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Montag, 20. Juli 2009

Vitaminmangel an der Ostsee: Wildvogelarten verschwinden

Silbermöwe.jpgTierschützer rund um die Ostsee sind beunruhigt: Seit Jahren nimmt die Zahl vieler Wildvogelarten ab, der Bruterfolg sinkt und immer mehr Tiere sterben mit starken Lähmungserscheinungen. Ursache dieser Krankheit, die erstmals vor etwa 25 Jahren auftrat, könnte ein Mangel an Thiamin (Vitamin B1) sein, berichtet eine schwedische Forschergruppe in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften („PNAS“).

Schnelle Hilfe durch Thiamin

Lennart Balk und seine Mitarbeiter von der Universität Stockholm untersuchten drei Vogelarten genauer: die Silbermöve (Larus argentatus), den Star (Sturnus vulgaris) und die Eiderente (Somateria mollissima). Alle drei Arten waren in den vergangenen Jahren im Ostseeraum stark rückläufig. Forscher hatten immer mehr Tiere gefunden, die die Flügel hängen ließen, nicht mehr fliegen konnten, nicht mehr fraßen und schließlich eingingen. Dies sind die typischen Symptome der Krankheit. Behandelten die Forscher kranke Tiere mit einer Lösung von Thiamin (Vitamin B1), erholten sich die Vögel meist vollständig.

Mangel im Eigelb

Eiderente.jpgIn den Ostsee-Populationen ist Thiaminmangel weit verbreitet und vermutlich die Ursache der Krankheit, fanden die schwedischen Forscher heraus. Verglichen mit Silbermöven in Island, wo die Lähmungen nicht auftreten, war die Konzentration des Vitamins im Eigelb von Möven der Ostsee um 28 bis 41 Prozent geringer. Bei Staren fanden die Biologen eine Abnahme um 18 Prozent, bei Eiderenten sogar um 58 Prozent. Auch die Aktivität eines Leberenzyms, das von einem chemischen Umwandlungsprodukt des Thiamin abhängt, war in allen drei Arten in Küken gegenüber den Kontrolltieren aus Island erheblich schwächer. Bei Silbermöven konnten die Forscher eine deutliche Verbindung zwischen dem Thiaminmangel im Eigelb und der mittleren Zahl der gelegten Eier feststellen. Auch diese hatte in den letzten Jahren deutlich abgenommen.

Ursache noch unklar

Die Ursachen für diese Mangelerscheinungen sind noch völlig unklar und müssen dringend untersucht werden, schreiben die Forscher. Da die Symptome bereits bei vielen Vogelarten unterschiedlicher Verwandtschaft und aus unterschiedlichen ökologischen Nischen beobachtet wurde, sei nicht auszuschließen, dass auch andere Wirbeltiere beeinträchtigt werden. Thiamin ist für Wirbeltiere lebenswichtig. Sein Produkt Thiamindiphosphat (TDP) ist ein Wirkfaktor für mindestens fünf lebenswichtige Enzyme, unter anderem ist es notwendig für das Funktionieren von Nervenzellen, berichten die Forscher.

Die Auswirkungen von Thiaminmangel sind bei Vögeln lange bekannt. Schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts experimentierten Forscher mit Vögeln und fanden dabei heraus, dass ein Mangel an Thiamin Lähmungen hervorruft. Dies führte zu der Entdeckung, dass der Mangel an diesem Vitamin auch beim Menschen die schwere Mangelkrankheit Beriberi hervorruft.

Quelle: n-tv.de