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"Prinzessinnengärten" in Berlin-Kreuzberg: Gärtnern erlebt einen neuen Boom, in vielen deutschen Metropolen greifen Bürger zu Spaten und Harke.
"Prinzessinnengärten" in Berlin-Kreuzberg: Gärtnern erlebt einen neuen Boom, in vielen deutschen Metropolen greifen Bürger zu Spaten und Harke.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 13. Juli 2012

Zu viel Blei im Mangold aus Berlin: Großstadtgärtnern birgt Risiken

Von Jana Zeh

Blumenbeete aus Paletten, Tomaten auf dem Balkon und Kräuter im Vorgarten: Gärtnern in Großstädten ist so angesagt wie nie zuvor. Doch das beliebte Selbstgezogene ist manchmal so sehr mit Schadstoffen belastet, dass vor dem Verzehr gewarnt werden muss.

Überall auf der Welt findet das urbane Gärtnern begeisterte Anhänger, denn nichts schmeckt besser als Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Da werden Tomatenpflanzen auf Balkone gestellt, um Baumscheiben Kräuter gepflanzt und Sonnenblumen auf Freiflächen gesät. So viel Freude und Entspannung das Gärtnern in der Großstadt auch bringt, der Verzehr der Gemüse-, Obst- und Kräutersorten kann gesundheitlich bedenklich sein. Dem geht eine Untersuchung in Berlin nach, die von Ina Säumel, Pflanzenökologin an der Technischen Universität Berlin, geleitet wurde.

Das Team um die Forscherin hat die geläufigsten Obst-, Gemüse- und Kräutersorten untersucht, die in städtischen Gärten in Berlin wachsen, darunter Tomaten, Möhren, Kohlrabi, Petersilie, Minze und Basilikum. "Die Ergebnisse der Untersuchungen waren überraschend deutlich", sagt Säumel im Gespräch mit n-tv.de. "Am stärksten war die Bleibelastung im Mangold. Aber auch bei Kartoffeln und Tomaten konnten wir stellenweise Werte ermitteln, die weit über den Grenzwerten der EU lagen", so Säumel weiter.

Die Schadstoffbelastungen sind umso größer, je näher das Beet oder der Baum an einer vielbefahrenen Straße steht. Die gesundheitsschädlichen Partikel werden meist über den Auspuff von Autos freigesetzt und gelangen so über die Luft auf Stauden und Beete. Aber auch ein bereits stark belasteter Boden kann zu Schadstoffen in Obst und Gemüse führen. "Vor allem dort, wo das Stadtgärtnern in Berlin boomt, wie in Friedrichshain, Kreuzberg oder Neukölln, sind die Belastungen groß", weiß die Expertin. Die Einführung von Katalysatoren und Rußpartikelfiltern in Autos haben in Bezug auf die Qualität der Stadtluft längst nicht die Ergebnisse gebracht wie erwartet.

Trotzdem Gärten in der Stadt

Die Forscherin warnt jedoch eindringlich vor Panikmache, denn die positiven Aspekte der Stadtgärtnerei dürften nicht übersehen werden. Zudem sei jede Pflanze, die in der Stadt wächst, ein Gewinn. Die Annahme jedoch, dass Selbstgezogenes per se gesünder sei, ist falsch. "Selbst ein Bio-Apfel, der den ganzen Tag lang auf dem Markt liegt, der sich wiederum an einer vielbefahrenen Straße in der Stadt befindet, ist nicht mehr unbedenklich", erklärt Säumel die Zusammenhänge.

Für Stadtgärtner gibt es prinzipiell Mittel und Wege, um sich vor Schadstoffen zu schützen. So haben Barrieren wie Gebäude oder dichte Vegetation eine Filterwirkung und können das Selbstangebaute schützen. "Fruchtgemüse nimmt weniger Schadstoffe auf als Blattgemüse, aber auch bei dieser Aussage muss ich Einschränkungen machen, hier haben Forscher aus England gezeigt, dass die Schadstoffakkumulation sortenabhängig ist", räumt Säumel ein. Auch die Tomaten auf dem Balkon sollten nicht gleich abgeschafft werden. Stadtforscher haben herausgefunden, dass die Schadstoffbelastung ab dem dritten Stock erheblich abnimmt.

Kein Gemüse im Hinterhof

Im Hinterhof sollte man den Schadstoffgehalt im Boden testen und unter Umständen auf den Anbau von Essbarem verzichtet werden. Hier ist nicht so sehr die Belastung aus der Luft das Problem, sondern mehr aus dem Boden. "Einerseits ist der Boden aus der Vergangenheit oftmals hochbelastet, weil im Hinterhof über Jahrzehnte hinweg einiges an Müll ausgeschüttet wurde. Andererseits sind Farben an den Fassaden verwendet worden, die stark bleihaltig waren", erklärt Säumel.

Prinzipiell sollte Obst und Gemüse vor dem Verzehr gewaschen werden, denn Schadstoffe, die direkt auf der Oberfläche liegen, können so weggespült werden. Zudem kann das sogenannte Mulchen mit Naturmaterialien diverse Belastungen mit Schadstoffen im Boden senken. Auch wenn die Früchte der Großstadtgärten nicht immer unbedenklich sind, wird doch das Anbauen von Pflanzen in der Stadt von der Forscherin befürwortet. "Mehr Vegetation in der Stadt würde nicht nur die Luftkontamination insgesamt reduzieren, sondern hätte auch ein deutliche Pufferwirkung", betont Säumel.

Britische Forscher sind dabei, verschiedene Sorten auf Schadstoffresistenzen zu testen. Vielleicht gibt es ja bald Obst- und Gemüsesorten, die als schadstoffresistentes Stadtgemüse im Angebot sind.

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Quelle: n-tv.de