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Europas größte Sammlung in Gefahr Neubauprojekt macht Früchte platt

Seit Jahrzehnten werden bei St. Petersburg zahlreiche Sorten von Äpfeln, Kirschen, Erdbeeren und Himbeeren kultiviert. Jetzt soll das Gelände für ein Neubauprojekt von Bulldozern überrollt werden.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Europas größte Sammlung von Früchten und Beeren in der Nähe von St. Petersburg kämpft dagegen, für ein Neubauprojekt von Bulldozern überrollt zu werden. Dabei hat der Leiter der Pawlowsk-Experimentierstation, Fjodor Michowitsch, vor Gericht allerdings eine Niederlage erlitten. Demnach ist es rechtmäßig, dass das Areal an den staatlichen Fonds für die Entwicklung des Wohnungsbaus übergeht. Michowitsch kündigte nun an: "Wir wollen weiter klagen." Zudem wollte er einen Brief an Russlands Präsidenten Dmitri Medwedew schreiben, um die Rodung noch abzuwenden.

Über viele Jahrzehnte hinweg wurden auf dem Gelände bei St. Petersburg zahlreiche Sorten von Äpfeln, Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren und anderes mehr kultiviert. 90 Prozent dieser Sammlung findet sich nur an dieser Stelle, betonte der Global Crop Diversity Trust. Die Organisation will weltweit die Vielfalt der Nutzpflanzen erhalten und betreibt dazu unter anderem den "Tresor des Jüngsten Grichts" auf Spitzbergen, eine riesige Samensammlung im Dauerfrost. Zur russischen Kollektion gehören allein 1000 Erdbeersorten.

Gewaltiger Schaden für die Biodiversität

"Es ist eine bittere Ironie, dass die schlimmste absichtliche Handlung gegen die Vielfalt der Kulturpflanzen in Russland stattfinden könnte – dem Land, das Genbanken erfunden hat", erklärte der Direktor des Trusts, Cary Fowler. "Über das ganze 20. Jahrhundert hinweg hat Russland die ganze Welt die Bedeutung der Pflanzensammlungen gelehrt", ergänzte er.

Sollte zugunsten des Bauprojektes entschieden werden, könnten in drei bis vier Monaten die Bulldozer anrollen, befürchtet Michowitsch. In ein paar Tagen könnte dann die Arbeit fast eines ganzen Jahrhunderts zerstört sein – ein gewaltiger Schaden für die Biodiversität. Sowohl die Forscher als auch Fowler appellieren auch an die russische Regierung, einzugreifen.

Ertragreiche oder resistente Sorten züchten

Die Station wurde 1926 von Nikolai Wawilow gegründet. Das Ziel damals: Man wollte eine möglichst große Sammlung von Pflanzen haben, um für neue Anwendungen neue Sorten schaffen zu können.

Diesem Ziel sind weltweit viele ähnliche Sammlungen verpflichtet. Die wachsende Weltbevölkerung, der Klimawandel und sich ausbreitende Krankheiten gehören zu den größten Herausforderungen für die Züchter. Je mehr Material sie dafür haben, umso größer sind die Chancen auf neue, ertragreiche oder resistente Sorten.

Bestand ist nicht verpflanzbar

Während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg – so hieß St. Petersburg damals – verhungerten sogar zwölf Forscher in der Station, obwohl sie sich von den dort gesammelten Körnern wie Reis, Erbsen oder Weizen – durchaus hätten ernähren können. Der Schutz der Sammlung ging vor, heißt es beim Trust.

Weil es sich um eine Sammlung echter Pflanzen auf dem Feld handelt, kann der Bestand nicht einfach anderswo hingebracht werden. Der Aufwand wäre enorm, und ein anderes Gelände ist nicht in Aussicht.

Quelle: ntv.de, dpa