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Die Pinocchio-Nase wächst nicht immer Wann Lügen wünschenswert sind

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Lügen in der Politik: Irgendwann zerstört sich das System.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schummeleien, faule Ausreden, handfester Betrug: Lügen begegnen uns überall im Leben, und das jeden Tag. Stephan Sellmaier vom Münchner Kompetenzzentrum Ethik spricht mit n-tv.de über die Menschlichkeit der Lüge, über Systemzwänge und darüber, wann es besser ist, zu flunkern als die Wahrheit zu sagen.

n-tv.de: Niemand wird gern belogen, doch oft genug merken wir gar nicht, dass wir anderen gerade "auf den Leim gehen". Wann hört denn die Taktik auf, wo fängt die Lüge an?

Stephan Sellmaier: Begrifflich ist klar, was eine Lüge ist: nämlich, absichtlich etwas Unwahres zu sagen. Es gibt aber gleitende Übergänge zum Täuschen und zum Wecken falscher Hoffnungen. Wenn ich jemandem etwas bewusst verschweige, obwohl ich weiß, dass es ihn interessiert, belüge ich ihn dann? Vielleicht täusche ich ihn. Ich lasse ihn absichtlich im Unklaren.

Oder was ist, wenn ich weiß, dass der andere von falschen Tatsachen ausgeht, ich ihn aber absichtlich nicht korrigiere? Wenn ich ihn beispielsweise nicht darüber aufkläre, dass seine Krankheit viel schlimmer ist als er denkt? Ist das Lüge? Täuschung? Falsche Hoffnung? Hier können wir nur feststellen, dass die Umgangssprache nicht genau genug unterscheidet. Von diesen unklaren Fällen gibt es im Alltag sehr viele. Aus begrifflichen Gründen ist es hier schwer, das eine klar vom andern abzugrenzen. Für die moralische Bewertung sind die Unterschiede aber bedeutend.

Spontan würden wohl die meisten Menschen eine lügenfreie Gesellschaft befürworten. Aber ist ein Miteinander komplett ohne Lügen wirklich erstrebenswert?

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Wie viel Wahrheit darf ein Arzt seinem Patienten zumuten?

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt Lügen, die wir durchaus wollen. Dazu gehört die Notlüge. Viele Moralphilosophen sind zum Beispiel der Ansicht, dass wir dem Mörder nicht verraten sollten, wo sein Opfer steckt, sondern hier eine Notlüge geboten ist.

Weitere Beispiele für gewünschte Lügen und Täuschungen finden wir in der Medizinethik: Wie viel Ehrlichkeit muss ein Arzt in therapeutischen Notfallsituationen gegenüber seinen Patienten aufbringen? Soll er einem Patienten, der aufgewühlt und emotional instabil ist, alles über dessen Zustand sagen, auch wenn dies fatale Folgen für den Therapieverlauf haben kann? Oder ist es nicht besser, Dinge zu verschweigen und beim Patienten falsche Hoffnungen zu wecken, auch aus therapeutischen Gründen?

Für diese Fälle kennt die Ethik den Begriff Paternalismus. Eine paternalistische Handlung zeichnet sich dadurch aus, dass der Arzt zum Wohle des Patienten handelt und deshalb bestimmte Fakten vorübergehend verschweigt. Der Arzt belügt den Patienten dann nicht aus egoistischen Gründen, sondern weil er ihn emotional nicht überfordern will.

Viele paternalistische Handlungen charakterisieren wir ganz klar als Lüge oder arglistige Täuschung, und dennoch können wir ihnen in einigen, sicherlich nicht in allen Fällen positive Aspekte abgewinnen.

Aber natürlich gibt es zahlreiche Lügen, die moralisch unerwünscht, also verwerflich sind. Und wenn wir nur die betrachten, wäre eine lügenfreie Gesellschaft aus guten Gründen zu befürworten. Unser zwischenmenschliches Miteinander ist aber so komplex, dass viele Alltagssituationen nicht so eindeutig zu bewerten sind.

Was ist eine verwerfliche Lüge?

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Eine verwerfliche Lüge: Betrug zur persönlichen Bereicherung.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Schlimm sind die Lügen, mit denen ich arglistig täusche, um mir einen eindeutigen Vorteil zu verschaffen. Typische Situationen finden wir zum Beispiel in der Geschäftswelt: Will ich ein gutes Geschäft machen und verspreche deshalb astronomische Renditen in dem Wissen, dass sich diese nie erzielen lassen, dann verhalte ich mich eindeutig unmoralisch.  

Wie viel Lüge kann eine Gesellschaft denn ertragen?

Bestimmte Lügen sollten wir nicht oft im Alltag praktizieren, auch wenn sie keine allzu verwerflichen Folgen haben: so zum Beispiel Lügen in Situationen, in denen es für mich unangenehm oder peinlich werden kann, weil ich etwa ein Versprechen nicht gehalten habe. Unsere Kommunikationsgemeinschaft setzt wechselseitiges Vertrauen voraus, und das bauen wir auf, indem wir uns auf das verlassen, was wir uns gegenseitig versprechen.

Wenn wir ein Maß zwischen dem Wecken falscher Hoffnungen, Täuschungen und gelegentlichen Lügen aufrechterhalten, dann führt das nicht automatisch in eine unmoralische Gesellschaft, sondern ist etwas, womit wir schon seit Jahrtausenden leben. Unsere Gesellschaft hält das aus. Unser Grundvertrauen wird durch unbedeutende Lügen, zumindest durch die im alltäglichen Bereich, gar nicht tangiert.

Wie sind Lügen in der Politik zu bewerten? Sind sie menschlich? Wann drohen sie nachhaltig das Vertrauen ins System zu untergraben?

Es kommt immer wieder vor, dass uns Politiker über ihre tatsächlichen Ziele täuschen. Zumindest formulieren sie Ziele, von denen sie eigentlich wissen könnten, dass sie nicht realisierbar sind. Wenn so etwas beständig geschieht, dann untergräbt sich so ein System, dann entsteht Politikverdrossenheit.

Allerdings muss man berücksichtigen, dass sich der politische Alltag in den letzten Jahren verändert hat: Berufspolitiker sind eine junge Erscheinung, und erst seit Kurzem setzen Menschen schon früh auf eine politische Karriere. Sie richten ihre gesamte Lebensplanung an einem politischen Leben aus. Wer so stark auf eine bestimmte Karriere setzt, wird vielleicht Dinge tun, die er eigentlich nicht tun sollte.

Das betrifft dann also nicht nur die Politik.

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Tour de France: Ein Spektakel wird zur Farce.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nein, da gibt es auch Beispiele aus dem Hochleistungssport. Stichwort Doping. Das kann man in bestimmten Bereichen als Systemzwang sehen. Die Diskussion um die Tour de France zum Beispiel scheint mir eine Farce zu sein. Jeder weiß, wer vorne mithalten will, muss was nehmen. Sonst müsste man das Spektakel runterschrauben, und dann können die Sportler nicht mehr drei Wochen lang jeden Tag mit 40 km/h den Berg rauffahren, sondern nähern sich wieder dem Tempo der "Normalsterblichen" an.

In der Politik besteht die Neigung, aus überzogenen Hoffnungen beim Wähler Kapital zu schlagen. Der politische Alltag sieht aber meist ganz anders aus. Da muss man schauen, was sich gerade durchsetzen lässt. Auch hier ist der Übergang fließend von falschen Hoffnungen hin zur absichtlichen Lüge. Lügen in der Politik haben oft mit Fehleinschätzungen zu tun.

Wie sieht es vor diesem Hintergrund mit der Vorbildfunktion von Politikern aus?

Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine komische Entwicklung in der Politik: Die Öffentlichkeit und die Politik selbst erwarten, dass sich Politiker engelsgleich verhalten. Dieser Anspruch ist überzogen, ja, fast unmenschlich. Ursache ist mitunter, dass die Politik selbst mit diesen Erwartungen Wahlkampf betreibt. Jede noch so kleine Verfehlung aus dem konkurrierenden Lager wird für den eigenen Wahlkampf ausgeschlachtet, und sei es das Falschparken des politischen Gegners.

Natürlich fängt moralisches Verhalten im Kleinen an. Für eine funktionierende Gesellschaft ist es aber wichtig, folgeträchtiges unmoralisches Verhalten zu unterbinden. Wir lenken von den drängenden Problemen oft durch den Verweis auf Unbedeutendes ab. Fehler gehören zum menschlichen Leben. Allerdings kann es sich die Politik nicht leisten, ihre Wähler beständig zu täuschen, sonst wandern die Wähler ab, schlimmstenfalls ins politisch extreme Spektrum.

Kommen wir zurück zum zwischenmenschlichen Alltag. Was ist von erfundenen Ausreden zu halten im Stil von: "Ach wie schade, ich kann dir am Samstag gar nicht beim Umzug helfen. Ausgerechnet an dem Tag hat mein Opa Geburtstag"?

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Darf auch mal als Ausrede herhalten: Opas Geburtstag.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn der eigentliche handlungsmotivierende Grund der ist, dass wir keine Lust auf den Umzug haben, vielleicht auch, weil uns dieser spezielle Freund selbst nie hilft, dann ist Opas Geburtstag eine elegante Art der Absage. Denn Konfrontationssituationen gehen wir nicht gern ein. Niemand stößt den anderen gern vor den Kopf. Auch in diesem Fall geht es nicht darum, den anderen arglistig zu täuschen oder zu verletzen oder große Vorteile für uns rauszuholen, sondern darum, unser Verhalten und unser Verhältnis zueinander menschlich zu gestalten.

Damit möchte ich nicht sagen, dass es aus moralischer Sicht richtig ist, zu lügen, sondern dass unser Zusammenleben hochkomplex ist und unbedeutende Lügen aushält. Es ist wichtig, verwerfliche und folgeträchtige Lügen zu unterbinden.

Flunkern ist also durchaus erlaubt und manchmal sogar der Wahrheit vorzuziehen?

Ja, es gibt Situationen, in denen es gute moralische Gründe gibt, zu flunkern oder zu täuschen. Positives Lügen drückt ein Wohlwollen meinen Mitmenschen gegenüber aus. Da kommen wir wieder zurück auf den vorhin angesprochenen Paternalismus: Positive Lügen schützen den anderen oder bewahren ihn vor Überforderung. Entscheidend ist das positive Motiv: das Handeln im Sinne des anderen und nicht, um sich selbst zu bereichern. Diese Fälle sind wünschenswert.

Aber auch hier gibt es Grenzen. Auch die Medizin muss irgendwann abwägen und den Punkt finden, an dem der Patient mit der Wahrheit konfrontiert werden muss – auch wenn es für beide Seiten eine außerordentlich unangenehme Wahrheit ist.

Werden sich Wahrheit und Vertrauen als Werte halten?

Es wird oft unterschätzt, dass moralisches Verhalten erlernt werden muss. Entscheidend ist, dass wir schon unseren Kindern beibringen, dass arglistiges, absichtliches Lügen etwas ist, was sie nicht tun sollten. Anstandsregeln müssen eingeübt werden. Wir müssen sie im Alltag anwenden, und Kinder müssen sie in konkreten Situationen lernen. Sonst erkennen sie später die moralische Situation nicht als eine solche. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit erfordern also eine moralische Praxis. Für eine funktionierende soziale Gemeinschaft sind sie unabdingbar.

Mit Stephan Sellmaier sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de