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Hormonaktive Umweltstoffe zeigen Wirkung Wenn Jungen eher zu Puppen greifen

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Die meisten Jungen mögen Autos - nicht wenige aber auch Puppen.

picture alliance / dpa

In einer Untersuchung an siebenjährigen Kindern stellen Umweltwissenschaftler eine Veränderung im geschlechtstypischen Verhalten fest. Als Grund nennen die Forscher die Belastung mit bestimmten hormonaktiven Umweltstoffen. Sie gelangen schon im Mutterleib in die Kleinen.

Forscher aus Bochum, Düsseldorf und Münster haben herausgefunden, dass eine erhöhte Belastung mit polychlorierten Biphenylen (PCBs) und Dioxinen das typisch jungen- oder mädchenhafte Verhalten der Kinder im Schulalter beeinflusst. Je höher die Körperbelastung der werdenden Mutter mit hormonaktiven Umweltstoffen gewesen war, desto veränderter war das geschlechtstypische Verhalten ihres siebenjährigen Kindes. "Die Aussage, dass Jungs beim Spielen öfter zu Puppen griffen, ist zwar stark vereinfacht, geht aber in die richtige Richtung", sagt Professor Gerhard Winneke, vormals Medizinpsychologe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Gespräch mit n-tv.de.

Polychlorierte Biphenyle (PCBs) und Dioxine

Polychlorierte Biphenyle (PBCs) sind langlebige, organische Chlorverbindungen, die bis in die 1980er Jahre hinein auch als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen und Kunststoffen verwendet wurden. Als synthetische Öle sind sie schwer entzündbar und schwer abbaubar. Aus diesem Grund sind sie auch in Hydraulikflüssigkeiten und in Transformatoren zum Einsatz gekommen. Da sie wegen ihrer günstigen Eigenschaften in großem Umfang industriell genutzt wurden, sind die Gifte nicht nur in die Luft, sondern vor allem bei unsachgemäßer Entsorgung, z.B. über Klärschlämme, in die Nahrungskette  und damit auch in den Menschen gelangt.  Neben hormontoxischen sind besonders neuro- und immuntoxische Wirkungen beschrieben. PCBs werden zu mehr als 90 Prozent über die Nahrung, vor allem über tierische Fette und Milchprodukte vom Menschen aufgenommen. Sie sind sowohl im Blut, als auch in der Muttermilch nachweisbar.

Da PCB schon bei geringen Mengen eine chronische Toxizität aufweisen, gehören sie zum sogenannten "dreckigen Dutzend". Das sind zwölf langlebige organische Giftstoffe, die in der Stockholmer Konvention am 22. Mai 2001 weltweit geächtet wurden.

Die Dioxine sind ebenfalls chlororganische Verbindungen, die in vieler Hinsicht den PCBs strukturähnlich sind, und die als unerwünschte Begleitprodukte bei der Müllverbrennung, insbesondere der Verbrennung von Kunststoffen, in die Luft gelangen können. Auch Dioxinverunreinigungen von Futter- und Lebensmitteln finden immer wieder den Weg in die Medien. Besonderes öffentliches Interesse fanden die Dioxine, als durch einen Chemieunfall in Seveso große Mengen in die Umwelt gelangten, und in den folgenden Jahren vermehrt Krebserkrankungen in der Bevölkerung auftraten.

Für ihre Untersuchung maßen die Wissenschaftler zwischen 2000 und 2002 die Konzentrationen von insgesamt 35 PCBs und Dioxinen im Blut von 232 Schwangeren und später in deren Muttermilch. Sieben Jahre später bekamen die Mütter die Aufgabe, das Verhalten ihrer Kinder mithilfe eines international erprobten Fragebogens zu beurteilen. Anhand von 24 Fragen sollten sie in fünf verschiedenen Abstufungen die Vorlieben für Spielzeug, das Spielverhalten und andere geschlechtstypische Verhaltensweisen ihres Kindes einschätzen. "Eine der Fragen lautete beispielsweise: Wie oft spielt ihr Kind mit Schmuck?", erläutert Winneke weiter.

Jungen sind weniger jungenhaft

Bei der Auswertung der ausgefüllten Fragebögen zeigte sich ein  deutlicher statistischer Zusammenhang zwischen hohen vorgeburtlichen Konzentrationen an PCB und Dioxinen und Veränderungen im geschlechtsspezifischen Verhalten. "Wir haben festgestellt, dass Jungen etwas mehr weibliches Verhalten zeigten und Mädchen etwas weniger weiblich waren, wenn es in der Schwangerschaft eine relativ hohe PCB- oder Dioxinbelastung gegeben hatte", so Winneke.

Bei den Erkenntnissen des Forscherteams handelt es sich um beobachtete Zusammenhänge, die nicht unbedingt mit Ursache-Wirkungsbeziehungen gleichzusetzen sind. "Wir können bei den Ergebnissen, die wir bekommen haben, natürlich den Einfluss von anderen Umweltfaktoren nicht sicher ausschließen", betont Winneke. "Aber wir können sagen, dass unsere Erkenntnisse mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen, denn nicht nur die zeitliche Abfolge von vermuteter Ursache und beobachteter Wirkung, sondern auch die Dosis-Wirkungsbeziehungen und die biologische Plausibilität stützen unsere Ergebnisse", so der Experte. Bei früheren Versuchen an Ratten, die am Medizinischen Institut für Umwelthygiene in Düsseldorf durchgeführt worden waren, konnte nämlich nach der Gabe von PCB-Gemischen an trächtige Weibchen ein feminisiertes Verhalten bei den männlichen Nachkommen beobachtet werden.

"Wir können mit den Ergebnissen aus unserer Untersuchung wahrscheinlich machen, dass PCBs und Dioxine auch in geringen Umweltkonzentrationen die geschlechtstypische Entwicklung des Gehirns, die bei Kindern im Mutterleib hormonabhängig erfolgt, mindestens bis ins Schulalter dauerhaft verändern", betont Winneke. Trotzdem solle nicht dramatisiert werden. Denn glücklicherweise habe die Belastung mit PCBs und Dioxinen in den letzten Jahren stark abgenommen. Die Effekte, die das Forscherteam beobachten konnte, untermauern das weltweite Verbot von PCBs und Dioxinen. Allerdings müsse, so Winneke, anderen hormonaktiven Umweltfremdstoffen, wie zum Beispiel den als Weichmachern in Kunststoffen verwendeten Phthalaten, aufgrund der hier erhobenen Befunde weiterhin besondere Aufmerksamkeit gelten.

Quelle: n-tv.de

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