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Auch für Menschen gefährlich Rotz-Erreger gilt als Biokampfstoff

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Die Kriege des 17. bis 20. Jahrhunderts trugen weltweit maßgeblich zur Ausbreitung der Krankheit Rotz bei. Hier eine Aufnahme von 1916, Erster Weltkrieg.

(Foto: imago stock&people)

Es klingt kurios: In Niedersachsen ist ein Pferd an Rotz erkrankt. Schnupfen? Nein, Rotz ist eine Seuche, die in Deutschland seit 1955 ausgerottet ist. Sie befällt vor allem Pferde, doch auch der Mensch kann sich anstecken. Akuter Rotz führt in kurzer Zeit zum Tod.

Der Gedanke an Schnupfen ist gar nicht so falsch: Sind Pferde an Rotz erkrankt, läuft ihnen die Nase. Aber Rotz ist viel mehr als eine Erkältung. Akuter Rotz, eine ansteckende Infektionskrankheit, geht mit hohem Fieber einher, Lymphdrüsen sind geschwollen. Auf den Schleimhäuten der Atemwege bilden sich Knötchen, die Augen können eitern, eine Lungenentzündung ist möglich. Tritt der Erreger, das Bakterium Burkholderia mallei, über verletzte Hautstellen in den Körper ein, kommt es zum Hautrotz. Dann sterben größere Bereiche der Haut ab.

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Hier gut zu erkennen: eine strangartige Verdickung erkrankter Lymphgefäße. Das Symptom führte dazu, dass Rotz auch Wurm genannt wurde.

(Foto: Wikipedia/Van Huytra und Marek/1913)

Es sind in erster Linie Pferde, die von Rotz betroffen sind. Doch auch der Mensch ist gefährdet. Die Symptome sind ähnlich, die Folgen fatal: Unbehandelt verläuft akuter Rotz tödlich. Nach Atemwegen und Haut befällt er die inneren Organe. Dann kommt es zu Milz- und Leberschwellung, Gelbsucht und Durchfall. Wenige Stunden später stirbt der Mensch an Organversagen.

Zur Risikogruppe gehören diejenigen, die viel mit Pferden zu tun haben – denn die sind das einzige natürliche Erregerreservoir. Steckt sich ein Mensch mit Rotz an, dann in der Regel durch den Kontakt mit einem erkrankten Tier. Durch die Körperöffnungen am Kopf (meist über Futter oder Wasser durch den Mund) und über Wunden gelangt das Rotz-Bakterium in den Organismus der Pferde. Dann können alle Ausscheidungen der Tiere und ihr Blut erregerhaltig sein. Die Übertragung der Rotz-Krankheit auf den Menschen ist selten – selbst, wenn viele Tiere betroffen sind. Meist erfolgt die Ansteckung dann über kleine Hautwunden. Aber auch das Einatmen von Rotz auslösenden Bakterien ist möglich.

Im Labor sehr gefährlich

Während der natürliche Übertragungsweg auf den Menschen nicht besonders effektiv ist, stellt Burkholderia mallei im Labor einen hochgefährlichen Erreger dar. Die sonst so niedrige Erkrankungsrate steigt hier auf bis zu 46 Prozent. Besonders gefährlich wird es, wenn sich Keimpartikel mit Gas oder Luft vermischt haben. Burkholderia mallei gilt daher als biologischer Kampfstoff. Japan soll ihn zwischen 1932 und 1945 in der besetzten Mandschurei eingesetzt haben, die Sowjetunion Anfang der 1980er-Jahre in Afghanistan.

Eine Impfung, die vor Rotz schützen würde, gibt es nicht; die Behandlung mit Antibiotika ist schwierig. Systematische Tests, Keulungsprogramme und Desinfektionsmittel haben den Rotz-Erregern – Anfang des 20. Jahrhunderts noch weltweit präsent – in vielen Ländern schließlich den Garaus gemacht. In Deutschland gilt die Seuche seit 1955 als ausgerottet. Doch in Asien und Südamerika ist die Anzahl rotzkranker Pferde seit den 1990er-Jahren kontinuierlich gestiegen, aus Indien und Russland wurden 2007 Rotzausbrüche bekannt. Mit der Globalisierung des Pferdehandels und des Reitsports ist es grundsätzlich möglich, dass die Seuche wieder in rotzfreie Gebiete eingeschleppt wird. In Deutschland sollen dies Quarantäne-Regelungen, Überprüfungen bei der Einfuhr der Tiere und tierseuchenrechtliche Bestimmungen verhindern. Dennoch findet der Erreger offenbar bisweilen einen Weg auch in deutsche Ställe. In Osnabrück ist ein Sportpferd an Rotz erkrankt. Wie es dazu kommen konnte, ist noch nicht geklärt.

Quelle: ntv.de, asc