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Der lange Weg zum Leben Transplantationen mit Problemen

Anna G. kann kaum noch laufen. Nur ein paar Schritte sind möglich, bevor die Erschöpfung sie wieder packt. Quälende Monate im Krankenhaus, nicht einmal das Essen funktioniert noch - sie muss künstlich ernährt werden. Eine tückische Zellkrankheit hat ihre Leber befallen, die Ärzte nennen es Amyloidose. Die Symptome sind ähnlich wie bei der Multiplen Sklerose: Zunächst werden die Nerven befallen. Jahrelang merkte Anna G. gar nichts von ihrer Krankheit, dann gab sie den Medizinern Rätsel auf, und es dauerte, bis endlich Klarheit herrschte. Wenn die 50-Jährige nicht schnell eine neue Leber bekommt, wird sie sterben. Auch das Herz ist von der Krankheit befallen. Die Herzwände sind so dick, dass es nicht mehr richtig pumpen kann.

Die Emsländerin wartet wie rund 12.000 andere Patienten in Deutschland auf eine Organspende. Aber nur einem Drittel von ihnen wird dieses Glück zuteil. Jeden Tag sterben drei Menschen auf der Warteliste, weil es in Deutschland nicht genügend Spender gibt. So konnten im ersten Halbjahr 2008 Organe von 586 Menschen entnommen werden, 81 Spender weniger als ein Jahr zuvor. Nur 14 Prozent der Deutschen haben einen Spenderausweis. Dabei würden 80 Prozent der Deutschen ein Organ annehmen, wenn es medizinisch für sie selbst notwendig wäre. "Das ist eine Doppelmoral", sagt dazu der Präsident der Ärztekammer-Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst.

Professor Tonny D. Tjan hat im Moment andere Sorgen. Der Chirurg steht mitten in der Nacht im Operationssaal Nummer 10 des Universitätsklinikums Münster. Denn Anna G. hat Glück gehabt: Sie liegt vor ihm auf dem Operationstisch. Ihr Kopf ist kaum sichtbar vor lauter Kabel und Schläuchen, die ihr die Anästhesisten angelegt haben. Ihr Körper ist mit einer OP-Folie beklebt, grüne Tücher umranden ihren Brustkorb. Kanülen dringen in verschiedene Stellen ihrer Haut ein.

Die Atmosphäre ist kühl und sachlich, steril im Wortsinn. Die Einrichtung ist spartanisch, kein Hocker zu viel, kein unnützer Ballast, die absolute Konzentration aufs Wesentliche. Fein säuberlich liegt das OP-Besteck auf einem Tisch, kaum einer spricht, jeder Handgriff zeugt von der Routine hunderter Eingriffe am offenen Herzen. Tjan gilt als einer der profiliertesten Operateure am Universitätsklinikum, hat zig Herztransplantationen hinter sich. Der Maschinenpark wirkt wie in einem kleinen Raumschiff. Überall Monitore, Kabel, Drehknöpfe und grün gekleidete Menschen mit Mundschutz und Haarhaube, die sie bedienen.

Im Zentrum der Tücher hat Tjan mit seinem Kollegen, Oberarzt Heinrich Rotering, unter dem gleißenden Licht der OP-Lampe gerade den Brustkorb von Anna G. geöffnet. Rhythmisch pumpt das Herz Blut in den Kreislauf, regelmäßig zuckt der rechte Vorhof. "Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass das Herz nicht mehr richtig funktioniert", sagt Narkosearzt Ren Waurick. Es sind die letzten Dienstminuten des kranken Muskels, an dem das Leben von Anna G. 50 Jahre lang hing. Bald wird er nur noch die Pathologen interessieren.

Zwei Stunden bereiten Tjan und Rotering die eigentliche Operation vor. Dann müssen sie erst einmal warten. "Wir können das Herz nicht entnehmen, bevor das neue nicht im OP-Saal ist", sagt Tjan. Seine Worte vermitteln eine vage Ahnung, welch fatale Folgen ein Missgriff am OP-Tisch haben könnte. Minuten später öffnet sich die Edelstahl- Schwingtür des Saales. Oberarzt Andreas Löher, eine blauen Plastik- Kühlbox in der Hand, wirft ein freundliches "Hallo zusammen" in die Runde. In der Box liegt in einer Speziallösung und auf Eis das Organ, das für Anna G. die Hoffnung auf ein neues Leben birgt. Gelb und Rot schimmert das Herz, fast wie ein Demonstrationsobjekt aus Plastik.

