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Meilenstein beim Klonen "Medizinisch noch kein Durchbruch"

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Der Zellkerntransfer: Eine menschliche Eizelle wird entkernt, das Erbgut also entfernt. Dann wird der Kern einer anderen Zelle, einer Hautzelle etwa, hineingespritzt. Die Eizelle entwickelt sich dann wie nach einer Befruchtung.

(Foto: dpa)

Die Nachricht kam unerwartet: Wissenschaftlern aus Oregon, USA, ist es gelungen, menschliche Embryonen zu klonen und daraus Stammzellen zu gewinnen. Die daran geknüpften Hoffnungen sind groß, denn diese Stammzellen sind Alleskönner. In der Petrischale lassen sie sich, je nach Bedarf, zu Nervenzellen, Muskelzellen und jedem anderen Zelltypus heranzüchten. Krankheiten, von den Millionen Menschen betroffen sind, könnten mithilfe embryonaler Stammzellen behandelt werden - das zumindest stellen die Forschungsleiter in Aussicht. Doch sind sie neuen Therapien nun tatsächlich näher gekommen? Und wie steht es um die Argumente der Kritiker? Sie befürchten, dass der Schritt zum geklonten Baby nun nur noch ein kleiner ist. Wie berechtigt sind diese Bedenken? n-tv.de spricht mit Ira Herrmann, Geschäftsstellenleiterin des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW.

n-tv.de: Frau Herrmann, ist es nun, nach den jüngsten Ergebnissen aus den USA, tatsächlich möglich, Menschen zu klonen?

Ira Herrmann: Zunächst ist jetzt erstmalig nachgewiesen, dass mit Hilfe der Klontechnik embryonale Stammzellen des Menschen gewonnen werden können. Damit ist eine Linie überschritten, von der man lange annahm, sie wäre unüberschreitbar. Denn bei bisherigen Versuchen entwickelte sich der Embryo nie weit genug, um daraus embryonale Stammzellen zu gewinnen. Im jetzt vorgestellten Verfahren ist das anders. Ob es nun rein technisch möglich ist, daraus einen ganzen Organismus erwachsen zu lassen, ist unklar. Es ist bewusst nicht Ziel der Forscher gewesen.

Sind Sie von diesem Durchbruch überrascht?

Überraschend ist die Verwendung der Methode des Zellkerntransfers. Denn 2012 gab es den Nobelpreis für die Erfindung der Reprogrammierungstechnik. Die kommt an vergleichbar "potente" Zellen mit deutlich geringerem Aufwand und vor allem ohne Verwendung von Eizellen. Die meisten Labore auf der Welt konzentrieren sich heute auf diese Technik.
Aber die nun vorliegende Arbeit aus Oregon erscheint mir handwerklich sehr gut, und besonders ihre Effizienz überrascht.

Embryonen von Rhesusaffen wurden bereits 2007 geklont. Dennoch ist es bis heute nicht gelungen, ganze Affen-Babys zu klonen. Woran liegt das?

Da ist es ähnlich wie beim Menschen: Die Entwicklung eines geklonten Embryos von Primaten über ein bestimmtes Stadium hinaus ist schwer zu erreichen. Die Komplexität des Organismus spielt da sicher eine Rolle.

Es besteht also nicht die Gefahr, dass jemand die Darstellung der in Oregon angewendeten Methode missbraucht, um zu versuchen, einen menschlichen Klon zu züchten?

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Erschaffung eines geklonten Menschen ist von den Autoren nicht angestrebt und wird auch allgemein in der Wissenschaft geächtet. Der Umgang mit den Zellen und die richtige Handhabung des Protokolls erfordern Erfahrung und außergewöhnliches Geschick. Und natürlich allem voran ein adäquates Arbeitsumfeld. Ich gehe nicht davon aus, dass diese Dinge irgendwo unbemerkt zusammenkommen. Und außerdem stellt sich die Frage: Wofür?

Auf welchen Gebieten sind nun, mit den Erfolgen aus den USA, medizinische Fortschritte zu erwarten? Und wie lange wird es wohl dauern, bis die Methode therapeutisch nutzbar ist?

Ob die hier vorgestellten Zellen überhaupt einmal medizinisch angewendet werden können, ist unklar. Das Verfahren ist, wie gesagt, nicht trivial, und die Verwendung von menschlichen Eizellen berechtigt umstritten. Eine realistische Abschätzung für einen etwaigen Therapieansatz wird Ihnen wohl kein Stammzellexperte geben. An Stammzellen wird wichtige Grundlagen- und Ursachenforschung für Krankheiten betrieben, bevor daran zu denken ist, aus ihnen Zelltransplantate zu erstellen.

Das in den USA angewendete Verfahren ist in Deutschland verboten. Ist absehbar, dass die entsprechenden gesetzlichen Regelungen hierzulande nun gelockert werden? Oder geht es eher darum, Methoden zur Stammzellgewinnung zu finden, die um Embryonen herumkommen?

Ich denke, die Stammzellforscher sind von zweierlei Gedanken getrieben: Zum einen möchte man die am besten geeigneten Zellen etablieren und mit ihnen arbeiten können. Zum anderen geht es aber natürlich auch darum, Methoden aufzubauen, die praktikabel sind. Da spielt die ethische Komponente des Ausgangsmaterials natürlich in ganz erheblichem Maße eine Rolle. Daher sucht man nach Alternativen für menschliche Eizellen und Embryonen. Mit der Verwendung von so genannten adulten und reprogrammierten Stammzellen hat man auch schon welche gefunden. Ob sich diese in der Gesamtabwägung für etwaige Therapien durchsetzen, wird die Zukunft zeigen. Aber da mit diesen Zellen in nächster Zeit keine medizinischen Durchbrüche zu erwarten sind, schließe ich eigentlich ein neues Gesetzgebungsverfahren basierend auf den aktuellen Ergebnissen aus.

Wenn Therapiemöglichkeiten noch in weiter Ferne sind: Welche Perspektiven in der Stammzellforschung sind da naheliegender? Wofür kann man Stammzellen nutzen?

An Stammzellen kann man zum Beispiel die Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten testen. Sowohl bei der jetzt in den USA vorgestellten Methode als auch bei der erwähnten Reprogrammierung nimmt man als Ausgangszelle beispielsweise eine Hautzelle eines Patienten. Dann kann man die Ergebnisse, die man bei den Tests erlangt, mit dem realen Patienten und seiner Krankengeschichte in Zusammenhang setzen. Und das, ohne ihn selbst belasten zu müssen.

Mit Ira Herrmann sprach Andrea Schorsch

Quelle: ntv.de

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