Praxistest

Aufwertung mit Schneid Bleibt der VW Tiguan der Klassenprimus?

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Mit einer völlig neuen optischen Präsenz stellt sich der neue VW Tiguan der Konkurrenz.

(Foto: Holger Preiss)

Optisch gibt sich der neue VW Tiguan wesentlich selbstbewusster als sein pummeliger Vorgänger. Aber auch technisch hat das SUV einen enormen Sprung gemacht. Bleibt die Frage, ob er auch in der Praxis hält, was die Optik verspricht.

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Rückleuchten in LED-Optik und die tiefsten Sicken die ein VW je gesehen hat schärfen den Tiguan auch am Heck.

(Foto: Holger Preiss)

Manchmal glaubt man, nicht aufs richtige Pferd zu setzen, gewinnt aber dennoch. So geschehen beim VW Tiguan. Das 2007 eingeführte SUV wurde von den Verantwortlichen seinerzeit als Nischenmodell verstanden. Doch in Windeseile entwickelte sich der kompakte Kraxler zu einem Bestseller, von dem bis dato weltweit 2,8 Millionen Stück verkauft wurden. Da wundert es nicht, dass neun Jahre später in der zweiten Generation richtig zugelangt wurde.

Aus dem einstigen Pummelchen wurde nämlich ein charismatischer, scharfkantiger Bulle. Tatsächlich hat wohl kein Auto auf dem Markt so tiefe Sicken wie der neue Tiguan und die seinerzeit von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn geforderten Spaltmaße suchen auch jetzt ihresgleichen. Aber das alles könnte nur schöner Schein sein. Ist es aber nicht und man kann die Marke nach dem "Diesel-Gate" weiterhin verteufeln, aber das, was die Ingenieure hier geleistet haben, ist aller Achtung wert.

Viel Platz und ein virtuelles Cockpit

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Der Innenraum ist VW-typisch aufgeräumt und im Tiguan ausgezeichnet verarbeitet.

Wer nämlich den Tiguan besteigt, fühlt sich nicht nur wohl, weil Ergonomie und Anordnung der Schalter ganz auf den Fahrer zugeschnitten sind, sondern auch, weil auf der gewachsenen MQB-Plattform ein gesundes Verhältnis von Raumarchitektur und Design erschaffen wurde. Natürlich ist das noch nicht der Kracher, denn das ist man von VW gewohnt. Interessanter sind da schon die technischen Zutaten, die die Wolfsburger für den Tiguan im Angebot haben. Beim Testwagen, einem 2.0 Liter Turbodiesel mit 190 PS, ersetzte das bereits für den Passat und den Audi TT verfügbare "Virtual Cockpit" die konventionellen analogen Rundinstrumente. Auf dem TFT-Monitor werden auf Wunsch Drehzahlmesser und Tacho ebenso angezeigt wie die Karte des Navigationssystems.

Im Offroadbetrieb des über alle vier Räder angetriebenen 4Motion können auch der Neigungswinkel und andere relevante Fahrdaten eingeblendet werden. Das alles ist blendfrei ablesbar und sieht zudem noch verdammt gut aus. Insgesamt dürfte sich der Tiguan dank seiner ausgezeichneten Verarbeitung, der aufwendigen Kunststoffoberflächen und der gleich noch zu besprechenden Technikoptionen wieder locker an die Spitze des Segments setzen können. Bereits serienmäßig verfügt der scharfkantige Kraxler aus Wolfsburg nämlich über einen kamerabasierten Spurhalteassistenten und einen radarbasierten Notbremsassistenten.

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Der Blick auf das "Virtuel Cockpit" im VW Tiguan.

(Foto: Holger Preiss)

Der Testwagen hatte überdies einen Stauassistenten an Bord, der den Fahrer im Stop-and-Go-Verkehr absolut souverän vom lästigen Gasgeben, Bremsen und Spurhalten befreite. Während bei früheren Testfahrten die Lenkbewegungen noch drastisch waren, steuerte die Elektronik den Tiguan nunmehr sanft, aber bestimmt in die Mitte der Fahrbahn zurück. Der "Autopilot" machte sich auch auf langen Autobahnpassagen bezahlt. Bis zu einer Geschwindigkeit von 210 km/h war es möglich, mit geteilter Aufmerksamkeit durch den Verkehr zu fließen. Wobei der schnelle Lauf 2 km/h unter der Höchstgeschwindigkeit eigentlich nicht mehr dazu angetan ist, dass der Fahrer sich auch nur im Ansatz von seinen Aufgaben ablenken lässt.

Spar-Diesel und Abrollkomfort

Doch egal, wie der Pilot seine Fuhre von A nach B bringt, der Tiguan bewegt sich gewohnt unkritisch über unterschiedlichstes Geläuf. Das Fahrwerk glänzt mit gutem Abrollkomfort und federt je nach Fahrmodi-Einstellung von Comfort, über Normal bis Sport so aus, dass die Insassen auch in der letztgenannten Einstellung nie das Gefühl haben, in einer überharten Rennsemmel zu sitzen. Letztlich wird die Wahl aber über weite Strecken auf Normal fallen, denn tatsächlich ist das für fast alle Gegebenheiten die beste Option. Auch für diejenigen, die es des Öfteren über Schotterpisten treibt, ist beim Tiguan vorgesorgt. Ein zweiter Fahrprofilschalter - der unterhalb des Gangwahlhebels ruht - konfiguriert den Antrieb für das Fahren auf Asphalt, Schnee oder Geröll. Eine frei konfigurierbare Einstellung dürfte den ambitionierten Offroadfahrern entgegenkommen. Obgleich an dieser Stelle angemerkt werden muss, dass, wer wirklich ins Gelände will, sich zum Schutz des Fahrzeuges das Offroad-Paket mit angeschrägter Front, Karosseriehöherlegung und Unterfahrschutz für 330 Euro zulegen sollte.

