zu viel wird.

(Foto: picture alliance / dpa)

In einer Zeit, in der Aufmerksamkeitsstörungen die Regel sind und Mind-Wandering zu der Unfähigkeit führt, sich selbst und andere adäquat wahrzunehmen, müsste der Blick auf das Aufmerksamkeitdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz AD(H)S, ein anderer werden. Denn galt die Störung der Aufmerksamkeitssteuerung ursprünglich als ein Krankheitsbild, von dem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen war, so zeigt sich jetzt: Entweder sind wir kollektiv krank. Oder aber wir werden die Kriterien für Aufmerksamkeitsstörungen neu definieren müssen.

Tatsächlich ist die Unfähigkeit zu gehaltener Aufmerksamkeit, die das Leitkriterium für Aufmerksamkeitsstörungen darstellt, gegenwärtig ein Massenphänomen. Ob Autofahrer Unfälle riskieren, weil sie nebenbei das Handy am Ohr haben, oder ob Eltern ihren Kindern nicht zuhören, weil sie nebenbei mit Freunden über WhatsApp chatten – das Phänomen ist überall. Vor diesem Hintergrund stellt dass Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sich mit einem Mal anders dar. Und offenbart Züge, die seinen Krankheitswert zumindest in Frage stellen.

Betroffene können durchaus aufmerksam sein

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Wer intensiver mit AD(H)S-Betroffenen arbeitet, weiß nämlich: Die Betroffenen sind zu gehaltener Aufmerksamkeit durchaus in der Lage. Allerdings ist diese gehaltene Aufmerksamkeit stark interessegeleitet. So dass man sagen könnte, das Aufmerksamkeitsverhalten eines oder einer AD(H)S-Betroffenen hänge in ungewöhnlicher Weise an seinem oder ihrem Eigensinn.

Nun hat das Adjektiv "eigensinnig" in unserer Lebenswelt einen negativen Unterton. Steht es nicht synonym für unflexibel, widerständig und disziplinlos? Schon, ja. Doch kann man den Eigensinn auch anders verstehen. Als innere Haltung nämlich, die an sich selbst orientiert ist. Eben an dem, was dem Eigenen Sinn verleiht.

Aus meinen Erfahrungen mit insbesondere erwachsenen AD(H)S-Betroffenen weiß ich, dass diese oft intensiv spüren, wie leicht man in unserer Welt den Bezug zu sich selbst verlieren kann. Dass die Fülle der Reize, unter der wir erst jetzt zu leiden anfangen, sie schon eine ganze Weile quält. Und dass sie in schwer erträglicher Zerrissenheit hier die Orientiertheit an sich selbst spüren und dort die Forderung, immer flexibler, multikommunikativer und funktionaler zu  werden.

Betroffene mit besonderem Potenzial

Haben AD(H)S-Betroffene also womöglich ein Potenzial, das auch anderen nützlich sein könnte? Stellt ihr Leiden zumindest partiell so etwas wie den Korrekturversuch eines allseits geforderten Funktionalismus und einer überspreizten Flexibilität dar? Möglicherweise. Die Geschichte der Psychotherapie zeigt ja, dass es immer wieder Störungsbilder gab, die mehr waren als individuelle Leiden - nämlich auch Hinweise auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Das berühmteste Beispiel sind die hysterisch gelähmten Frauen des Viktorianismus, von denen Freud zeigen konnte, dass ihre Symptomatik den Konflikt zwischen sexuellen Wünschen und der rigiden Sexualmoral seiner Zeit klinisch abbildete.

Was nun damals die starre und doppelzüngige Sexualmoral war, das ist heute ein kulturelles Muster, das doppelzüngig und mit einem Reizbombardement einerseits immerfort individuelle Verwirklichung verheißt und andererseits permanente Flexibilität und Anpassungsbereitschaft einfordert. Wo der Zwang zur Flexibilität und das permanente Stören der sinnfindenden Aufmerksamkeit aber angeblich gesund sind, da ist das AD(H)S mit seinem Eigensinn mehr als nur eine Krankheit. Es ist eine Systemkritik.

Georg Milzner ist Diplompsychologe und in eigener Praxis als Psychotherapeut tätig. Er forschte und schrieb zu schweren seelischen Störungsbildern, zum Einfluss der digitalen Medien auf den Menschen sowie zu Amokläufen und dem Zusammenhang von religiöser Erfahrung und Gehirn. Der Vater von drei Kindern lebt in Münster.

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Quelle: n-tv.de

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