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Sensation in der Archäologenwelt Stätten virtuell vermessen

Was hält schon für die Ewigkeit? Damit Grabstätten und andere Ausgrabungen auch noch in Jahrhunderten erlebt werden können, vermisst das Institut "i3mainz" digital.

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Professor Frank Boochs mit einem Laser-Vermessungsgerät.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Eine kryptische Wolke aus 13 Millionen blauen Punkten flackert auf dem Bildschirm. Am Ende soll daraus die virtuelle Kopie einer 3500 Jahre alten Grabkammer des Königspalastes im syrischen Qatna entstehen. Tübinger Wissenschaftler hatten die Totenstätte dieses Jahr gefunden - eine Sensation in der Archäologenwelt. Doch nach tausenden Jahren im Erdreich ist das Grab nun anfällig für die Zerstörung durch Menschenhand. Darum konservieren zwei Studenten der Fachhochschule Mainz den Zustand der Höhle von vor 3500 Jahren digital für die Ewigkeit.

Elf Wochen verbrachten Tobias Reich und Carsten Krämer diesen Sommer in Qatna. Mit 3D-Laserscannern maßen sie die Totenstätte und Teile des Königspalastes aus. Nun erstellen sie in monatelanger Arbeit ein fotorealistisches Modell der Kammer. Archäologen können sich darin per Computermaus bewegen. Die beiden 27-jährigen Masterkandidaten studieren bei Professor Frank Boochs, der geschäftsführender Leiter des "i3mainz" ist, des Instituts für raumbezogene Informations- und Messtechnik an der Fachhochschule Mainz.

Mitarbeiter des Instituts forschen zusammen mit Archäologen, Denkmalpflegern und Architekten an Projekten in mehreren fernen Ländern. Boochs sieht darin für die Studenten eine gelungene Kombination von Forschung und Lehre.

Projekte in Syrien, China und Russland

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Professor Frank Boochs, die Studenten Tobias Reich, Andreas Marbs und Carsten Krämer (l-r) vermessen weltweit.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Aktuelle Projekte sind neben dem Königspalast in Qatna die Rekonstruktion buddhistischer Schriftzeichen in China und die Vermessung eines Teils der Eremitage in Sankt Petersburg. Nach Boochs' Kenntnis ist i3mainz das größte Institut seiner Art in Deutschland. "In der Archäologie gibt es eigentlich nichts Vergleichbares."

Mit Hilfe der digitalen Scanner rekonstruieren die Mainzer neben Gräbern und buddhistischen Felsinschriften unter anderem auch Statuen im virtuellen Raum. Das millimetergenaue Laserabtasten ist jedoch erst der Anfang langwieriger Kleinstarbeit. Mehrere Tausend Messungen pro Sekunde schaffe ein solches Gerät, erklärt Boochs. Die daraus resultierenden Millionen von Messpunkten werden zu "wasserdichten" Oberflächen "vermascht", sagt Boochs. Auf das Gittermodell werden Fotografien des eigentlichen Artefakts projiziert, wodurch das detailreiche 3D-Modell entsteht.

Möglichkeiten der Altertumsforscher erweitert

"Wir setzen an der Stelle ein, wo ordentlich dokumentiert werden muss", sagt Boochs. Die 3D-Scanner bedeutet nach seiner Darstellung durchaus eine Umstellung für Archäologen, die sonst Schnüre spannen, mit dem Zollstock messen und auf Papier zeichnen. Seiner Ansicht nach erweitert die Vermessungsarbeit des Instituts die Möglichkeiten der Altertumsforscher ungemein. "Ihre klassischen Aktivitäten sind doch sehr hemdsärmelig und altertümlich geprägt."

Doch Präzision braucht Zeit: Auf eine Woche Vermessungsarbeit kämen im Schnitt 20 Wochen Modellierung, erklärt der Professor. Der Löwenanteil der Arbeit fließe in "händische Fehlerkorrektur", weil der Computer beim "Vermaschen" viele Fehler produziere.

Zur Arbeit des Instituts gehört nach Boochs Darstellung auch der Blick in den Erdboden hinein. Die Forscher könnten verschüttete Artefakte mittels Radar- und Magnettechnologie sichtbar machen. Diese "Geophysikalische Prospektion" mache die kostspielige Ausgrabung oft unnötig, sagt der Experte. Auch beim Brunnenprojekt in Qatna komme diese Technik zum Einsatz. "Dort liegen die alten Baumstämme wie Mikadostäbe im Erdreich, werden beim Abtragen freigelegt und anschließend in ihrer Lage wiederhergestellt." Mittelfristig hofft der Forscher, das Dach eines Brunnens im Königspalast vermessen zu dürfen.

Quelle: n-tv.de, Maximilian Jäger, dpa