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Die Kreuzspinne in ihrem Netz ist im Herbst ein vertrauter Anblick. Doch wo ist sie ein paar Wochen später?
Die Kreuzspinne in ihrem Netz ist im Herbst ein vertrauter Anblick. Doch wo ist sie ein paar Wochen später?(Foto: imago/imagebroker)
Dienstag, 28. November 2017

Frage & Antwort, Nr. 509: Was machen Spinnen im Winter?

Von Andrea Schorsch

Wenn es draußen kälter wird, kommen die hübsch behaarten Winkelspinnen gerne mal ins Haus. Kreuzspinnen hingegen krabbeln einem in den eigenen vier Wänden nie über den Weg. Wohin verschwinden Spinnen im Winter?

Für die Kreuzspinne, die noch vor einigen Wochen ihr Netz vor dem Fenster unermüdlich reparierte und bewachte, sieht es schlecht aus: "Bei den Kreuzspinnen war kürzlich Paarungszeit", erzählt Lars Friman vom Nabu, dem Naturschutzbund Deutschland, in Berlin. "Wenn dann die Eier gelegt sind, stirbt erst das Männchen und nach dem Schlüpfen des Nachwuchses auch das Weibchen." Sie hat sich also nicht irgendwohin verzogen, wo sie es warm hat. Erwachsene Kreuzspinnen überleben die kalte Jahreszeit gar nicht. Für ihre Nachkömmlinge aber, die fachsprachlich Spiderlinge genannt werden, ist gesorgt: "Das Weibchen hat für sie einen Kokon aus Spinnenseide gebaut, in dem sie überwintern können", sagt Friman. Der Kokon ist gut versteckt. Er findet sich meist dort, wo die Spinnen gelebt haben – inmitten von Schafgarbe etwa oder Doldenblüten, die sie schützen.

So wie bei der Kreuzspinne ist es bei vielen Spinnenarten: Sie sichern den Nachwuchs, überstehen selbst den Winter aber nicht. Das gilt zum Beispiel auch für den Ammen-Dornfinger, die einzige (leicht) giftige Spinne, die es in Deutschland gibt. Beim Ammen-Dornfinger setzt im Winter der Kannibalismus ein: "Die Mutter stirbt im späten Herbst im Gespinst", erzählt Friman, "und die Jungspinnen ernähren sich dann den Winter über von ihr." Die umgebende Kälte macht den Tierchen dabei nichts aus. Der Kokon, den die Mutter gebaut hat, ist bestens isoliert. Wenn der Nachwuchs dann im Frühjahr die Behausung verlässt, ist die Entwicklung der jungen Spinnen bereits recht weit vorangeschritten; die Mutter hatte für ausreichend Nahrung gesorgt.

Die größten Spinnen zieht es in die Häuser

Keine Panik, so groß, wie sie hier erscheint, ist die Kräuseljagdspinne gar nicht. Sie bringt es auf ein bis zwei Zentimeter Körperlänge.
Keine Panik, so groß, wie sie hier erscheint, ist die Kräuseljagdspinne gar nicht. Sie bringt es auf ein bis zwei Zentimeter Körperlänge.(Foto: Christian Ferrer/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Doch es gibt auch erwachsene Spinnen, die den Winter überleben – etwa, indem sie in die Häuser kommen. Diesen Weg wählen Friman zufolge drei Familien unter den Achtbeinern. Eine davon sind die unscheinbaren Zitterspinnen, die man oft erst dann bemerkt, wenn sie ihre langgezogenen, schleierartigen Netze unter die Zimmerdecke gehängt haben. Wesentlich auffälliger ist ein Neuankömmling aus Italien: die Kräuseljagdspinne. Sie ist entfernt mit der Tarantel verwandt. In Deutschland fühlt sich die Kräuseljagdspinne wohl, seitdem es mit dem Klimawandel auch hier oft angenehm warm ist. "Erst hat man die Kräuseljagdspinne nur in München und Baden-Württemberg nachweisen können", erzählt Friman, "aber dann ist sie über den Rheingraben nach Norden gekommen. Und auch in der sandigen, relativ warmen Gegend vor Berlin fühlt sie sich offenbar wohl." Einen Winter im Freien allerdings überlebt die Kräuseljagdspinne nicht.

