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Liebe im Grenzbereich Mit der roten Lola durch die Grüne Hölle

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Wer die Nordschleife fähr, durchläuft insgesamt 73 Kurven.

(Foto: Porsche)

Die Nordschleife des Nürburgring ist legendär und wer sie einmal gefahren ist, der entwickelt ein gewisses Suchtpotenzial. Noch dazu, wenn er sein Debüt mit einem Porsche 911 Carrera S Cabrio feiern durfte. Mit der roten Lola eben.

Wenn ein Mann mit einer Frau durch die Hölle geht, dann ist das in der Regel eher der Grund für eine Trennung. Nicht so in diesem Fall. Denn wie Sebastian Vettel neigt auch der Autor dazu, seinen Autos Namen zu geben. Nicht nur seinen Dienstwagen wie der Formel-1-Pilot, sondern allen Autos, mit denen er befasst ist. Nicht immer sind die Namen glücklich und zur Versendung vorgesehen, aber in diesem Fall scheint es stimmig.

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Der Autor taufte den Porsche 911 Carrera S auf "rote Lola".

(Foto: Porsche)

Handelt es sich bei der roten Lola doch um ein Porsche 911 Carrera S Cabrio mit 3.0-Liter-6-Zylinder und 420 PS. Ja, Leistung ist nicht alles und deshalb schraubt Porsche seit 54 Jahren ein Gesamtpaket zusammen, das abseits der puren Kraft für ein rauschendes Fahrvergnügen bürgt. Aber wo kann man die Fähigkeiten eines Sportwagens besser erfahren als auf der Rennstrecke? Wenn es dann noch eine der legendärsten in Europa ist, nämlich der Nürburgring, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Schwedenkreuz und Galgenkopf

Oder doch? So sagenumwoben wie die Strecke ist, so kompliziert gibt sie sich für den Fahrer in der Realität. Während die Profis die Nordschleife in so klangvolle Namen wie Fuchsröhre, Schwedenkreuz, Galgenkopf, Brünnchen, Wippermann oder Kesselchen unterteilen, darf der Laie hier im Großen und Ganzen von Kurven sprechen. Insgesamt sind es 73 Kehren, die sich über eine Strecke von 20,8 Kilometer verteilen. Hut ab für den, der sie sich nach 20 Runden gemerkt hat, dem Autor ist es nicht mal im Ansatz gelungen.

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Die Instruktoren (vorn) sind die wichtigste Beigabe beim Perfektionstraining auf der Nordschleife.

(Foto: Porsche)

Zumal er nicht allein auf der Strecke war. Alljährlich treffen sich nämlich die Besitzer mächtiger Boliden, organisiert von der Zeitschrift Sport Auto, um beim Perfektionstraining ihr Auto und natürlich die Nordschleife kennenzulernen. Und die Autos haben es in sich. Da fahren zu 80 Prozent Porsche in allen Varianten. Klar, wer es kann und wer das Geld hat, kommt mit einem 911 GT3 RS. Der Wagen ist berühmt für seine Fahrdynamik, verlangt aber auch einiges an Können von seinem Piloten. Ebenfalls in großer Zahl am Start: McLaren, gefolgt vom Nissan GT-R und Mercedes GT. Insgesamt tummelten sich 130 Autos auf dem Rundkurs, deren schierer Geldwert bei über 20 Millionen Euro gelegen haben dürfte.

Insofern ist keiner der Herren oder Damen dort angereist, um seinen Supersportwagen in der Fuchsröhre oder auf dem Flugplatz zu zerlegen. Vielmehr möchte man seine Fähigkeiten im Umgang mit der Strecke und dem Boliden verbessern und natürlich auch Grenzbereiche ausloten. Aber bis man an diesen Punkt kommt, gilt es den Anweisungen der Instruktoren zu folgen. Runde um Runde wird die Ideallinie vermessen, wird auf besser nicht zu überfahrende Curbs hingewiesen und darauf, die ganze Fahrbahn in den Kurven auszunutzen, in die Kehre zu bremsen und am richtigen Punkt wieder zu beschleunigen oder hart am Gas ums Eck zu schlenzen. Hört sich ganz leicht an, ist es aber nicht.

Debüt auf der Nordschleife

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Der Autor und Lola wissen beide, dass die Liebe im Grenzbereich ihre Zeit hat.

(Foto: Porsche)

Der Autor, der auf der Nordschleife debütierte, war jedenfalls froh, dass er der Linie des Instruktors folgen konnte und dass er mit einem Wagen wie dem Porsche 911 Carrera S gesegnet war. Dabei sind es am Anfang noch nicht mal die Leistungswerte der roten Lola, die den Kick bringen, sondern die Sicherheit, mit der sich die Dame den Kurven stellt. Das PASM-Fahrwerk mit zehn Millimetern Tieferlegung sorgt für eine unglaubliche Stabilität. Immer vorausgesetzt, man hat den Mode-Schalter am Lenkrad auf Sport gestellt. Das hatte der Autor in den ersten Runden vergessen und wunderte sich, warum sich die Frau im roten Kleid so sanft und rennstreckenuntypisch neigte. War der Knopf aber umgelegt, zog das Fahrwerk an und Lola gewann deutlich an Stabilität.

