Wissen

Studie soll geheimgehalten werden"Supervirus" sorgt für Aufregung

23.12.2011, 10:05 Uhr
28748814
Untersuchungen auf H5N1-Viren im Labor. (Foto: picture alliance / dpa)

Forscher haben ein Virus entwickelt, das alle bisherigen Seuchen in den Schatten stellen könnte. Jetzt ringen Politiker und Experten darum, die Information aus Angst vor Terroristen geheimzuhalten oder alle Welt an der Suche nach einem Gegenmittel zu beteiligen.

Es war

ein "dummes" Experiment, sagt der niederländische Forscher Ron Fouchier

heute. In seinem Labor an der Erasmus Universität in Rotterdam infizierte er Frettchen

mehrfach hintereinander mit dem Vogelgrippen-Virus H5N1. Am Ende hatte sein Team

einen Erreger erzeugt, der sich in Windeseile unter den Tieren ausbreitete und die

meisten von ihnen tötete. Das Gleiche würde unter Menschen geschehen, sollte das

"Supervirus" je in die Öffentlichkeit gelangen, warnte Fouchier in einem

Interview mit der "New York Times".

Die Nachricht versetzte

die Fachwelt in Unruhe, als der Forscher sie im September erstmals auf einer Konferenz

in Malta verbreitete. Noch mehr Aufsehen erregte die Ankündigung des Fachjournals

"Science", Details zu Fouchiers neuen H5N1-Virus für jedermann zugänglich

in einer künftigen Ausgabe vorstellen zu wollen. Washington reagierte entsetzt.

Der Artikel könnte Terroristen als Bauanleitung für den Bau von Biowaffen dienen.

Der Nationale Beraterausschuss für Biosicherheit der USA (NSABB) bat die Herausgeber

von "Science" zur Zurückhaltung. Wegen der Terrorgefahr sollten nur unverfängliche

Daten veröffentlicht werden.

Entdecker motiviert die Fachwelt

Fouchier hat das Manuskript

inzwischen überarbeitet. Aber weder der Autor noch die Herausgeber sind mit der

Entscheidung glücklich. Seine Entdeckung habe enorme Tragweite, argumentiert der

Forscher in dem Interview, und sollte Experten rund um den Globus zugänglich gemacht

werden. Sollte das Supervirus jemals durch natürliche Mutation, einen Unfall im

Labor oder Bioterror auftauchen, müssten Mediziner es bekämpfen können. Wenigstens

100 Organisationen könnten bei der Suche nach einem Gegenmittel mithelfen, glaubt

Fouchier.

Leicht sei der H5N1-Erreger

nicht nachzubauen, beruhigt der Forscher. Außerdem seien "weitaus mehr Krankheitserreger

in der Natur, (...) die der Menschheit große Probleme bereiten könnten", sollten

sie als Biowaffen benutzt werden.

Das Politmagazin "Foreign

Policy" zitierte US-Außenministerin Hillary Clinton, die am 7. Dezember bei

einer Konferenz zur Biowaffen-Konvention in Genf sprach. "Eine kleine Anzahl

leicht zugänglicher Krankheitserreger, kombiniert mit billiger Technologie und dem

Wissen eines Biologie- oder Chemiestudenten reichen aus, um eine wirksame Terrorwaffe

zu bauen", warnte Clinton. Sie erinnerte daran, dass El Kaida vor weniger als

einem Jahr alle "Brüder mit einem Diplom in Mikrobiologie oder Chemie zur Entwicklung

von Massenvernichtungswaffen" aufgerufen hatte.

Quelle: Gisela Ostwald, dpa