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Wundermittel Yoga? Türen auf für den Moment

Madonna hat ihren eigenen Yoga-Lehrer und gilt als Yoga-Fanatikerin. Paul McCartney soll seinen Scheidungskrieg mit Yoga überwunden haben und ein Fan von Gwyneth Paltrow hat sogar 44.000 Euro für eine Yoga-Stunde mit seinem Idol gezahlt. Yoga scheint ein wahres Wundermittel mit sensationellen Wirkungen zu sein. Auch in unseren Breiten gehört Yoga bereits zum Lifestyle. Aber, was ist Yoga und was kann es bewirken? Diese und andere Fragen beantwortet uns Yoga-Expertin Sohan Anne Böing, selbstständige Yogalehrerin in Berlin seit 1999.

n-tv.de: Worauf sollte ich achten, wenn ich einen Yoga-Kurs suche?

Wichtig ist, der eigenen Empfindung zu folgen und zu vertrauen. Selbst wenn du einem guten Rat von außen folgst, das innere Gespür aber ein klares "Nein" spricht, sollte das eigene "Nein" befolgt werden, denn keiner kennt dich so gut wie du dich selbst. Es gibt unzählige Yoga-Richtungen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Sie haben alle unterschiedliche Qualitäten. Für jeden gibt es eine optimale Methode. Um die für dich geeignete Methode zu finden, kannst du am Anfang unterschiedliche Yoga-Richtungen und sogar unterschiedliche Lehrer in den gleichen Richtungen ausprobieren.


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Wie wirkt Yoga und was kann damit erreicht werden?

Yoga wirkt ganz einfach über die Körpererfahrung. Beim Yoga macht dein Körper zum Beispiel die Erfahrung von tiefer Entspannung. Diese Erfahrung aktiviert dein Körpergedächtnis. Durch Yoga-Übungen oder Tiefenentspannung entdeckt dein Körper einen Weg, die Selbstheilung wird aktiviert. Dieser Prozess wirkt bis zu 48 Stunden nach dem Yoga.

Was damit erreicht werden kann, hängt von jedem Einzelnen ab, also davon, wofür er sich öffnen kann. Die erste Yoga-Stunde beispielsweise ist für fast alle Anfänger eine ganz besondere Erfahrung. Schon vor der nächsten Stunde besteht die Hoffnung, dass diese Stunde wieder so wird wie die erste. So entstehen Erwartungen, Vorstellungen und Enttäuschungen. Erst wenn du dich wieder für den Moment öffnen kannst, deine Erwartungen und Vorstellungen los lässt, wirst du von einer neuen Erfahrung überrascht. Davon hängt letztendlich ab, was du mit Yoga erreichen kannst.


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Gibt es Altersbegrenzungen oder gesundheitliche Einschränkungen?

Alle Menschen können Yoga machen! Besonders wichtig ist jedoch, vor der Yoga-Stunde, dem Yogalehrer, der Yogalehrerin zu sagen, ob und welche körperlichen Einschränkungen bestehen. Bestimmte körperliche Einschränkungen brauchen bestimmte Varianten der Yoga-Übungen. Außerdem kann der Yoga-Lehrer oder die Yoga-Lehrerin vielleicht einen geeigneteren Kurs vorschlagen oder bei bestimmten Übungen zu besonderer Vorsicht oder einer abgewandelten Variante raten. Es gibt zum Beispiel spezielle Yoga-Kurse für Rücken- oder Bandscheibenpatienten. Da hat jeder und jede eine hohe Verantwortung sich selbst und der eigenen Gesundheit gegenüber.


n-tv.de: Was ist Yoga eigentlich?

Yoga ist eine Verabredung mit dir selbst. Durch den Kontakt mit dir wird dir deine eigene Position im Leben bewusst. Was möchtest du manifestieren? Was möchtest du geben? Wie willst du dein Leben gestalten? Es geht also darum, eine authentische Position im Leben zu finden.

Das Ganze ist ein Weg, der über mehrere Stationen verläuft. Zuerst kommt das Verabschieden von Scheinsicherheiten, an denen sich fast alle Menschen festhalten. Wir beziehen uns beispielsweise über das Außen, halten selbst gemachte Bilder am Leben. Das ist das "Hamsterrad", das immer wieder in denselben Abläufen funktionieren. Daraus entsteht Kompensationsverhalten. Yoga konfrontiert dich damit, indem es dir diese Bilder bewusst macht. Dann kannst du entscheiden, was du beibehalten willst und was recycelt werden soll.