Aber nicht nur dass: Lola war mit der erstmals für den Carrera angebotenen Hinterachslenkung ausgestattet, die das fahrdynamische Verhalten um ein Vielfaches verbesserte. Bei einer Geschwindigkeit bis etwa 50 km/h lenken Vorder- und Hinterräder in entgegengesetzte Richtung ein. Das führt zu einer virtuellen Radstandsverkürzung und der Wagen lässt sich mühelos um Eck schieben. Das ist aber eher ein Vorteil im Stadtverkehr. Auf dem Rundkurs, wenn der Porsche im Kampf um die schnellste Zeit ums Eck geworfen wird, schlagen Vorder- und Hinterräder in die gleiche Richtung ein. Jetzt verlängert sich der Radstand gefühlt, was zu einem schnelleren Seitenkraftaufbau und mehr Stabilität führt. Mit dieser technischen Unterstützung ist der Autor auf dem Nürburgring mit 162 km/h wohl die bis dato schnellste Kurve seines Lebens gefahren.

Schmierseife und Bodenwellen

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Mit offenem Heckflügel wird die nächste Kurve angepeilt.

(Foto: Porsche)

Aber noch andere Helferlein sorgen dafür, dass Lola sich mehr als wacker gegen die maskuline Konkurrenz auf der Nordschleife geschlagen hat: das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe mit geregelter Hinterachs-Quersperre und das Torque Vectoring (was nichts anderes heißt, als dass das Rad mit dem besseren Grip die Kraftverteilung bei der Kurvenfahrt übernimmt) stabilisieren nicht nur den Gang ums Eck. Gerade auf einer Strecke wie dem Nürburgring sind das im Zusammenspiel aller Einzelteile unschätzbare Vorteile. Der Kurs ist nicht nur von der Zahl der Kurven vielfältig, sondern auch von der unterschiedlichen Beschaffenheit der Fahrbahn.

Während man das Karussell in Schräglage auf Betonplatten durchfährt, ist die Dreifach-Links nach Bergwerk nicht nur bei Regen glatt wie mit Seife eingeschmiert. Spätestens wenn man sich den Reifenabrieb der Kollegen in das eigene Profil gefahren hat und seine Pneus so zu Slicks macht, wird es mit der Traktion an einigen Ecken schwierig. Die faszinierendste und wohl auch eine der gefährlichsten Passagen ist Hocheichen. Der Eingang ist egal bei welchen Witterungsbedingungen so sauglatt, dass sich selbst erfahren Piloten immer wieder verschätzen. Wer diese Passage mit weniger Geschwindigkeit gemeistert hat, rauscht auf den mit Bodenwellen gespickten Ausgang zu. Während hart gefederte Rennwagen zum Springen und Versetzen neigen, bleibt Lola erstaunlich ruhig und bietet sogar die Möglichkeit, sich bis an den Randstein heraustragen zu lassen, um dann im vierten Gang mit ordentlich Schmackes auf die folgende Gerade zu beschleunigen.

Kein einfaches Mädchen

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Der Instruktor weist Lola den Weg.

(Foto: Porsche)

Klar, der Instruktor ruft via Funk die Schaltpunkte durch und im ersten Moment versucht man auch mit Wippe zu fahren. Ja, das geht, aber ehrlich gesagt kann der Autor mit der siebenstufigen Porsche-Automatik nicht mithalten. Nicht dass er nicht so schnell an den Paddles ziehen könnte, es ist der ideale Punkt, den es zu finden gilt, wenn der Bolide durch die Grüne Hölle fliegt und man mehr mit der Lenkung, Gas und Bremse beschäftigt ist. Das PDK klinkt die Gänge kurz unter 7000 Kurbelwellenumdrehungen ein, während die unbändige Kraft von 500 Newtonmetern bereits ab 1700 Umdrehungen zur Verfügung steht. Die werden aber nicht in rauchenden Gummi verwandelt, sondern fein dosiert über die Hinterachse in Vortrieb umgesetzt, wobei man manchmal gewillt ist, zu glauben, mit Allrad unterwegs zu sein. Mit Blick auf das Datenblatt liest sich das folgendermaßen: Aus dem Stand sprintet Lola in 4,1 Sekunden auf Tempo 100. Lediglich 10,3 Sekunden später ist die 200-km/h-Marke geknackt. Eine Geschwindigkeit, die auf der Nordschleife an einigen Stellen deutlich überboten wurde. Der Ehrlichkeit halber muss an dieser Stelle aber eingeräumt werden, dass die Maximalgeschwindigkeit von 303 km/h nicht gefahren wurde.

Fakt ist aber, dass man sich mit dem Porsche 911 Carrera S Cabrio auf dem Nürburgring Runde für Runde an die Grenzbereiche herantasten konnte. Und so purzelten die Zeiten mit jedem neuen Versuch. Je sicherer der Autor wurde, desto mehr Zeit hatte er, die Strecke und seine Lola zu genießen. Immer williger zogen die beiden ihre Bahnen und wurden nicht nur zum Team, sondern zu einem echten Paar. Leider nur auf Zeit, denn Lola ist bereits in der Anschaffung kein einfaches Mädchen. Mindestens 125.000 Euro müssen angelegt werden. Und selbst dann sind so Leckerlis wie die Sportabgasanlage für 2606 Euro und der damit verbundene kernige, tief von unten  kommende Sound ebenso wenig enthalten wie das Doppelkupplungsgetriebe für 3500 Euro, Porsche Dynamic Chassis Control zur Wankstabilisierung für 3213 Euro oder die hier hochgelobte Hinterachslenkung für 2250 Euro.

An dieser Stelle bleibt also nur ein wehmütiges Seufzen, denn allein die Zugaben kosten so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen. Aber mit der Erfahrung auf dem Nürburgring ist Lola in die Riege der Traumfrauen aufgestiegen und reiht sich nunmehr ganz vorn in die Phalanx der Sportwagen ein, die man gern sein Eigen nennen würde.

Quelle: n-tv.de

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