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Wer als Patient davon ausgeht, geheilt zu werden, hat grundsätzlich bessere Karten.
Wer als Patient davon ausgeht, geheilt zu werden, hat grundsätzlich bessere Karten.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 02. Januar 2013

"Jetzt schneiden wir Sie in Scheiben": Worte mit tödlicher Wirkung

Von Ina Brzoska

Worte können heilen. Manchmal aber sind sie lebensbedrohlich. Ärzte kennen den Nocebo-Effekt, bei dem sich Patienten Nebenwirkungen einbilden. Sie diskutieren deshalb über den Sinn von detailreichen Beipackzetteln und das Recht auf Nichtwissen.

Als der 26-jährige Derek Adams von seiner Freundin verlassen wird, will er nur noch eines: sterben. Er nimmt zu dieser Zeit an einer medizinischen Studie teil, bei der Ärzte ein neues Antidepressivum testen. Alle 26 Kapseln, die gesamte Studienmedikation, schluckt Adams auf einmal. Als Notärzte den Patienten empfangen, sind sie sicher, dass er in Lebensgefahr schwebt. Bis einer der Mediziner vor Ort feststellt: Derek Adams hat Placebo-Kapseln ohne Wirkstoff geschluckt. Als der Suizidgefährdete davon erfährt, verschwinden seine Symptome ganz plötzlich.

Dieser Fall des eingebildeten Kranken wurde 2007 in der US-Fachzeitschrift "General Hospital Psychiatry" beschrieben. Mediziner belegen anhand solcher Schicksale den sogenannten Nocebo-Effekt. Nocebo, was übersetzt so viel heißt wie "ich schade", steht in der Medizin dafür, dass Glaube allein nicht nur heilen, sondern auch krank machen kann. Im Fall Adams ging es glimpflich aus. Doch nicht selten leiden Patienten auch körperlich unter dem Nocebo-Effekt.

Hoffnungslosigkeit kann töten

"Worte sind das mächtigste Werkzeug, das Ärzte besitzen. Sie können – wie ein zweischneidiges Schwert – heilen, aber auch tief verletzen", schreibt Bernhard Lown in seinem Buch "Die Kunst des Heilens". Der Herzspezialist und Friedensnobelpreisträger schildert aus seiner Zeit als Assistenzarzt sogar einen Fall mit tödlichen Konsequenzen.

Missverständnisse bei der Visite? Wer Negatives erwartet, schadet damit seiner Gesundheit.
Missverständnisse bei der Visite? Wer Negatives erwartet, schadet damit seiner Gesundheit.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Patientin war Anfang 40. Sie kam regelmäßig zur Kontrolle in die Klinik, seit Jahren litt sie unter Herzbeschwerden. Ein arg gestresster Chefarzt kritisierte die Assistenzärzte, die ihn zur Visite gebeten hatten – die Nachwuchsmediziner waren sich unsicher bezüglich der Diagnose. "Das ist doch ein typischer Fall von TS", rügte der Vorgesetzte. TS steht im Mediziner-Jargon für Trikuspidalklappen-Stenose – eine meist selten bedrohliche Verengung einer Herzklappe. Die Patientin, die genau zugehört hatte, aber schlussfolgerte, dass TS nur eines bedeuten könne: Terminale Situation. Die Assistenzärzte versuchten, die Patientin zu beruhigen. Vergebens. Wenige Stunden nach dem Vorfall hatte sich Wasser in ihren Lungen gesammelt. Sie starb an einem Lungenödem; für TS eine völlig untypische körperliche Reaktion. Lowns war einer der anwesenden Assistenzärzte. Rückblickend betrachtet, sagt er: Die Frau ist an Hoffnungslosigkeit und negativen Erwartungen gestorben.

Wenn Menschen einen Unfall, eine schwere Diagnose oder Operation verarbeiten müssen, ist die Psyche im Ausnahmezustand. Manche Patienten durchleben in diesen Extremsituationen sogar einen natürlichen Trancezustand. Sie reagieren höchst sensibel auf Doppeldeutigkeiten und negative Formulierungen im Krankenhausalltag. Jedes Wort des Arztes wird sozusagen auf die Goldwaage gelegt.

Aufklärung mit Nebenwirkungen

Auf 30 empirische Studien, die den Nocebo-Effekt nachgewiesen haben, stießen deutsche Ärzte um Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken. Häuser ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Mit Kollegen hat er eine Metastudie erstellt, die im Juni 2012 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler kamen nach Auswertung der Studien zu folgendem Ergebnis: Eine allzu detailreiche Aufklärung über mögliche Komplikationen einer Therapie erhöht die Häufigkeit unerwünschter Nebenwirkungen.

Ärzte befinden sich demnach in einem ethischen Dilemma. Einerseits stehen sie in der Pflicht, den Patienten über mögliche Risiken einer Behandlung zu informieren. Andererseits kann allein das Aufklärungsgespräch dazu führen, dass via Nocebo dramatische Krankheitsverläufe eintreten. Das wirft Fragen auf: Sollte der Patient von allzu detailreichen Aufklärungsgesprächen künftig besser verschont werden? Hat er ein Recht auf Nichtwissen?