Löher verschwendet keine Minute. Die Zeit, in der das Herz nicht mit einem Körper verbunden ist, soll möglichst kurz sein. Maximal vier bis sechs Stunden. Schwestern und Pfleger helfen ihm in den sterilen Mantel, der Arzt nimmt das Organ aus der Kühlung und präpariert es in einer Edelstahl-Eiswanne für die Transplantation. Tjan und Rotering sind inzwischen längst dabei, mit dem Skalpell das alte Organ aus dem Körper von Anna G. zu trennen.

Ein paar hundert Kilometer von Münster entfernt, im Südwesten Deutschlands, war kurz zuvor ein Mensch gestorben, der seine Bereitschaft signalisiert hatte, mit seinen Organen anderen helfen zu wollen. Dies ist der Moment, der ein kompliziertes Räderwerk in Gang setzt: Eurotransplant, die zentrale Organ-Verteilstelle für einige europäische Länder mit Sitz im niederländischen Leiden, wird informiert. Die Experten dort gleichen die Informationen des Organspenders mit denen auf ihrer Warteliste ab. Und stoßen in diesem Fall auf den Namen von Anna G. Die Ärzte in Münster erhalten grünes Licht. Ein Chirurgenteam macht sich auf den Weg zum Spender, entnimmt das Herz, und Oberarzt Löher fliegt mit dem Organ in der Kühltasche zurück nach Münster.

Anna G. liegt inzwischen mit leerem Brustkorb auf dem OP-Tisch. Die Situation hat etwas Unwirkliches. Metallspangen spreizen des Gewebe und schaffen so Platz für die Operateure. Selbst der erfahrene Anästhesist Waurick gibt zu: "Das ist immer wieder ein beeindruckender Anblick." Vorsichtig legen die Herzchirurgen Tjan und Rotering das neue Herz in den Brustkorb von Anna G.. Eine Herz- Lungen-Maschine hat vorübergehend ihre Körperfunktionen übernommen. An sechs Punkten muss das Organ nun angenäht werden. Die Herausforderung an die Ärzte ist es, die Gefäße blutdicht zu vernähen. Immer wieder zieht Tjan den dunklen Faden durch die Gefäßwand, Stich für Stich setzt er in das weiche Gewebe. Eine Geduldsarbeit mit Verpflichtung zur Hochpräzision.

Zwei Stunden später kommt der große Moment: Eine OP-Schwester reicht Tjan eine Elektrozange, wortlos legt der Chirurg die beiden Löffel am eingepflanzten Herzmuskel an. Ein kurzer Stromstoß. Das Herz zuckt, es zuckt erneut. Aus dem Zucken wird ein rhythmisches Schlagen. "Jesus, das Herz schlägt" soll Prof. Christiaan Barnard gesagt haben, als er 1967 in Kapstadt die erste Herztransplantation vorgenommen hat, entfährt es Tjan ausgerechnet in diesem Moment. Kein Jubel, keine geballte Faust im OP-Handschuh - nüchtern und sachlich beendet der Chirurg sein Werk.

Die Anästhesisten übernehmen wieder die Überwachung. Professor Tjan hat seine Arbeit zwar beendet. Doch für Anna G. ist der Operationsmarathon jedoch noch lange nicht zu Ende. Um Mitternacht hatte sie ihre Narkose erhalten. Neun Stunden später ist die Herz-OP beendet. Eine weitere Stunde später muss das neu eingepflanzte Organ schon den ersten Belastungstest im Körper der 50-Jährigen bestehen.

Denn jetzt rückt das Team von Prof. Norbert Senninger in den Operationssaal ein - mit im Gepäck: Eine neue Leber für Anna G. Mit einem elektrischen Skalpell öffnet Senninger die Bauchdecke und folgt dabei einem vorher aufgezeichneten Schema. Dreieinhalb Stunden brauchen er und seine Kollegen dann, um das neue Organ zu verpflanzen - das ist sehr schnell. Die Transplantation der Leber ist nämlich der eigentlich schwierigere Eingriff. Die Gefäße sind kleiner als beim Herzen und der im Bauchraum ist komplizierter als der im Brustkorb. "Man kann noch mehr falsch machen", sagt Senninger. Auch für die Narkoseärzte ist die zweite OP die große Herausforderung. Wird das frisch verpflanzte Herz die Last des Eingriffs stemmen können? Sie machen ihren Job gut, die Operation ist geglückt.

