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Resistent und aggressiv Neue Bakterienart

Es begann mit einer harmlos aussehenden kleinen Quaddel am Fuß. Nichts, was große Probleme bereitet oder worüber man sich Sorgen macht. Doch nach einigen Tagen war die Quaddel immer noch da. Und nicht nur das: Sie war größer geworden und begann zu schmerzen. Ein Besuch beim Arzt brachte ein Antibiotika-Rezept, aber sonst nichts: Die Beule, zu der die kleine Quaddel mittlerweile angeschwollen war, wuchs weiter.

Ein erneuter Arztbesuch. Mehr Antibiotika. Keine Besserung. Am nächsten Tag dann öffnete der Arzt das schmerzende Furunkel am Fuß, doch auch dies ohne großen Erfolg. Dann: Einweisung ins Krankenhaus, erneutes Öffnen und Reinigen der Wunde, eine Antibiotika-Dauer-Infusion. Mit einer Hauttransplantation zum Verschließen der großflächigen Wunde endet nach Wochen das Martyrium des 37-jährigen Mannes. Untersuchungen zeigten, dass er sich mit dem Bakterium Staphylococcus aureus infiziert hatte, und zwar mit einem Methicillin-resistenten Stamm, abgekürzt MRSA (Methicilin-resistente Staphylococcus aureus). Gegen sie wirkt das Antibiotikum Methicillin nicht mehr.

Betroffen meist junge, gesunde Menschen

Das Besondere daran: Der Patient war nie zuvor im Krankenhaus gewesen, hatte keine Antibiotika bekommen oder sonst irgendwelche medizinischen Behandlungen erhalten. Normalerweise aber bereiten MRSA-Infektionen nur in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen Probleme – überall dort, wo viele Antibiotika eingesetzt werden.

Der fußkranke Patient hatte sich jedoch offensichtlich außerhalb eines Krankenhauses angesteckt. Diese "in der Gemeinschaft erworbenen" MRSA-Infektionen, sogenannte community acquired MRSA-Infektionen (CA-MRSA), machen Medizinern und Experten zunehmend Sorgen: Seit den 1990er Jahren registrieren sie – zunächst in den USA, später auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern – MRSA-Infektionen auch außerhalb der Krankenhäuser. Sie treffen meist junge, gesunde Menschen, häufig in Schulklassen oder Sportmannschaften. In den USA werden mittlerweile mehr als die Hälfte aller schweren Staphylokokken-Hautinfektionen durch CA-MRSA verursacht.

"Hier in Deutschland ist die Rate noch deutlich geringer, sie lag in den vergangenen Jahren bei rund ein bis drei Prozent," sagt Wolfgang Witte, Leiter des Fachbereichs Nosokomiale Infektionen (Krankenhausinfektionen) in der Außenstelle Wernigerode des Robert Koch-Instituts in Berlin. "Aber wenn wir nicht die gleiche Situation haben wollen wie in den USA, müssen wir aufpassen." Wolfgang Witte ist auch Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken und analysiert in dieser Funktion Staphylokokken-Isolate von Patienten innerhalb und außerhalb von Krankenhäusern.

Der Keim wird durch Kontaktinfektionen übertragen. Innerhalb der Familie zum Beispiel durch engen Körperkontakt, möglicherweise auch über Gebrauchsgegenstände, wie gemeinsam benutzte Handtücher. Außerdem werden die Bakterien sexuell übertragen. Im Labor lässt sich der CA-MRSA von seinem Verwandten, dem Krankenhauskeim, zuverlässig unterscheiden. "Zum einen ist der CA-MRSA nicht so breit resistent wie der Krankenhauskeim", sagt Witte. "Zum anderen bildet er bestimmte Toxine und hat auch noch andere typische Merkmale, die sich im Erbgut nachweisen lassen."

Was die CA-MRSA-Stämme vor allem auszeichnet: Sie sind sehr viel aggressiver – Experten sagen virulenter – als der bekannte Krankenhauskeim. Meist besiedeln sie die Haut und Weichteile und verursachen dort teils tiefgehende Abszesse oder Furunkel. Schlimmer noch ist eine Besiedelung der Lunge: Dort können die Bakterien eine nekrotisierende Pneumonie hervorrufen, bei der das Gewebe der Lunge regelrecht zerfressen wird. Solche Infektionen können tödlich enden, wenn sie nicht sofort angemessen behandelt werden. Auch in Deutschland hat es laut Witte in den vergangenen Jahren Todesfälle gegeben.

