Wissen

"Ein Gewirr von Geistesblitzen" Wie wird man Erfinder?

Bude_dpa2.jpg

"Der Überhebliche – erfunden und gegauckt" heißt der Roman, den Bude jüngst über sein Erfinderleben im Osten geschrieben hat. Für den braucht es nur noch einen Verlag.

(Foto: picture alliance / dpa)

Friedrich Bude aus Cottbus ist einer der rührigsten Tüftler in Deutschland. Seit 1969 ist er als solcher aktiv und mittlerweile mit 231 Patentpapieren beim Deutschen Patentamt in München registriert. Im Gespräch mit n-tv.de erzählt Bude vom Erfinden hüben und drüben, von Aha-Effekten, Neidern und Realisierern und gibt Tipps für alle, die im Erfinden noch am Anfang stehen.

n-tv.de: Herr Dr. Bude, woher nehmen Sie all die Ideen, die Sie schließlich zum Patent anmelden? Ist Ihr Erfindergeist tagtäglich aktiv?

Friedrich Bude: Erfinden ist eine Kombination aus Begabung, Fachkenntnissen und Management. Ohne das gedankliche Verbeißen in ein Problem geht es meist nicht. Es kann natürlich auch der Zufall helfen, aber der stellt sich auch nur ein, wenn man ständig gedanklich an dem Problem hängt. Wenn eine bekannte technische Lösung zu aufwendig, zu umständlich oder zu teuer ist und etwas Neues gesucht ist, dann verfolgt dieses Problem den Erfinder auf Schritt und Tritt, in der Freizeit, auch in den Träumen. Der Erfinder grübelt, geht gedanklich alles bisher Bekannte durch, versucht aus benachbarten Techniken ähnliches heranzuziehen, diskutiert mit Partnern und Kollegen, studiert Literatur, und dann … kommt eventuell der Aha-Effekt. Den formuliere ich gern so: "Umtriebig flitzt ein technisches Problem als symbolisches Fragezeichen zwischen den menschlichen Hirnwindungen hin und her, verfitzt und verknotet sich als Gewirr von Geistesblitzen - und plötzlich - ganz unerwartet - rein zufällig stößt in das Gewirr gezielt ein Pfeil, ein Enterhaken, klinkt sich am realisierbaren weltweit neuen Gedanken ein, hält ihn fest, zieht ihn heraus aus dem Durcheinander, ins reale Bewusstsein." Die Idee ist geboren! Wenn weltweit neu: das Patent!

Wie geht es dann weiter?

Die Idee ist noch keine Erfindung. Dafür gehört erhebliches Management dazu. Zu DDR-Zeiten nannte ich das "Mannschaftsbildung", heute heißt es Teambildung. Wer kann weitere Gedanken besteuern? Wer finanziert die Patentanmeldung? Wer setzt sich für die Realisierung, Produktion und Vermarktung ein? Dafür müssen schon im Patent-Anmeldestadium personelle Entscheidungen getroffen werden. Denn Achtung: Hier muss der Neid-Faktor berücksichtigt werden. Zukünftige Realisierer fahren nicht mit fliegenden Fahnen auf fremde Ideen ab. Die Interessen müssen gebündelt werden, Arbeitgeber, Firmenleitung, alle Entscheider müssen davon überzeugt werden, dass sich die Patentanmeldung lohnt. Es sei denn, man ist Erfinder als Unternehmer. Dann hat man alle Freiheiten, trägt aber auch das volle Risiko der Investition. Ich selbst kenne beide Seiten: Ich habe vor der Wende als Arbeitnehmer-Erfinder gearbeitet, nach der Wende als freier Erfinder.

Wie war das bei Ihrer ersten Erfindung? Was war das?

Bude_Sonde1.jpg

Friedrich Bude erläutert die Sonde ...

(Foto: Friedrich Bude)

Das war ein Knaller! Es war die "Optische Feuerraumsonde", ein Begriff in der Kraftwerkwelt. Damals, 1969, konnte man den 40 Meter hohen, 12 Meter breiten und etwa 8 Meter tiefen Feuerraum der Großdampferzeuger nicht einsehen. Die dort 1000 Grad Celsius heißen Flammen wurden durch meterdicke Wände mit kleinsten Luken nach außen abgedichtet. Was dort drinnen passierte, war ein Rätsel. Wo bildete sich Schlacke? Was konnte man dagegen tun? Wegen der Hitze konnte man in dem Großdampferzeuger nichts messen und durch die kleinen Luken auch nichts sehen.

