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Bald schon in den Niederlanden Wölfe ziehen immer weiter westwärts

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Wölfe halten sich nicht an Grenzen.

(Foto: dpa)

Im 19. Jahrhundert war der Wolf schon fast ausgerottet, nun ist er in Deutschland wieder heimisch. Und auch deutlich weiter westlich könnte das Raubtier bald auftauchen. In den Niederlanden wird man bereits nervös.

Niedersachsen und Niederländer pflegen in der Grenzregion gute Nachbarschaft, besuchen sich gegenseitig, sei es um der Arbeit willen oder als Touristen. Das westliche Nachbarland erwartet nun einen ganz besonderen Neu-Niedersachsen als Grenzpendler: Der Wolf wird kommen, glauben die Schäfer in den Niederlanden. "Das ist nur eine Frage der Zeit", sagt Gijsbert Six, der in dem Örtchen Benneveld unweit der deutschen Grenze als Hobby-Schafhalter 53 Tiere hält.

In Niedersachsen befassen sich Schäfer schon länger mit dem im 19. Jahrhundert in Deutschland ausgerotteten Tier, das seit ein paar Jahren wieder auf dem Weg gen Westen ist. Seit dem Fall der Mauer breitet sich der Wolf aus Osteuropa kommend aus - die ausdauernden Läufer, die bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen können, erobern sich ihren vor 150 Jahren verlorenen Lebensraum zurück. Seit gut 16 Jahren sei das Raubtier wieder in Deutschland zu Hause, sagt Robert Kless, Wolfsexperte des Internationalen Tierschutzbundes IFAW.

Aus Polen kommend siedelten sich Wölfe vor allem in der Lausitz, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg an. Die Haltung der Menschen zum Wolf ist sehr unterschiedlich. Es gibt die Fans, die sagen, der Wolf kommt wieder dahin, wo er hingehört. Und es gibt die Kritiker, die meinen, das Raubtier sei zu gefährlich und habe nichts in dicht besiedelten Regionen zu suchen. In der Tat: Es gab in Niedersachsen Vorfälle mit Wölfen, die nicht scheu auf Menschen reagierten, sondern sich ihnen immer wieder näherten. So machte der Fall Kurti Schlagzeilen, weil am Ende Experten zusammen mit dem Niedersächsischen Umweltministerium beschlossen, den jungen Wolfsrüden zu erschießen. Eine schwere Entscheidung, denn der seltene Wolf steht unter strengem Schutz.

Hoher Entschädigungsaufwand

Gerade Schafhalter sehen den Wolf mit gemischten Gefühlen. Zwar ernährt sich der Wolf überwiegend von Reh, Rotwild und Wildschweinen. "Auf die Nutztiere geht er dann, wenn sie ihm wie auf einem Silbertablett präsentiert werden", sagt Kless. Die auf freien Flächen weidenden Schafe sind ein gefundenes Fressen für den Wolf. Doch man kann die Herden schützen. Aber erstens gibt es keinen hundertprozentigen Schutz der Tiere, und zweitens bedeuten die Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder Hütehunde Mehrarbeit und kosten Geld. "Die Schäfer leben vom Verkauf des Fleisches, und diesen Mehraufwand bezahlt ihnen keiner", sagt Stefan Völl, Geschäftsführer der Landesvereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände.

Vor allem kleine Betriebe in den Wolfsregionen würden aufgeben. In einigen Bundesländern sei der bürokratische Aufwand immens, klagt Völl. So müsse bei einem gerissenen Schaf erst eine DNA-Untersuchung abgewartet werden, ob tatsächlich ein Wolf das Tier angefallen habe. "Da wartest du monatelang, ehe du die Entschädigung kriegst", sagt Völl. Der Schäfer müsse aber seine Rechnungen bezahlen. "Das ist bei weitem noch nicht so gelöst, dass der zusätzliche Aufwand der Schafhalter von der Gesellschaft aufgefangen wird." Immerhin erfüllen die weidenden Schafe auch eine wichtige ökologische Funktion, denn sie schützen die Landschaft und sind unerlässlich für die Bewahrung von Moor- und Heideflächen oder für den Schutz von Deichen.

Auch in den Niederlanden müssten die Schafhalter wohl Überzeugungsarbeit bei der Regierung leisten, damit es für Risse Entschädigungen gibt, glaubt Six. "Der Schafsektor hier ist sehr klein, eine Lobby in Den Haag haben wir nicht." Die Regierung schätze zwar den positiven Nutzen der Schafe für die Natur. "Aber Geld geben will sie nicht." Zumal die meisten Schafbesitzer in den Niederlanden ihre Tiere als Hobby halten. Bürokratie und Mehraufwand an Geld und Zeit schreckten ab. "Ein Hobby soll doch angenehm sein", sagt Six, auch wenn er selber weitermachen will, wenn der Wolf da ist. "Wir sind Kämpfer. Wir haben die Maul- und Klauenseuche überstanden und andere Krankheiten, dann werden wir auch mit dem Wolf fertig." Dass der Wolf sich in Deutschland und anderen europäischen Ländern immer mehr ausbreiten wird, davon sind die Experten überzeugt. "Man kann schon damit rechnen, dass er weitere Bundesländer besiedeln wird", sagt Biologin Yvette Krummheuer aus Schleswig-Holstein. Aber Prognosen seien schwierig. "Der Wolf ist ein Tier mit einem großen Aktionsraum. Dem sind Grenzen egal."

Quelle: n-tv.de, Elmar Stephan, dpa

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