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Wanderung der Superlative Venus schwebt vor der Sonne

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Ein Venustransit war zuletzt 2004 zu sehen.

Am 6. Juni findet ein astronomisches Jahrhundertereignis statt. Unser Schwesterplanet, die Venus, schwebt am frühen Morgen direkt vor der Sonnenscheibe. Eine solche Konstellation ist enorm selten - und spielte in der Geschichte der Astronomie eine wichtige Rolle bei der Vermessung unseres Sonnensystems.

Es ist der 4. Dezember 1639. Jeremia Horrocks, ein junger und ehrgeiziger Astronom, wird an diesem Tag die Beobachtung seines Lebens machen. Der Engländer richtet sein Teleskop auf die Sonne aus; durch das Fernrohr fängt er das Licht unseres Heimatsterns ein und projiziert es auf einen Karton, den er zuvor hinter der Linse angebracht hat. Horrocks hatte gerade rechtzeitig seine Berechnungen abgeschlossen, die für ebendiesen Tag ein sehr seltenes Ereignis am Himmel vorhersagen. Und tatsächlich. Gebannt starrt er auf den Karton, als er um 15.15 Uhr findet, was er sucht: Die Venus. Als kleiner, dunkler Fleck zieht sie langsam vor der riesigen Sonnenscheibe vorbei. Horrocks wird an diesem Tag einer der ersten Menschen sein, die bewusst einen sogenannten "Venustransit" beobachten.

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Jeremia Horrocks berechnete und beobachtete am 4. Dezember 1639 als erster Mensch den Venustransit.

(Foto: J. W. Lavender)

Knapp 400 Jahre ist diese historische Beobachtung nun her. Fünfmal ist die Venus seitdem genau zwischen Sonnenscheibe und Erde vorbeigewandert, zum letzten Mal im Juni 2004. Ein Venustransit gehört zu den seltensten berechenbaren Ereignissen an unserem Himmel; er tritt nur etwa alle 120 Jahre paarweise im Abstand von acht Jahren auf. Zum Vergleich: Alle paar Jahre findet irgendwo auf der Erde eine totale Sonnenfinsternis statt. Dank der heutigen Verkehrsmittel ist es theoretisch kein Problem, ein solches Ereignis mehrfach im Leben zu beobachten. Anders bei den Durchgängen der Venus vor der Sonne. Sie sind prinzipiell überall sichtbar, wo sich die Sonne zum Zeitpunkt des Transits über dem Horizont befindet. Dafür sind sie viel seltener. Nach dem Durchgang 2004 folgt am 6. Juni 2012 MESZ der letzte für dieses Jahrhundert. Wer den kommenden im Jahr 2117 noch erleben möchte, sollte sich schleunigst einen guten Ernährungsberater suchen.

Der Venusdurchgang am 6. Juni ist während des Sonnenaufgangs in Deutschland in vollem Gange. Wir kommen leider nicht in den Genuss, den vollständigen Verlauf zu beobachten, denn wenn die Venus die Scheibe der Sonne betritt, steht diese noch weit unter unserem Horizont. Frühaufsteher können sich jedoch das große Finale sichern. Je nach Beobachtungsort sind die letzten eineinhalb bis zwei Stunden, in denen die Venus vor der Sonne schwebt, zu sehen. Kurz vor sieben Uhr MESZ verlässt unser Schwesterplanet das Hauptgestirn wieder. Und er kehrt erst in 105 Jahren wieder dorthin zurück.

Wertvolle historische Messungen

Horrocks, der erste Mensch, der bewusst einen solchen Venusdurchgang beobachtete, war ein Zeitgenosse Johannes Keplers. Kepler sorgte mit seinen Berechnungen der Planetenbahnen Anfang Anfang des 17. Jahrhunderts für Aufsehen und revolutionierte die Astronomie. Seitdem waren die relativen Abstände der Planeten im Sonnensystem bekannt. Das Problem: Um die absoluten Abstände zu ermitteln und konkrete Zahlen zu erhalten, brauchte man zumindest eine absolute Entfernungsangabe. Die Astronomen nach Kepler waren auf der Jagd nach einer solchen Zahl - denn damit hätte man alle anderen Werte problemlos berechnen können. Der Tag des Venustransits, den Kepler selbst nicht mehr erlebte, lieferte Jeremia Horrocks eine Zahl.

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Wenn das Wetter mitspielt, ist der Transit gut zu erkennen.