Die Erfindung nun war ein meterlanges, wassergekühltes Rohr, welches zur Flammenseite ein drei Millimeter kleines Loch bekam. Dort wird Luft zum Schutz gegen Hitze und Staub ausgeblasen. Im Rohr gibt es eine Periskop-Optik. Einfallende Lichtstrahlen der Flamme bündeln sich in der kleinen Öffnung wie bei einer Blende. Durch das Drei-Millimeter-Loch kann man mit einem 60-Grad-Winkel die Flamme und die Wände hitzegeschützt von außen beobachten, fotografieren und filmen. Das war als Patent weltneu. Die Patentrechte blieben allerdings bei meinem Arbeitgeber. So ist das ja auch heute noch bei angestellten Erfindern.

134.gif

... und ihre Vorteile.

(Foto: Friedrich Bude)

Welche Verbreitung fand die "Optische Feuerraumsonde"?

Sie wurde in allen Kraftwerken der DDR zur Aufklärung der Feuerströmung eingesetzt, später auch in den RGW- bzw. Comecon-Ländern. In die Bundesrepublik wurde sie verkauft und dort nachgebaut. Erstens, weil Patente aus Devisenmangel nur in der DDR angemeldet wurden, jedes Ausland sie also nachbauen konnte, und zweitens, weil das Patent nur 20 Jahre gültig und seit 1989 somit frei nutzbar ist. Noch heute wird die Sonde produziert und weltweit in Großkraftwerken eingesetzt – nur jetzt mit Kamera und modernisierter Digitaloptik.

Wurde Ihnen das Patent damals vergütet?

Ja, für mich als SED-Verweigerer ohne berufliche Aufstiegschancen war das "praktische Patentanmelden" eine Honorarquelle, die ich redlich nutzte. Meine erste Patentvergütung betrug 20.000 Ostmark. Der Betrag entsprach zwei Jahresgehältern eines Ingenieurs. Davon konnte ich mir 1972 das beste und größte Ostauto, den Wartburg 353, auf dem Schwarzen Markt leisten. Der Anreiz zu weiteren Erfindungen war geboren.

Gibt es eine Erfindung, auf die Sie besonders stolz sind?

Mein Highlight sind die heute in Braunkohlekraftwerken auf der ganzen Welt verwendeten "Wasserkanonen". Mit denen lässt sich in den riesigen Kraftwerksbrennkammern die Schlacke von den Wänden entfernen. So wird der Kohleverbrauch der Dampferzeuger verringert – und das mittlerweile nicht mehr nur in Deutschland, sondern weltweit.

135.gif

Die Vision: das System als Müdigkeitswarner.

(Foto: Friedrich Bude)

Mittlerweile sind Sie über 70. Wirkt sich das Alter auf den Erfindergeist aus? Lässt der allmählich nach?

Nein, gar nicht. Erst 2008/2009 habe ich zusammen mit dem Schlafmediziner Dr. Frank Käßner ein "erholsames Kurzschlafsystem" entwickelt. Im Schlaflabor können beim Nachtschlaf jede Menge Muskel-, Augen- und Hirnsignale ausgewertet werden. Das nutzen wir für eine technische Messeinrichtung, mit der sich der Kurzschlaf kontrollieren lässt. Kontrollieren heißt: vor dem Tiefschlaf aufwecken und den Kurzschlaf unbestechlich über die Messtechnik nachweisen. Mit der Vorrichtung – integriert in ein modisches Stirnband – könnten zum Beispiel Reisebus- und LKW-Fahrer aktive Erholungsphasen nachweisen. Später kann das System als Müdigkeitswarner eingesetzt werden. Die ideale Lösung ist aber ein mit Kopfhörern und Kopfelektroden gekoppeltes Handy, welches die Hirnsignale auswertet, den Schlafenden pünktlich aus dem Kurzschlaf weckt und den Schlaferfolg dokumentiert. Wir haben zurzeit ein Europäisches Patent im Prüfungsverfahren, aber noch keinen Investor. Alle wollen schon das fertig ausgereifte Produkt sehen. Das ist eben – neben der Patentfinanzierung – das Problem freier Erfinder.

Gibt es einen Tipp, den Sie Erfinderanfängern mit auf den Weg geben können?

Durch eine provisorische Patentanmeldung kann jeder Erfinder für 60 Euro seine Idee schützen lassen und danach Mitstreiter gewinnen, um innerhalb eines Jahres die endgültige Patentanmeldung zu realisieren. Für diese Teambildung möchte ich jetzt mit der Stadt Cottbus und unseren Hochschulen eine Beratungsstelle einrichten. Außerdem: Wird ein Patent nicht verwirklicht oder vermarktet, bleibt der Erfinder auf diese Weise wenigstens als Autor nachweisbar. Denn ein Patent ist ein herausragendes Zeichen persönlicher Kreativität. Mitte der 80er Jahre hatten wir zu dritt schon die heutige mit Gewinde versehene gekrümmte Neonleuchte, statt Glühbirne, "erfunden" - aber eben nicht angemeldet. Wer glaubt mir das heute ohne Patentschrift?

Mit Friedrich Bude sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema