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In diesem Sarg befinden sich die sterblichen Überreste von Nikolaus Kopernikus.
In diesem Sarg befinden sich die sterblichen Überreste von Nikolaus Kopernikus.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 21. Mai 2010

Revolutionär der Wissenschaft: Späte Ehrung für Kopernikus

Eine feierliche Bestattung 467 Jahre nach dem Tod ist sehr ungewöhnlich. Für den Begründer des heliozentrischen Weltbildes, Nikolaus Kopernikus, allerdings angemessen, meint der Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier.

n-tv.de: Am 22. Mai 2010 werden die Überreste des Astronomen Nikolaus Kopernikus im Frauenburger Dom im polnischen Frombork feierlich bestattet. Ein rund zwei Tonnen schweres Grabmal aus Schwarzgranit soll an Kopernikus erinnern. Halten Sie das für eine zeitgemäße Würdigung für Kopernikus 467 Jahre nach dessen Tod?

Martin Carrier.
Martin Carrier.(Foto: Sandra Sánchez, Fotomobiel)

Martin Carrier: Ich halte eine Würdigung von Nikolaus Kopernikus in seinem eigenen Dom, also dort, wo er als Domherr wirkte, für höchst angebracht. Die wunderbare Nachricht ist ja, dass das Grab des Kopernikus gefunden und sicher identifiziert werden konnte nach all diesen Jahrhunderten. Ich freue mich sehr, dass es gelingt, diesen großen Gelehrten angemessen zu würdigen.

Kopernikus wird als Revolutionär der Astronomie oder auch als Begründer der heliozentrischen Weltbildes bezeichnet. Ist diese Bezeichnung übertrieben oder hat er sie zu Recht verdient?

Ja sicher, Kopernikus ist der Begründer heliozentrischen Weltbilds. Zwar berichtet Archimedes, Aristarchos von Samos (310 – 230 v. Chr.) habe den Gedanken von der Zentralstellung der Sonne gefasst, und dieser Bericht war Kopernikus auch bekannt. Aber Archimedes erwähnt keinerlei stützende Gründe für die Annahme, die Sonne befinde sich im Mittelpunkt des Kosmos und die Erde laufe um diese herum. In der Antike ist die heliozentrische Struktur des Planetensystems nicht Teil einer ausgearbeiteten astronomischen Theorie geworden. Die Fachastronomie in Antike und Mittelalter ging stattdessen völlig einhellig von der Zentralstellung der Erde aus und beschrieb die Bewegungen der Himmelskörper aus der Perspektive der als ruhend angenommenen Erde. Kopernikus hat als Erster eine ausgearbeitete heliozentrische Theorie des Planetensystems vorgelegt und dadurch die Astronomie in der Tat umgestürzt und auf eine neue Grundlage gestellt.

Kopernikus selbst hatte lange Zeit mit der Veröffentlichung seiner Berechnungen gewartet. Warum? Eher aus religiösen Bedenken, weil er sich seiner Sache nicht sicher war oder gab es andere Gründe?
 

Religiöse Bedenken hatte Kopernikus nicht, obwohl er den Zorn der Theologen ahnte und fürchtete. Er war seiner Sache auch völlig sicher, hierin liegt nicht der Grund für sein Zögern. Vielmehr war das große Werk, das er der Welt vorlegen wollte, noch nicht fertig. Die Berechnungen gingen nicht gut auf; die Annahmen und die Beobachtungen passten an vielen Stellen schlecht zusammen. Kopernikus wollte erst mit einem restlos überzeugenden Werk an die Öffentlichkeit gehen, mit einer Theorie, die die Kritik der Zweifler und Gegner verstummen ließ. Dieses Ziel hatte er zu seinen Lebzeiten nie erreicht. Und hätte ihm nicht sein Schüler Georg Rheticus das Manuskript gewissermaßen aus der Hand gerissen, wäre das Buch sicher erst nach seinem Tod erschienen.

Warum klappte es aber so schlecht mit den Berechnungen? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens fühlte sich Kopernikus verpflichtet, mit seiner Theorie allen bekannten Planetenbeobachtungen seit den Babyloniern Rechnung zu tragen. Viele dieser Beobachtungen waren aber grob fehlerhaft. Wenn er also die Theorie so zurechtschnitt, dass sie mit diesen falschen Daten im Einklang stand, dann geriet er dadurch oft mit anderen, korrekten Beobachtungen in Konflikt.

Kopernikus-Statue im polnischen Torun.
Kopernikus-Statue im polnischen Torun.(Foto: picture alliance / dpa)

Der zweite Grund ist, dass Kopernikus Theorie in wesentlicher Hinsicht unzutreffend war. Die Annahmen der Zentralstellung der Sonne und der Planetenumläufe stimmten, aber ansonsten hielt Kopernikus an dem zentralen Prinzip der alten Astronomie fest, dass sich alle Himmelskörper gleichförmig auf Kreisbahnen bewegen. Tatsächlich bewegen sie sich ungleichförmig auf Ellipsenbahnen, wie aber erst Johannes Kepler mehr als 60 Jahre nach dem Tode des Kopernikus herausfand. Kopernikus lag also gewissermaßen unten und oben nicht ganz richtig, weder bei den Daten noch bei den Prinzipien, und deshalb passte beides nicht hundertprozentig zusammen.
 