(Foto: REUTERS)

Horrocks maß an diesem Tag den scheinbaren Durchmesser der Venus, die langsam über die Sonnenscheibe kroch. Anhand dieser Messung gelang dem Astronomen eine Bestimmung der Distanz von der Erde zur Sonne, die um ein Vielfaches genauer war als die bis dahin allgemein angenommene. Horrocks schloss aus seinen Beobachtungen, dass die Erde rund 95 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt sei. Zuvor war man – seit der griechischen Antike - davon ausgegangen, dass diese Distanz lediglich rund 7,5 Millionen Kilometer betrage. Heute weiß man, dank genauerer Instrumente und ausgefeilter Berechnung, dass die Erde die Sonne in einer mittleren Distanz von knapp 150 Millionen Kilometern umkreist. Die Berechnungen des jungen Engländers waren zwar noch ziemlich ungenau, weil Horrocks von einigen falschen Annahmen ausging. Dennoch: Er korrigierte das damalige Bild der Maße des Sonnensystems um ein Vielfaches und machte einen großen Schritt in die richtige Richtung.

Auch den diesjährigen Venustransit beobachten und vermessen tausende Wissenschaftler und Amateurastronomen. Es laufen mehrere Projekte, die mithilfe unterschiedlicher Methoden die Distanz Erde-Sonne genau berechnen sollen.

Beobachten richtig gemacht

In Deutschland kommen nur wirkliche Frühaufsteher in den Genuss, die Endphase der Venuswanderung zu beobachten. Wer sich die Mühe machen möchte, sollte sich schon zuvor einen Ort suchen, an dem der Blick gen Osten möglichst ohne Hindernisse möglich ist. Wichtig ist auch, genügend Zeit einzuplanen, denn entsprechende Beobachtungsinstrumente müssen aufgebaut und kalibriert werden.

Nur was für Frühaufsteher

Im Gegensatz zum Venus-Durchgang von 2004 ist das seltene Himmelsereignis diesmal in unseren Breiten nicht in ganzer Länge zu beobachten: Beim Sonnenaufgang am Mittwoch befindet sich das Venus-Scheibchen bereits in der Schlussphase seiner Wanderung über die Sonne. Um kurz vor sieben Uhr ist die Mini-Sonnenfinsternis dann schon vorbei. Zu dieser Zeit steht die Sonne immer noch tief über dem Horizont - die Beobachtungsbedingungen sind also selbst bei wolkenfreiem Himmel nicht ideal. (AFP)

Da sich das Geschehen direkt vor der gleißend hellen Sonnenscheibe abspielt, müssen ambitionierte Sonnengucker allerdings Sicherheitsvorkehrungen treffen. Andernfalls könnte die Beobachtung statt spektakulärer Erinnerungen einen schweren Augenschaden zur Folge haben. Es gilt, wie auch bei Sonnenfinsternissen immer gewarnt wird: Niemals mit dem bloßen Auge in die Sonne blicken. Auch eine einfache Sonnenbrille bietet keinen ausreichenden Schutz.

Durch Filter oder Projektion

Wer die Venus auf ihrem Marsch begleiten möchte, sollte unbedingt auf geeignete Sonnenfilter zurückgreifen. Für das bloße Auge, mit dem die Venus als winzig kleiner Punkt auf der Sonne erkennbar sein wird, reicht eine Sonnenfinsternisbrille. Wer das Geschehen mit einem Teleskop oder Fernglas beobachten möchte, der sollte unbedingt entsprechende Sonnenfilter für sein Gerät besitzen. Durch die Optiken in Ferngläsern oder Teleskopen werden die Sonnenstrahlen enorm gebündelt und sind noch einmal um ein Vielfaches gefährlicher als für das bloße Auge. Schon ein kurzer ungeschützter Blick kann hier für bleibende Augenschäden sorgen.

Wer ein Teleskop besitzt und den Transit mit mehren Leuten zusammen beobachten möchte, kann sein Instrument auch – wie damals Jeremia Horrocks - als "Projektor" verwenden. Als Leinwand fungiert am besten ein weißer Karton, der hinter dem Okular angebracht wird. Je weiter weg, desto größer die Projektion. Hier ist jedoch besondere Vorsicht gefragt, da kein Sonnenfilter im Spiel ist. Auf keinen Fall direkt in das Teleskop blicken!

Zu guter Letzt muss noch das Wetter mitspielen, dem die historische Bedeutung dieses Ereignisses leider völlig egal ist. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Frühnebel rasch verziehen und die Wolken bis sieben Uhr warten, ehe sie den Himmel in Beschlag nehmen. Denn dann steht der ausführlichen Beobachtung des letzten Venustransits in diesem Jahrhundert nichts mehr im Wege.

Quelle: ntv.de