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Die Hippiebewegung hatte viele Auswüchse hervorgebracht. Harvard-Professor Leary propagierte einen sehr undifferenzierten Drogengebrauch.
Die Hippiebewegung hatte viele Auswüchse hervorgebracht. Harvard-Professor Leary propagierte einen sehr undifferenzierten Drogengebrauch.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Freitag, 19. April 2013

Potenziale einer dämonisierten Droge: LSD für mehr Tiefgang im Leben?

Vor 70 Jahren entdeckte Albert Hofmann die psychedelische Wirkung von LSD. Es wurde in Apotheken verkauft und sollte in Psychotherapien helfen, Verdrängtes freizusetzen. In der Schweiz wird dieser Ansatz offiziell wieder verfolgt. Prof. Rolf Verres aus Heidelberg spricht mit n-tv.de über Gefahren und Nutzen von LSD, über das Rauscherlebnis und über den Sinn von Ritualen.

Es war der 19. April 1943, als der Schweizer Chemiker Albert Hofmann bei seinen Forschungen zum Mutterkorn, einem giftigen Getreidepilz, die psychoaktiven Eigenschaften von LSD entdeckte. Eigentlich hatte Hofmann ein Kreislauf anregendes Mittel entwickeln wollen. Doch LSD, kurz für Lysergsäurediethylamid, sorgte vor allem für Halluzinationen. Der Chemiker erlebte einen Rausch.

Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, starb am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren.
Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, starb am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren.

Die tiefenpsychologische Forschung widmete LSD fortan viel Aufmerksamkeit. Unter dem Handelsnamen Delysid wurde es in Apotheken verkauft. Zwei Ziele verfolgte man mit dem Präparat: Zum einen sollte es in der analytischen Psychotherapie eine seelische Auflockerung fördern und verdrängtes Material freisetzen. Zum anderen diente es der experimentellen Psychoseforschung. Indem ein Psychiater selbst LSD nahm, sollte er Einsichten in die Ideenwelt seiner Patienten gewinnen.

Mit dem Verbot von LSD in den 60er und 70er Jahren kamen Forschung und therapeutische Nutzung der Substanz zunächst zum Erliegen. Mittlerweile jedoch wird der Ansatz zur Psychotherapie mit LSD zumindest in der Schweiz mit Sonderbewilligungen wieder verfolgt. Die Therapie-Form ist umstritten. In Deutschland ist die Verabreichung von LSD, Heroin oder Ecstasy im Rahmen der Psychotherapie rechtswidrig.

Prof. Dr. Rolf Verres, Wissenschaftler am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg, war assoziiertes Mitglied der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄpT). Verres ist Mitherausgeber des 2008 erschienenen Bandes "Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA". Mit n-tv.de spricht der Arzt und Psychologe über Gefahren und Nutzen von LSD, über das Rauscherlebnis und über den Sinn von Ritualen.

n-tv.de: Herr Prof. Verres, warum wurde LSD 1971 in Deutschland verboten?

Rolf Verres: Das lag an dem zu hohen Missbrauchspotenzial. Die Hippiebewegung hatte viele Auswüchse hervorgebracht, es kam zu einigen Todesfällen. Timothy Leary war seinerzeit Psychologie-Professor an der Harvard Universität in den USA. Er hatte eine zu unkritische Grundhaltung gegenüber psychoaktiven Substanzen und dabei großen Zulauf. Leary hat sehr undifferenziert Drogengebrauch propagiert. Er hatte missionarische Vorstellungen: Man müsse die ganze Bevölkerung mit psychedelischen Trips versorgen, meinte er. Vom damaligen Präsidenten der USA, Richard Nixon, wurde Leary als der gefährlichste Mann der USA bezeichnet.

Und auf Leary lässt sich auch das Verbot in Deutschland zurückführen?

Nein. Er ist aber ein Beispiel für eine zentrale Frage, die aufkam: Wie soll die Gesellschaft reagieren auf ein Potenzial, das in diesen Drogen steckt? Da ist zum einen das Selbsterfahrungspotenzial, wo Menschen also zu sich kommen wollen und sich selbst besser kennen lernen wollen - das ist ja im Prinzip ungefährlich. Es gab zum anderen aber auch viele Menschen, die Drogen im Zusammenhang mit gesellschaftsverändernden Parolen propagierten. Das hatte eine umstürzlerische Seite. Für die etablierte bürgerliche Welt war das bedrohlich.

Welche Gefahren gehen tatsächlich mit LSD einher?