Kopernikus-Biografen sprechen davon, dass es nicht Kopernikus Absicht gewesen ist, einen Umsturz in der Astronomie herbeizuführen. Können Sie sich dieser Meinung anschließen?

Kopernikus war eigentlich ein Konservativer, der die Astronomie stärker auf die genannten hergebrachten Grundsätze der Kreisförmigkeit und der Gleichförmigkeit der Planetenbewegungen festlegen wollte. Seiner Ansicht nach hatte sich die mathematische Astronomie zu viele Freiheiten bei der Konstruktion von Modellen der Planetenbewegungen herausgenommen; es ging Kopernikus darum, die beiden genannten Grundsätze strikter als zuvor in den konkreten Erklärungen der Astronomie zu respektieren. Dahinter steckte wiederum die Vorstellung, dass die Kreis- und Gleichförmigkeit aller Himmelsbewegungen durch die seinerzeit allgemein akzeptierte Physik des Aristoteles ausgezeichnet waren.

Letztlich ging es Kopernikus also darum, nur physikalisch erklärbare Bewegungsformen für die Planetenbewegungen zuzulassen. Dieses Physikalisierungsprogramm der Astronomie war nicht die Erfindung des Kopernikus; arabische Astronomen verfolgten dieses Programm seit dem 11. Jahrhundert mit viel Einfallskraft, auch im Abendland hatte es zur Zeit des Kopernikus eine breite Anhängerschaft. Die neue Idee des Kopernikus bestand darin, die Gleichförmigkeit der Planetenbewegungen durch die Einführung der Erdbewegung zu retten. Viele der beobachteten Ungleichförmigkeiten der Planetenbewegungen sollten dann darauf zurückgehen, dass sich der Beobachter auf der Erde selbst bewegt. Wegen dieser Bewegung des Beobachters erscheinen manche Bewegungen am Himmel ungleichförmig, obwohl sie es tatsächlich gar nicht sind. Das war in Kopernikus eigenen Augen seine wesentliche Neuerung.

Mit Hilfe des Schädels und eines Computerprogramms konnten Wissenschaftler das Gesicht von Kopernikus rekonstruieren.
Mit Hilfe des Schädels und eines Computerprogramms konnten Wissenschaftler das Gesicht von Kopernikus rekonstruieren.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Welche Aspekte haben Kopernikus dazu getrieben, ausgerechnet zu dieser Zeit eine solche Entdeckung zu machen? Er hatte weder Teleskop noch andere Hilfsmittel zu Verfügung, um seine Berechnungen beweisen zu können.

Zwei Aspekte sind von Belang dafür, dass die Kopernikanische Revolution gerade in der Mitte des 16. Jahrhunderts stattfand. Erstens waren alle begrifflichen Voraussetzungen vorhanden. Das Physikalisierungsprogramm der Astronomie war seit Jahrhunderten auf gutem Wege; arabische Astronomen hatten eine große Zahl von mathematischen Modellen entwickelt, mit denen man Planetenbewegungen in erhöhtem Einklang mit den Grundsätzen der Gleich- und Kreisförmigkeit beschreiben konnte. Zudem war die heliozentrische Hypothese des Aristarch in Fachkreisen geläufig. Es kam darauf an, beides miteinander zu verbinden, und genau das ist die Innovationsleistung des Kopernikus.

Zweitens war der Bedarf nach Verbesserungen der Astronomie in der betreffenden Epoche stark ausgeprägt. Der Grund war die Unzulänglichkeit des herkömmlichen Kalenders mit den zugehörigen Versuchen einer Kalenderreform. In den etwa 40 Jahre nach Kopernikus Tod eingeführten Gregorianischen Kalender (den wir noch heute verwenden) sind Beiträge des Kopernikus eingegangen.

Welche Auswirkungen auf die Entwicklung der Wissenschaft hatte und hat die heliozentristische Lehre Kopernikus bis heute? Welche Bereiche betreffen diese?

Zunächst war der Einfluss auf das Weltbild gravierend. Am Anfang wurde der Heliozentrismus als eine Art von Nobilitierung der Erde aufgefasst: die Erde ist tatsächlich ein glänzender Stern. Im 17. Jahrhundert galten dann zunehmend die Sterne als Sonnen wie die unsere, so dass die Bedeutung des Planetensystems zurückgestuft wurde. Entsprechend schien es vielen weniger plausibel, dass Erde und Weltall um des Menschen willen geschaffen worden waren.

In der Wissenschaft im engeren Sinne bestanden die unmittelbaren Auswirkungen darin, die Planetenbewegungen als Probierstein für die Formulierung einer neuen Mechanik oder einer physikalischen Bewegungslehre zu nehmen. Isaac Newton gelang es Ende des 17. Jahrhunderts, die Bewegungen der Himmelskörper mit bis dahin ungeahnter Präzision aus den wirkenden Kräften zu erklären. Im 18. Jahrhundert galt dies als überragende, eigentlich unwiederholbare Leistung: Newton hatte die Struktur des Universums entschlüsselt, und so etwas gelingt naturgemäß nur ein einziges Mal.

Kopernikus hat den ersten Anstoß zu einer Entwicklung gegeben, die wir heute als Wissenschaftliche Revolution bezeichnen, und die durch das Wirken von Pionieren wie Galilei, Kepler, Descartes, Newton und anderen den Grundstock für die Wissenschaft legte, wie wir sie heute kennen.

Quelle: n-tv.de

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