Und sie ist auch bei Weitem nicht so häufig anzutreffen wie eine andere, ebenfalls behaarte Familie: die Winkelspinne. Zum Leidwesen aller Arachnophobiker suchen diese Tierchen – die größten Spinnen, die Deutschland neben der eingewanderten Kräuseljagdspinne zu bieten hat – im Winter gern Schutz in Häusern, Wohnungen, Kellern und Garagen. Wer eine Hauswinkelspinne dann vor die Tür setzt, schadet ihr aber nicht. "Sie kann auch draußen überleben", weiß Friman. Manchmal sogar besser als drinnen, denn in beheizten Räumen können Spinnen leicht austrocknen. "Spinnen brauchen immer Wasser", sagt der Experte, "sonst sterben sie innerhalb kürzester Zeit." Die Luftfeuchtigkeit im Zimmer ist für Spinnen nicht immer ausreichend.

Leben unter der Schneedecke

Draußen verbringt die Hauswinkelspinne den Winter im Boden, unter Steinen oder in Holz. Das hat sie mit zig anderen Arten gemeinsam. "Etwa 80 Prozent der Spinnen leben in den oberen Bodenbereichen", erklärt Friman. "Da finden sie Schutz und Feuchtigkeit." Auch die Baldachinspinnen gehören zu denjenigen, die den Winter über aktiv sind. Sie fallen dadurch auf, dass sie sich gern an einem Faden durch die Luft treiben lassen, um sich zu verbreiten. Auch in der kalten Jahreszeit.

Einige Spinnen sind also ganz schön zäh. "Selbst unter der Schneedecke in den Alpen finden sich diverse Arten", sagt der Nabu-Fachmann. "Dort, zwischen Boden und Schnee, liegen die Temperaturen bei etwa 1 bis 4 Grad Celsius und so können Spinnen, die ohnehin in diesen kargen Lebensräumen überleben, dort auch den Winter überstehen." Für ausreichend Feuchtigkeit ist gesorgt und Kleinstlebewesen, die sie fressen können, finden sich genug.

Kältestarre durch "Frostschutzmittel"

Neben denen, die sterben, und denen, die in Gebäuden oder im Freien aktiv bleiben, gibt es noch die Spinnen, die im Winter in Kältestarre fallen. Dazu gehört laut Friman zum Beispiel die Familie der Sackspinnen. Die heißen so, weil sie sich im Sommer tagsüber, wenn sie nicht jagen, in eine sackförmige Behausung zurückziehen, die sie aus Spinnenseide und Pflanzenteilen gefertigt haben. Den Winter verbringen die Sackspinnen im Boden – erstarrt. "Die Körperflüssigkeiten der Spinnenarten, die in Kältestarre fallen, werden mit Zuckerteilen angereichert", erklärt Friman, "denn dann gefrieren die Körperlösungen nicht. Die Glucose wirkt quasi wie ein Frostschutzmittel." Die Spinnen können dann nichts tun, sie können sich nicht bewegen, sind regungslos. Immerhin aber werden sie auf diese Weise nicht sterben - ganz gleich, wie kalt der Winter ist.

Ein anderer - sehr bekannter und verbreiteter - Achtbeiner jedoch kann sich ohne die kalte Jahreszeit gar nicht entwickeln: der Weberknecht Phalangium opilio. "Er ist keine echte Spinne", räumt Friman ein, "gehört aber zu den Spinnentieren". Während die erwachsenen Weberknechte zum Winter sterben, übersteht der Nachwuchs die kalte Jahreszeit im Ei. "Die Eier von Phalangium opilio müssen eine bestimmte Anzahl an Wintertagen erlebt haben, um überhaupt richtig heranwachsen zu können", erklärt der Experte. "Die brauchen einen Kälteschock." Das Erstaunliche: In südlicheren Ländern, wo diese Weberknecht-Art ebenfalls anzutreffen ist, darf der Kälteschock geringer, also wärmer ausfallen.

Übrigens: Bislang sind etwa 45.000 Spinnenarten beschrieben worden. Doch damit kennen wir nicht einmal die Hälfte und die meisten Spinnen warten noch auf ihre Entdeckung. Die Fachwelt geht davon aus, dass es rund 100.000 Arten gibt.

Quelle: n-tv.de