Was, wenn man sich plötzlich einem Tiger gegenüber sieht? Überdosierung kann zu bedrohlichen Halluzinationen führen.
Was, wenn man sich plötzlich einem Tiger gegenüber sieht? Überdosierung kann zu bedrohlichen Halluzinationen führen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Gefahren auf der gesellschaftlichen Ebene sehe ich heute nicht mehr. Ich habe nicht den Eindruck, dass LSD eine gefährliche Droge für die Gesellschaft ist. Auf der individuellen Ebene sind die Gefahren dosisabhängig. Bei einer normalen Dosierung von LSD bis ungefähr 150 Mikrogramm, Millionstel Gramm also, sind kaum Gefahren zu erwarten. Gefährlich wird es bei Überdosierung. Wenn jemand auf dem LSD-Trip ins Auto steigt und sich in den Straßenverkehr begibt, ist das genauso riskant wie unter Alkoholeinfluss zu fahren.
Neben der Überdosierung ist der damit einhergehende Kontrollverlust zu nennen: Menschen machen dann etwas, was sie mit klarem Kopf nicht täten. Die dritte Gefahr ist der Horror-Trip, der entgleisen kann.

Wie wirkt LSD denn grundsätzlich?

Zunächst einmal ist die Wirkungsdauer sehr lang. Ein normaler LSD-Trip dauert im Durchschnitt zwischen vier und sieben Stunden. Was man da erlebt, ist relativ schlecht steuerbar. LSD ist keine Glückspille. Je nachdem, in welchem Zustand man selbst gerade ist, wie der Kontext ist, in dem man LSD eingenommen hat, und wie man sich selbst innerlich vorbereitet hat, wird man ganz Unterschiedliches erleben. Es ist nicht gut vorhersehbar, was man erleben wird.

Wie kam es zu den Todesfällen, von denen Sie eingangs sprachen?

Zum Beispiel durch eine Verkennung von Realitäten. Wenn man eine zu hohe Dosis LSD zu sich genommen hat, kann man halluzinieren. Man sieht dann  nicht mehr die Freundin vor sich, sondern ein Raubtier. Und dann weiß man nicht, wie man damit umgehen soll.

Inwiefern aber kann LSD – in der richtigen Dosis natürlich – in Psychotherapien hilfreich sein?

Es kann die Abwehrmechanismen auflockern. Mit Abwehrmechanismen ist gemeint, dass man bestimmte Realitäten nicht wahrhaben will. Das ist oft ein Merkmal einer Neurose bzw. psychischen Störung. Wenn Menschen die Realität, so wie sie ist, nicht akzeptieren wollen und sich ein Gedankengebäude zurechtbasteln, wie sie die Realität gern hätten, sich also gewissermaßen im Wunschdenken einnisten, dann handeln sie nicht realitätsadäquat. Mit psychoaktiven Substanzen kann eine Vertiefung von Erleben gefördert werden, die die Abwehrmechanismen überflüssig macht. Das kann dazu führen, dass man sich selbst besser kennen lernt, dass man weniger Angst hat vor Affekten wie zum Beispiel der eigenen Wut oder der eigenen Angst. Das wird alles als sehr nützlich empfunden in der Psychotherapie.

LSD macht nicht körperlich abhängig. Kann es psychisch abhängig machen? Kann es also sein, dass man sich immer wieder mit LSD aus dem Alltag ausklinken will?

Alpträume können wichtige therapeutische Funktionen haben. Das gleiche gilt für Horror-Trips.
Alpträume können wichtige therapeutische Funktionen haben. Das gleiche gilt für Horror-Trips.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Kaum. Die psychische Abhängigkeit von LSD wird in der Fachwelt als äußerst gering eingeschätzt. LSD ist eben keine Glückspille. Es kann auch sehr schmerzhaft sein, was man auf einem LSD-Trip erlebt. Der bereits angesprochene Horror-Trip ist nicht wirklich steuerbar. Er lässt sich nicht wirklich von vornherein verhindern. Und er kann sich äußerst übel anfühlen: mit Ängsten, Schweißausbrüchen, Kälteschauern, Schüttelfrost. Unerwünschte Nebenwirkungen können sehr unangenehm sein. Das schützt vor einer psychischen Abhängigkeit.

Wie geht man in der Therapie damit um, wenn ein Patient mit LSD tatsächlich auf einem Horror-Trip landet oder gar in eine Psychose gerät?

Es sind Psychiater, die solche Therapien durchführen. Sie wissen, wie man mit einer drogeninduzierten Psychose angemessen umgeht. Wichtig ist, dass man auch Horror-Trips als eine Erfahrung würdigt, die vielleicht einen zentralen Sinn hat. Es ist ähnlich wie beim Träumen: Auch Alpträume können wichtige therapeutische Funktionen haben, weil einem noch bewusster wird, wovor man Angst hat. So gehört auch der Horror-Trip zu einem Erfahrungsschatz, den man hinterher auswertet.

Sind auch im therapeutischen Rahmen Gefahren mit einer LSD-Einnahme verbunden?