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Die Sitze sind elektrisch verstellbar und mit Leder bezogen, hinten gibt es im neuen Tiguan jetzt mehr Platz.

(Foto: Holger Preiss)

Eine echte Offenbarung war im Testbetrieb auch der 190 PS starke Diesel. Mit seinen 400 Newtonmetern, die bereits ab 1900 Kurbelwellenumdrehungen anliegen, schob sich das 1,7 Tonnen schwere SUV unglaublich flott voran. Bereits nach knapp 8,0 Sekunden rauscht der Testwagen unterstützt vom butterweich schaltenden 7-Gang-DSG an der Tempo-100-Marke vorbei. Bis 190 km/h zieht der Tiguan ohne Verzug voran. Bis zur Höchstgeschwindigkeit von 212 km/h braucht es dann allerdings etwas Anlauf. Wem das zu langsam ist, der kann inzwischen einen Blick auf den neuen Topdiesel werfen. Auch hier arbeitet der 2.0 TDI, leistet aber 240 PS und 500 Newtonmeter Drehmoment. Mit Spitze 228 km/h dürfte der BiTurbo aber kein Sparmobil sein. Anders der Testwagen. Selbst im vermehrten Stadtverkehr bleibt der Selbstzünder angenehm genügsam. Im Schnitt wurden 6,6 Liter konsumiert, was bei einem 60 Liter fassenden Tank eine Reichweite von knapp 900 Kilometern verspricht.

Einer für alle

Die legt man im Übrigens auf sehr gut ausgeformten Sitzen zurück, die für 3015 Euro extra wie im Testwagen auch elektrisch verstellbar und mit Leder bezogen sind. Auch für Reisende im Fond hat sich das Platzangebot erweitert. Mit Blick auf den Vorgänger gibt es drei Zentimeter mehr Beinfreiheit. Und weil das SUV den Van als Familienkutsche immer mehr ablöst, hat VW an die Rücklehnen der Vordersitze Klapptische gebracht und eine Mittelarmlehne mit zwei Becherhaltern verbaut. Der Kofferraum legte auf 520 Liter zu, ein Umstand, der der Urlaubsreise ebenso zugutekommt wie die um mehrere Zentimeter abgesenkte Ladekante und die verbreiterte Kofferraumklappe. Wer allein unterwegs ist, kann die Kapazitäten im Laderaum erhöhen, indem er die zweite Sitzreihe um 18 Zentimeter nach vorne rückt. Auf diesem Weg wird das Ladevolumen auf 615 Liter erweitert. Ist die Bank komplett umgelegt, sind es sogar 1655 Liter. Pfiffig ist, das die Lehnen beim Runterdrücken arretieren. Zudem gibt es einen doppelten Ladeboden, der dank seiner Tiefe auch größeres Gepäck aufnehmen kann.

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Bis zu 1655 Liter schluckt das Gepäckabteil des VW Tiguan.

(Foto: Holger Preiss)

Bleibt noch die Frage nach dem Preis für den Tiguan zu klären. Im Vergleich zum Vorgänger sind die Einstiegspreise fast identisch. Allerdings hat Volkswagen, wie viele Hersteller, eine recht verschachtelte Preisstruktur bei den optionalen Zutaten. So schlägt das Fahrassistenzpaket beispielsweise mit 1475 Euro zu Buche, das Business Premium-Paket inklusive Navigation kostet 2565 Euro und für die Rückfahrkamera werden 625 Euro zusätzlich verlangt. Alles durchaus empfehlenswerte Beigaben, die aber mit einigen anderen Kleinigkeiten den Grundpreis von 37.475 Euro auf 47.610 Euro anwachsen lassen.

Fazit: Man kann am neuen VW Tiguan nur schwer herumkritteln. Wie in Wolfsburg üblich, hat man kein neues Fahrzeug entwickelt, sich aber wesentlich stringenter mit der Weiterentwicklung beschäftigt als andere Konkurrenten. Dass das am Ende des Tages seinen Preis hat, ist nur logisch. Setzt man das Gesamtpaket dann ins Verhältnis zu gleichwertig ausgestatteten Premium-SUV, relativiert sich die Aufwendung schnell. Bleibt noch die Geiz-Garantie von lediglich zwei Jahren. Aber auch hier bieten lediglich die asiatischen Mitbewerber mehr.

DATENBLATTVW Tiguan Comfortline 2.0 TDI SCR 4Motion
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,49 / 1,84 / 1,68 m
Radstand2,68 m
Leergewicht (DIN)1723 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen520 / 615 / 1655 Liter
MotorVierzylinder Turbodiesel mit 1968 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung140 kW / 190 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit212 km/h
Tankvolumen60 Liter
max. Drehmoment400 Nm / bei 1900 - 3300 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h7,9 Sekunden
Überhangwinkel vorn / hinten23,8 Grad / 16,4 Grad
Rampenwinkel15,5  Grad
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)5,2 / 6,5 / 5,7
Testverbrauch6,6 l
EffizienzklasseB / EU6
Grundpreis37.475 Euro
Preis des Testwagens47.610 Euro

Quelle: n-tv.de