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Aus dem All sieht man keine Grenzen Gerst-Flug steht für weltweite Kooperation

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Küstenlinien sind aus 400 Kilometern Höhe gut erkennbar, doch Staatsgrenzen sind nicht auszumachen. Auf der ISS zählt das Miteinander: "Globale Herausforderungen können nur gemeinsam gelöst werden", sagt Jan Wörner.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stolz wird Jan Wörner am 28. Mai in den Nachthimmel über Baikonur blicken. Zum Raketenstart von Alexander Gerst reist Deutschlands Raumfahrtchef persönlich nach Kasachstan. Gerade in politisch schwierigen Zeiten setze die internationale Zusammenarbeit bei der Raumstation ISS ein Zeichen, sagt der 59-Jährige in einem Interview.

Herr Wörner, inmitten der erbitterten Ukraine-Krise fliegen ein Russe und ein US-Amerikaner gemeinsam ins All - mit einem Deutschen als Drittem im Bund. Mehr politische Symbolik ist kaum möglich, oder?

Jan Wörner: Das kann man durchaus so sehen. Der Flug von Alexander Gerst sollte jedenfalls auch als Symbol verstanden werden, dass globale Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können - egal, welcher Art sie sind. ISS-Besatzungen erzählen mir immer wieder, wie faszinierend es ist, dass man aus dem All keine nationalen Grenzen sieht. Und dass es sehr hilfreich wäre, wenn der eine oder andere Politiker diesen Blick einmal persönlich haben würde.

Die Nasa spricht von Sanktionen gegen Russland - Moskau antwortet mit der Ankündigung, 2020 aus dem ISS-Projekt auszusteigen. Sind das nicht enttäuschende Töne nach der engen Zusammenarbeit?

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Jan Wörner ist der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, DLR.

(Foto: DLR, CC-BY/dpa )

Ja, ich verspüre schon Enttäuschung, dass nach all den Jahren erfolgreicher Arbeit Tausender Wissenschaftler und Ingenieure dieses riesige gemeinsame Projekt infrage gestellt wird. Und das in einer Zeit, in der wir beginnen, die ISS als wissenschaftliches Labor so richtig nutzen zu können. Aber ich habe die Hoffnung, dass wir gemeinsam auch dieses Problem lösen werden. Die internationale Raumfahrtgemeinde hat hier sicher eine besondere Verantwortung.

Welche Rolle spielt die Wissenschaft in einem solchen Streit?

Ich selbst habe jahrzehntelang als Ingenieur und Wissenschaftler gearbeitet. Dabei haben mich bei der Lösung nie politische oder  kulturelle Grenzen wirklich interessiert. Und genau das sollte auch die Rolle der Wissenschaft sein. Die Herausforderungen, denen wir uns heute stellen müssen, tragen globalen Charakter und machen auch vor nationalen Grenzen nicht halt. Dazu gehören der Schutz der Umwelt und die Daseinsvorsorge für uns und folgende Generationen. Die notwendigen finanziellen Mittel kann kein Land der Welt allein aufbringen, auch das geht nur gemeinsam.

Wenn zwei sich streiten, freut sich dann der Dritte. China? Das Reich der Mitte ist doch dabei, auf Kosten von Russland und den USA zur Raumfahrtmacht zu werden.

Ja, das kann durchaus passieren. Jedoch hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass auch China mittlerweile auf der Suche nach internationalen Partnern ist. Ein Zeichen war der Mitflug des deutschen Experiments "Simbox" auf der chinesischen Mission "Shenzou 8". China ist an einen Punkt gekommen, an dem es ohne Kooperation über Grenzen nicht weiter geht. Wir stehen hier aber erst noch am Anfang.

Zur Person: Jan (auch: Johann-Dietrich) Wörner wurde am 18. Juli 1954 in Kassel geboren. Seit dem 1. März 2007 leitet er den Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Der Hesse studierte Bauingenieurwesen in Berlin und Darmstadt und forschte zum Thema Erdbebensicherheit zwei Jahre lang in Japan. Die kurze Überlegung, Pfarrer zu werden, verwarf er nach dem Abitur.

Quelle: n-tv.de, dpa

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