Die Mediziner haben alles ihnen mögliche getan. Die Logistik hat funktioniert, das Räderwerk hat ineinandergegriffen. Mindestens 40 Menschen waren an der Operation beteiligt: Chirurgen, Internisten, Anästhesisten, Kardiologen, Schwestern, Pfleger, Kardiotechniker an der Herz-Lungen-Maschine und andere Helfer. Im Falle Anna G. hat alles geklappt. Drei Wochen nach dem Eingriff liegt sie noch auf der Intensivstation, doch die Organe funktionieren. "Aber psychisch ist die Patientin noch sehr labil", sagt Prof. Hartmut Schmidt, Transplantationshepatologe und Koordinator der Verpflanzung.

Nach dem Aufwachen aus der Narkose begann für Anna G. eine neue Zeitrechnung. Sie hat zwei neue Organe, zentrale Teile eines fremden Menschen, im Körper. Wie wirkt sich das auf ihre Psyche aus? Und wird sie damit zurecht kommen, dass sie lebenslang starke Medikamente nehmen muss, um die Abstoßungsreaktionen ihres Körpers im Zaum zu halten? Wird sie Geduld haben, Körper und Geist genug Zeit geben, die neuen Organe zu akzeptieren? Ein Team von Ärzten und vor allem Psychotherapeuten steht ihr in den nächsten Monaten zur Seite.

Die Operateure quält ein anderes Problem: Zu wenige Menschen sind hierzulande bereit, einen Spenderausweis zu unterschreiben und ihre Organe im Falle ihres Hirntodes zur Verfügung zu stellen. Deshalb fordern Ärzte wie Operateur Norbert Senninger und Kammerpräsident Theodor Windhorst eine gesetzliche Neuregelung. Nach diesen Vorschlägen, die auch der Deutsche Ethikrat unterstützt, soll jeder automatisch Organspender sein. Bei dieser sogenannten Widerspruchslösung, die auch in anderen europäischen Ländern wie Spanien und Österreich gilt, muss man zu Lebzeiten schriftlich widersprechen, wenn man eine Entnahme ablehnt. Auch die Angehörigen haben ein Vetorecht.

In Deutschland gilt dagegen eine Zustimmungslösung - hier muss jeder zu Lebzeiten - zum Beispiel per Organspendeausweis - sein ausdrückliches Einverständnis zur Organentnahme nach einem etwaigen Hirntod geben. Tut er es nicht, müssen die Angehörigen für ihn entscheiden. "Eine schlimme Situation, im emotionalsten Moment, den man sich vorstellen kann", beschreibt Windhorst die Lage der Ärzte.

Der Organ-Mangel in Deutschland ist derzeit sogar so groß, dass die Mediziner zu Lösungen greifen müssen, die für den Laien bizarr anmuten. Die kranke Leber von Anna G. beispielsweise ist noch lange kein Fall für die Pathologie. Die Ärzte um Prof. Senninger wissen: Wenn das Organ in einem anderen Körper arbeitet, wird die Stoffwechselerkrankung Amyloidose, unter der Anna G. litt, erst in frühestens 20 Jahren wieder auftreten. Sie soll deshalb einem Mann mit schwerer Leberzirrhose und Tumorbildung helfen, dessen Lebenserwartung bei weniger als 20 Jahren liegt. Eurotransplant sagt: Das passt. Er erhält die Leber von Anna G. noch am gleichen Tag, an dem auch Anna G. operiert wurde. Auch dieser Eingriff gelingt.

Innerhalb weniger Tage verpflanzen die Chirurgen der Uni-Klinik Münster sieben Lebern, zwei Herzen und acht Nieren. Ein Rekord für das Klinikum, das als eines von 41 Häusern in Deutschland Organtransplantationen vornimmt. Zu solch hochkomplexen Eingriffen wie bei Anna G. ist gerade mal eine Hand voll Kliniken bundesweit in der Lage. Sie schaffen für ihre Patienten oft ein neues, aber auch ein komplett anderes Leben. "15 geschenkte Jahre", sagt etwa Angelika Breuer über die Zeit seit ihrer Herztransplantation 1993. "Ich hüte mein neues Herz wie einen Augapfel."

Quelle: ntv.de, Michael Donhauser, dpa