Außergewöhnliche Virulenz

Worauf die außergewöhnliche Virulenz zurückzuführen ist, wissen Forscher bisher nicht genau. Vermutlich ist zumindest zum Teil eine Gruppe kleiner Peptid-Moleküle daran schuld, die der Keim nach der Infektion freisetzt, wie US-Forscher um Michael Otto vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Hamilton (US-Staat Montana) kürzlich im Journal "Nature Medicine" berichteten. Die Peptide heißen "phenol-lösliche Moduline" (PSM) und werden in den CA-MRSA-Keimen in hoher Zahl nachgewiesen. Beim herkömmlichen Krankenhauskeim sind sie hingegen nur in geringer Menge zu finden.

Die Moleküle attackieren die Immunzellen des Infizierten. Dabei scheint vor allem das PSM-alpha von Bedeutung zu sein, das die neutrophilen Granulozyten zerstört. In Laborversuchen dauerte es nur eine Stunde, bis es die Abwehrzellen komplett vernichtet hatte. Auch die roten Blutkörperchen wurden vom PSM-alpha angegriffen. Dies erkläre möglicherweise den raschen Zusammenbruch der Immunabwehr nach einer Infektion, schreiben die Forscher. Trotzdem: "Wir sind weit davon entfernt zu verstehen, was die außerordentliche Virulenz des CA-MRSA erklärt", resümiert Michael Otto in einem Beitrag in "Future Microbiology".

Experten fürchten Einschleppung in Kliniken

In den USA verbreitet sich der Keim vor allem in Bevölkerungsgruppen mit eher niedrigem sozialen Stand, bei Gefängnisinsassen, Drogenabhängigen oder HIV-Infizierten etwa. "Wenn der CA-MRSA auch bei uns in diese Kreise gelangt, können wir hier auch mehr Probleme bekommen als bisher", warnt Witte. Der in den USA am weitesten verbreitete Stamm, USA-300, sei hier bereits nachzuweisen. Experten fürchten auch, dass der CA-MRSA-Keim früher oder später in die Kliniken eingeschleppt wird und dort die ohnehin gravierenden Probleme mit den resistenten Krankenhauskeimen verschärft. Auch dies ist eine Befürchtung, die in den USA bereits Realität geworden ist.

Probleme gab es dort vor allem in Geburtskliniken und verwandten Einrichtungen. Multiresistenzen gegen zahlreiche unterschiedliche Antibiotikaklassen sind beim CA-MRSA bisher noch nicht bekannt. "Antibiotika aus der Gruppe der beta-Lactame fallen weg, aber es gibt wirkungsvolle Alternativen", sagt Witte. Noch. Otto hält es für durchaus möglich, dass der Keim zumindest in den USA auch Resistenzen gegen andere Wirkstoffklassen entwickelt. "Dies wäre eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheitspflege, da uns die Antibiotika gegen Staphylococcus aureus ausgehen und ein Impfstoff nicht in Sicht ist", schreibt Otto. "Die Lehre, die wir aus der CA-MRSAEpidemie ziehen müssen, ist, dass wir mehr Ressourcen in die Medikamenten- und Impfstoff-Entwicklung stecken müssen."

Auch andere resistente Keime sind seit Ende der 1990er Jahre zunehmend außerhalb von Krankenhäusern anzutreffen. Dies sind Enterobakterien, vor allem das Darmbakterium Escherichia coli, die bestimmte Antibiotikaabbauende Enzyme freisetzen, sogenannte extended-spectrum ß Lactamasen (ESBL). Diese ESBL-E.coli-Bakterien verursachen normalerweise Harnweginfektionen, in jüngerer Zeit werden sie auch als Erreger von Blutvergiftungen registriert.

Als "eine aufkommende Bedrohung der öffentlichen Gesundheit" bezeichneten die kanadischen Forscher Johann Pitout und Kevin Laupland von der Universität Calgary die Keime kürzlich in einem Übersichtsartikel im Journal "The Lancet Infectious Diseases". Noch seien diese Infektionen selten, aber Probleme ähnlich denen mit CA-MRSA seien in naher Zukunft möglich. Sie fordern, die Ausbreitung der ESBL-E.coli-Keime weltweit zu überwachen. Auch für CA-MRSA hält Witte dies für dringend erforderlich. Außerdem müssten niedergelassene Ärzte und Chirurgen in der Klinik für die Problematik sensibilisiert werden. "Grundsätzlich sollte jedes Furunkel auf eine CA-MRSA untersucht werden, so dass wir Häufungen schnell erkennen". Die Entwicklungen jedenfalls zeigen eins: Bei der Bekämpfung resistenter Bakterien reicht es nicht aus, sich auf die Krankenhäuser zu konzentrieren.

Quelle: ntv.de

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