Die größte Gefahr besteht darin, dass ein Therapeut nicht qualifiziert genug ist. Das ist auch einer der Hauptgründe dafür, warum die Therapieform so umstritten ist. Wenn man LSD in der Psychotherapie einsetzen will, braucht man Qualitätskontrolle. Dazu gibt es nur in der Schweiz ausgebildete Therapeuten, durch die Schweizerische Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie, die SÄpT. Die an dieser Gesellschaft beteiligten Ärzte haben Selbsterfahrung. Sie haben ihre Erfahrungen ausgetauscht und dabei auch gelernt, über veränderte Bewusstseinszustände zu sprechen – das alles auf einem sehr hohen und verantwortungsvollen Niveau. Es sind hoch qualifizierte Ärzte, die genau wissen, was sie tun. Sie schauen sich gegenseitig auf die Finger und üben Qualitätskontrolle aus. Das gibt es in Deutschland nur hinter den Kulissen, weil LSD hier pauschal verboten ist.

Selbsterfahrung für Psychiater war auch Teil der ursprünglichen Indikation von LSD …

Ja. Das wurde sogar an Universitätskliniken praktiziert. Unter Kurt Beringer an der psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg haben Ärzte vor der Visite Meskalin genommen – eine dem LSD verwandte Substanz –, um sich besser in die Patienten hineinversetzen zu können.

Und das funktionierte?

Meditation: Auch so lässt sich ein veränderter Bewusstseinszustand erreichen.
Meditation: Auch so lässt sich ein veränderter Bewusstseinszustand erreichen.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja. Der verantwortungsvolle Gebrauch psychoaktiver Substanzen kann etwas bringen: Er kann dazu führen, dass man bewusster lebt. Psycholytische Erfahrungen führen zu mehr Tiefgang im eigenen Leben. Dafür muss man aber keine Drogen nehmen. Man kann auch durch Meditation in ähnliche Zustände hineinkommen. Meditation ist eine ganz wichtige Alternative zu psychoaktiven Substanzen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten in veränderte Bewusstseinszustände reinzukommen.

Welche Alternativen gibt es noch, neben der Meditation?

Das Musik-Erleben, der Kollektivrausch in der Disco oder bei Pop-Konzerten. Wenn zig Tausend Menschen von einer Band angeheizt werden und in eine kollektive Ekstase geraten, hat das viel von dem, was mit einem LSD-Trip zu erreichen wäre. Die Euphorie, die Begeisterung, der Eindruck, in der Masse aufgehoben zu sein, dieses ozeanische Gefühl ...

Ist der Rausch an sich zuweilen also durchaus erstrebenswert?

Der Rausch, das veränderte Bewusstsein, ist ein Zustand, der etwas mit Lebensintensivierung zu tun haben kann. Das ist nicht primär etwas Schlechtes. Die Gefahr von LSD wird da meiner Meinung nach überbewertet. Nach meiner ganz persönlichen Meinung ist der hedonistische Gebrauch von psychoaktiven Substanzen, der Gebrauch, der der Lebensfreude dient, durchaus zu würdigen. Er kann zwar Nebenwirkungen haben, aber was hat keine? Wer aus lauter Freude am Autofahren zu schnell fährt, wer sich aus lauter Glücksgefühl in einer Gruppe mal besäuft, gerät ebenfalls in Situationen, die gefährlich werden können.

Wie aber ließe sich gegen einen möglichen Missbrauch der Droge vorgehen?

Wein ist mit Kultur und Ritualen verbunden.
Wein ist mit Kultur und Ritualen verbunden.(Foto: picture alliance / dpa)

In der LSD-Therapie-Forschung hat man gelernt, welche Regeln dabei helfen, den Missbrauch beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen zu verhindern. Man spricht von einer Regel-Kultur. Für Alkohol, der legal ist und der jedes Jahr zu Tausenden von Unfällen führt, haben wir solche Regeln: Wenn der Wein teuer ist, weil er qualifiziert hergestellt wurde, trinkt man nicht so viel. Auch wenn er kultiviert dargereicht und genossen wird. Mit Alkohol verbinden wir eine Fülle von Ritualen: den Anbau von Wein, die Kultivierung von Wein, den Genuss beim Trinken aus schönen Gläsern mit Anstoßen und Trinksprüchen, die Ästhetik des gedeckten Tisches. Das sind alles protektive Faktoren, die dazu beitragen, dass der Alkoholkonsum nicht entgleist.
Welche Regeln nützen, um Missbrauch einzudämmen und den Nutzen zu steigern, lässt sich auch in der substanzunterstützten Psychotherapie erforschen.

Sollte LSD grundsätzlich legal sein?

Ich bin der Meinung, LSD sollte rezeptpflichtig in Apotheken verkauft werden dürfen. Dann würde die Nachfrage professioneller werden. Dann bemüht man sich um einen Arzt, der ein solches Rezept ausstellt. Und das könnte dazu führen, dass sich wieder mehr Ärzte mit diesen Fragen beschäftigen.

Mit Prof. Rolf Verres sprach Andrea Schorsch.

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Quelle: n-tv.de