Positiv formulieren: Ärzte müssen es können.
Positiv formulieren: Ärzte müssen es können.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Wenn ich einem Patienten sagen würde, dass ihm nur noch drei Wochen blieben, dann könnte es sein, dass sein Immunsystem so arg geschwächt wird, dass er noch früher stirbt", sagt Neurologe Magnus Heier. In seinem Buch "Nocebo – Wer's glaubt, wird krank" hat sich Heier mit negativen Folgen des unbekannten Phänomens auseinandergesetzt. Er kritisiert die oft unüberlegten, angstmachenden Worte von Klinikern wie Krankenschwestern, denn diese enthalten oft viele negative Suggestionen, die einen Nocebo-Effekt auslösen können.

"Ist Ihnen schlecht?", ist so eine Frage, auf die manche Patienten plötzlich mit Unwohlsein in der Magengegend reagieren. Ein Unbedachtes "Diese Stelle sollten Sie im Auge behalten und regelmäßig kontrollieren" ist vielleicht fürsorglich gemeint, kann aber folgenreich sein.

Todbringende Fehldiagnose

Vor wenigen Jahren wurde der Fall von Sam Shoemann im US-amerikanischen New Scientist veröffentlicht. Bei dem Patienten hatten Ärzte Leberkrebs im Endstadium diagnostiziert. Nur wenige Monate würde Shoeman noch leben, hieß es. Tatsächlich verstarb der Mann binnen weniger Wochen. Die Autopsie belegte dann jedoch eine Fehldiagnose der Mediziner. Sein Tumor war in Wirklichkeit deutlich kleiner als angenommen, hatte auch noch gar nicht gestreut. "Er starb nicht an Krebs, sondern er starb daran, zu glauben, dass er am diagnostizierten Krebs sterben werde", schlussfolgern Nocebo-Experten heute.

Häuser fordert, dass sich das Krankenhauspersonal mehr Zeit für erklärende und einfühlsame Gespräche nimmt. In einem speziellen Kommunikationstraining müssten Schwestern, Pfleger und Ärzte für solche Zusammenhänge sensibilisiert werden. Es mache einen Unterschied, ob man dem Hilfesuchenden sagt: "Die meisten vertragen die Maßnahme sehr gut" oder: "Fünf Prozent berichten über Nebenwirkungen." Positiv statt negativ zu formulieren, ist nirgendwo wichtiger als im Krankenhausalltag, so Häuser.

Witze sind nicht immer hilfreich

Beipackzettel sind Pflicht. Doch oft genug machen sie krank.
Beipackzettel sind Pflicht. Doch oft genug machen sie krank.(Foto: picture alliance / dpa)

Die schlimmsten Phrasen aus der Praxis hat er mit Kollegen zusammengetragen. Es gibt allerlei skurrile Beispiele: Darunter Sätze wie "Jetzt schläfern wir Sie gleich ein", wenn der Patient seine Narkose antritt oder: "Jetzt schneiden wir Sie in Scheiben", wenn eine Untersuchung im CT ansteht. Worte, die witzig gemeint sind und der Auflockerung einer unangenehmen Situation dienen sollen – die aber missverstanden werden können.

Ebenso wie Beipackzettel; die sind laut Heier "die Pest". Firmen sind per Gesetz dazu verpflichtet, lückenlos über alle potenziellen Risiken bei der Einnahme von Pillen aufzuklären. Heier aber sagt: "Die Zettel machen schlicht und einfach krank, deswegen gehören sie abgeschafft. Schon heute hätten die Hersteller aber das Recht, zusätzlich einen kurzen, verständlichen und sinnvollen Beipackzettel beizulegen.

Heier kritisiert, dass viele seiner Kollegen mit unnötigen CT-, Röntgen- und Kernspin-Aufnahmen die Leiden der Patienten chronisch werden lassen. Der Grund ist denkbar simpel: Knöcherne Veränderungen, auch minimale, werden als Ursache der Schmerzen gedeutet – obwohl sie meist gar nichts mit den Schmerzen zu tun haben. Aber das Bild einer beschädigten Wirbelsäule brennt sich unauslöschlich ins Gehirn ein. "Damit sind die Schmerzen chronisch und bleiben oft lebenslang", sagt Heier. Als noch schlimmer schätzt er die Folgen der Gendiagnostik ein, die bald den Gesundheitsmarkt erobern wird. "Für wenig Geld werden wir bald etwa unser Alzheimerrisiko testen – und in Angst leben, weil wir nicht wissen, was wir gegen Alzheimer tun sollen."

Doch wie lässt sich ein eingebildeter Kranker heilen? Mit vielen Gesprächen, im Zweifel auch mit einer Therapie, sagen Heier und Häuser. Manche Experten raten auch zur obligatorischen Schokoperle. Gegen Nocebo könnte auch ein Placebo helfen.

Quelle: n-tv.de