Die eigene Position konfrontiert dich wiederum mit deiner Einsamkeit und deiner Eigenverantwortung. Folgst du dem Weg weiter, wird aus der Einsamkeit das Alleinsein im Sinne von "all eins sein". Das bedeutet: die gesamte Person und alle Erfahrungen werden integriert. Daraus erwächst die Möglichkeit, für den Moment und für dein Gegenüber erreichbar zu sein. In diesem Moment wirst du als Mensch ganz. Dann bist du als Person präsent. Das ist für mich das größte Geschenk. Wenn du als Mensch präsent bist, kannst du Menschen wirklich treffen und wahrnehmen. Du musst nun nicht mehr aus einer entfernten Position strategisch vorgehen oder berechnen. Yoga ist also das Einsammeln und Zusammenkommen deiner Selbst. Das ist so, als würdest du immer schwerer werden. Das Gewicht schenkt dir die Möglichkeit, immer tiefer in den Moment zu sinken.


n-tv.de: Wie oft und wie lange sollte Yoga praktiziert werden?

Es kommt darauf an, was du erreichen willst. Mir persönlich ist wichtig, immer wieder klar zu machen, dass Warten mit Hoffen eine der größten Illusionen ist. Das bedeutet, wenn du hoffst, dass jemand anderes für dich diese Arbeit tun kann oder dich irgend jemand an die Hand nimmt und dein "inneres Haus" mit dir klärt und reinigt, ist das eine schöne Illusion.

Yoga ist eine Form, jemanden zu begleiten, die wichtigen Schritte musst du aber selbst machen. Es ist wichtig, beim Yoga eine Regelmäßigkeit zu entwickeln. Das sind für mich Momente des Anhaltens. In diesen Momenten kannst du in den Kontakt mit dir selbst kommen. Diese Form zu üben, zu beobachten, wann du in den Kontakt kommst und wie du diesen halten kannst, ist wie ein regelmäßiger Hausputz.

Der Vorgang kann auch mit dem Säen eines Samens verglichen werden. Am besten ist es, wenn du morgens mit Yoga beginnst. Das ist so, als würdest du einen Samen in die Erde setzen. Damit er aufgeht, musst du ihn regelmäßig mit Wasser versorgen, d. h. du pflegst ihn über Tage hinweg, damit sich nach einer bestimmten Zeit sein Wurzelwerk in alle Bereich deines Lebens ausdehnt. Du kannst dich beispielsweise von jeder roten Ampel erinnern lassen, um wieder zu überprüfen, ob du im Kontakt mit dir selbst bist.


n-tv.de: Wie kann ich mir eine Yoga-Stunde bei Ihnen vorstellen?

Die Sitzung, die ca. zwei Stunden dauert, beginnt mit einer theoretischen Einleitung, der Einstimmung und dem Aufwärmen. Danach folgt ein Yoga-Set, das auch Kriya genannt wird. Diese Kriyas sind festgelegte Übungsreihen, die Bewegungs- mit Atemübungen kombinieren. Die Übungen eines Sets sind ganz gezielt auf ein bestimmtes Thema, auf einen bestimmten Bereich ausgerichtet. Yoga-Sets und Dauer der Übungen sind sehr unterschiedlich. Danach folgt die Tiefen-Entspannung und zum Ende kommt die Meditation, die ebenfalls sehr verschieden ist. Entweder eine stille Meditation, eine Gesangsmeditation oder eine Meditation mit Bewegung.


n-tv.de: Was ist Yoga für Sie persönlich?

Yoga ist für mich der Weg, der mich hierher geführt hat. Yoga ist ein Prozess, der immer weiter geht, der den Weg offen legt und die Türen öffnet für den Ist-Zustand. Dieser Ist-Zustand lässt einen immer tiefer sinken in den Moment hinein. Für mich ist das der Weg, den ich gegangen bin und weiter gehe und aus Dankbarkeit halte ich ihn offen und biete ihn an.

Das Interview führte Jana Köhler.

Quelle: n-tv.de