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Ölförderung in der Arktis Weißwale gefährdet

Vor den Solowezki-Inseln im Nordwesten Russlands ist die Welt der Weißwale noch in Ordnung. Jedes Jahr kommen die Belugas aus dem Norden in die Küstengewässer im Weißen Meer rund 150 Kilometer südlich des Polarkreises. Hier paaren sie sich und ziehen ihre Jungen auf. "Dies ist der einzige Ort auf der Welt, an dem sie so nahe ans Ufer kommen", sagt Wladimir Baranow, einer der führenden Forscher am Moskauer Institut für Meereskunde. "Hier können sie spielen, weil sie nicht in Gefahr sind", ergänzt seine Kollegin Olga Kirilowa. Doch das Paradies ist gefährdet: Mit Sorge beobachten die Wissenschaftler, dass jedes Jahr ein paar Wale weniger aus dem Winterquartier zu den Solowezki-Inseln zurückkehren. Die Ursache vermuten sie im Klimawandel und in der stark zunehmenden Ölförderung in der Barentssee.

Seit Jahren schon nutzen die russischen Wissenschaftler die günstigen Bedingungen vor den Solowezki-Inseln für ihre Studien. Mit Kameras und Mikrophonen zeichnen sie jede Bewegung der Beluga-Wale auf. Dank auffälliger Markierungen auf dem Rücken der Tiere können die Forscher deren Gesundheitszustand, ihre Lebensdauer und ihr Verhalten gegenüber rivalisierenden Herden beobachten. Sie stellten aber auch fest, dass die Walpopulation in den vergangenen Jahren um fünf Prozent abgenommen hat. Vor den Solowezki-Inseln seien die Belugas zwar in Sicherheit, sagt Kirilowa. "Aber wenn sie im Winter in den Norden ziehen, dann haben sie mit einem intensiven Schiffsverkehr zu tun und der Umweltverschmutzung, die daraus resultiert."

Belugas als Leitspezies

Seit das Eis in der Arktis schmilzt, treibt die russische Regierung die Öl- und Gasförderung im Norden massiv voran. Vor zehn Jahren wurde durch die Barentssee noch so gut wie gar kein Öl transportiert. Inzwischen sind es schon zehn Millionen Tonnen im Jahr, wie eine Studie des norwegischen Barents-Sekretariats ergab. Innerhalb der nächsten zehn Jahre könnte sich das Volumen sogar auf 150 Millionen Tonnen erhöhen, heißt es darin.

Für die Wale ist schon allein der Lärm, der durch den starken Schiffsverkehr entsteht, ein Problem, denn sie orientieren sich anhand von Schallwellen. Eine noch größere Gefahr sehen die Wissenschaftler allerdings in möglichen Ölverschmutzungen. "Belugas sind eine Leitspezies: Was mit ihnen passiert, ist ein Vorbote der Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Klimawandel auf das gesamte Ökosystem", sagt Wsewolod Belkowitsch von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, der die Studie leitet. Dass die Zahl der Wale im Weißmeer in den vergangenen leicht zurückging, halten die Forscher für ein erstes Zeichen dafür, dass sich die Ölförderung auf die Umwelt auswirkt. Und sie rechnen mit weitaus schwereren Folgen als bisher.

Belugas bei Ölverschmutzungen extrem gefährdet

So warnt der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW) davor, dass es den Beluga-Walen ähnlich ergehen könnte wie den Sattelrobben. Auch diese wandern jedes Jahr zwischen ihren Lebensräumen im Weißen Meer und in der Barentssee. Durch die Erderwärmung und den erhöhten Schiffsverkehr verringerte sich die Zahl der Sattelrobben innerhalb von fünf Jahren auf nur noch ein Drittel: von 300.000 Tieren im Jahr 2003 auf etwas über 100.000 Tieren im Jahr 2008.

Walforscher besorgt am meisten, dass durch die zunehmende Ölförderung die erste Katastrophe im Weißen Meer geradezu programmiert sei. Im Jahr 2003 sei es bereits zu einem Zwischenfall gekommen, sagt der Moskauer Wissenschaftler Belkowitsch. Und obwohl damals nur wenig Öl ausgelaufen sei, habe es fünf Jahre gedauert, bis sich das Ökosystem wieder erholt habe. Belugas seien extrem gefährdet bei Ölverschmutzungen, warnt auch die Expertin Vera Krasnowa. "Im Sankt-Lorenz-Strom in Kanada war die Umweltverschmutzung für die Belugas eine Katastrophe", sagt sie. "Das Gleiche kann hier auch passieren."

Quelle: ntv.de, Conor Humphries, AFP