Praxistest

Nicht in Gänze perfekt Hyundai Santa Fe - ein echter Premium-Schreck?

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Die Größe, die den Hyundai Santa Fe auszeichnet, verdankt er auch dem Design von Thomas Bürkle.

Quelle: Holger Preiss

Vor der Neuauflage musste sich der Hyundai Santa Fe von der Konkurrenz einige Kunden wegschnappen lassen. Jetzt ist er mit neuer Optik, neuen Assistenzsystemen, Allrad und Achtgang-Automatik angetreten, verlorenen Boden gutzumachen. Aber reicht das am Ende? n-tv.de hat den Praxistest gemacht.

In den USA ist der Hyundai Santa Fe ein Bestseller. Einmal mehr dürfte ihm das in der Neuauflage gelingen, die ihre Europa-Premiere auf dem Autosalon in Genf feierte. Und da die SUV-Freunde hüben wie drüben nicht zuletzt die schiere Größe eines solchen Fahrzeuges feiern, hat Hyundai-Design-Chef Thomas Bürkle dem Ganzen die unbändige Wucht in Blech gefalzt. Dank des mächtigen "Kaskaden-Kühlergrills", den schmalen Scheinwerferaugen und den wuchtigen Radhäusern, in denen auf Wunsch 19-Zoll-Felgen mit 235er Gummis ruhen, wirkt die Konkurrenz der Fünf-Meter-SUV gegen den 4,77 Meter langen Koreaner wirklich nicht mehr bedrohlich.

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Heckspoiler, LED-Licht und angedeuteter Unterfahrschutz prägen das Heck des Hyundai Santa Fe.

(Foto: Holger Preiss)

Natürlich bietet Hyundai sein Flaggschiff auch mit einer vollständig im Boden versenkbaren dritten Sitzreihe an. Die ist aber wie so oft - und das kann auch der Radstand von 2,77 Meter nicht ändern - den kleinen Menschen und der Kurzstrecke vorbehalten. Wer aber in Normalbesetzung unterwegs ist, der kann in der zweiten Reihe Freudentänze vollführen, denn die Bestuhlung lässt sich separat in Längsrichtung verschieben und gibt so auf Wunsch den Knien oder dem Gepäckabteil mehr Raum. Letztgenanntes stellt im Idealfall 625 Liter zur Verfügung. Ist die zweite Reihe allerdings mit Blick auf den Komfort der Passagiere ganz nach hinten geschoben, sind es 534 Liter, die sich bei umgelegter Rückenlehne auf 1680 Liter erweitern lassen. Reichlich Platz also für das Reisegepäck von zwei bis fünf Personen.

"Das brauch ich nicht"

Das ist natürlich alles ganz famos, aber unterdessen ist es so, dass der Käufer neben einer schicken Optik und viel Platz auch Wert auf eine Reihe von Assistenzsystemen legt, die vor Jahr und Tag ebenso wie seinerzeit das Automatikgetriebe die "echten" Autofahrer nur ein verächtliches "pff, brauch ich nicht" zwischen den Lippen herauspressen ließ. Und da einige der Assistenten auch gar nichts mit dem fahrerischen Können zu tun haben, sondern einfach nur hilfreich sind, sollen sie an dieser Stelle nicht unterschlagen werden.

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In der ersten und zweiten Reihe bietet der Hyndai Santa Fe ausgesprochen großzügige Platzverhältnisse.

(Foto: Holger Preiss)

Da wäre zum Beispiel der Rear Cross-Traffic Collision-Avoidance Assist. Hinter der sperrigen englischen Bezeichnung verbirgt sich nichts weiter als ein gut funktionierender Querverkehrswarner, der im Notfall auch mal kräftig in die Eisen steigt, um eine Kollision zu verhindern. Auch der Saftey Exit Assist, der dafür sorgt, dass die Fond-Türen solange verriegelt bleiben, wie sich ein Fahrzeug nähert, arbeitet hervorragend. Das ist immer dann zu merken, wenn die übermütige Jugend sich schnell aus dem Auto entfernen möchte und dann laut zetert, weil die Türen verriegelt sind. Ein ebenfalls feiner Assistent ist der Tailgate Open Guide. Er misst den Abstand der Hecklappe zu Wand oder Decke in einer Tiefgarage. Ist der zu gering, warnt das System akustisch und vermeidet so Beschädigungen an Lack und Blech.

Na gut, das waren jetzt vielleicht nicht zwingend die Must-haves, aber sinnvoll sind sie schon und funktioniert haben sie auch ganz hervorragend. Nicht so fehlerfrei erwies sich der Around-View-Monitor, der im Testwagen sein Bild auf einem acht Zoll großen TFT präsentiert. Für die Darstellung werden Kameras an Front und Heck sowie an der Unterseite der Außenspiegel genutzt, um eine 360-Grad-Ansicht des Wagens aus der Vogelperspektive zu erzeugen. Wenn es funktioniert, ist das auch sehr hilfreich. Im Testwagen fror aber mehrfach das Bild auf dem Monitor ein und zeigte sich auch nach längerer Fahrzeit und einem wiederholten Parkvorgang auf dem Bildschirm. Erst nach einer längeren Standpause und einem Neustart arbeitet das System wieder normal.

Kraftvoll und solide

Zuverlässiger in der Funktionsweise erwies sich die Kombination aus Spurhalte-Assistent, Tempomat und Abstandsradar. Ein Team, das den Santa Fe zum teilautonomen Fahren befähigt und auch im Stop-and-Go zuverlässig bewegt und abbremst. Dass die selbständige Fahrt nur bis Tempo 160 möglich ist ist, ist schade, denn der Testwagen, befeuert von dem 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit Euro-6d-Temp, der 200 PS leistet, kann recht unbeschwerlich bis auf 203 km/h beschleunigt werden. Was etwas nervig ist, ist der Umstand, dass der Spurhalteassistent mit dem Start des Wagens permanent am Werkeln ist. Das heißt, gerade in Baustellenbereichen auf Autobahnen, aber auch auf Landstraßen und in der Stadt zuppelt das System unentwegt an der Lenkung. Wer das nicht mag, kann dem mit einem Knopfdruck ein Ende bereiten.

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Schick und auch etwas eigenwillig ist das Innendesign.

(Foto: Holger Preiss)

Doch werfen wir noch mal einen Blick auf den großen Diesel. Der ist zwar kurz nach dem Start etwas laut und knurrig, erfreut aber im Alltagsbetrieb durch seinen kräftigen Durchzug, unterstützt von seinem maximalen Drehmoment von 440 Newtonmetern, das bei 3800 Kurbelwellenumdrehungen anliegt. In 9,0 Sekunden ist der Sprint des knapp 2,0 Tonnen schweren Santa Fe auf 100 km/h beendet. Wer den Fuß auf dem Gas lassen kann, freut sich über die unterbrechungsfreie Arbeit der Achtstufen-Automatik. Für Freude sorgt auch der variable und schlupfabhängige Allradantrieb, den Hyundai selbst entwickelt hat und der unter dem Kürzel HTRAC firmiert.

Mit der passenden Kraftverteilung - die im Sport-Modus im Verhältnis 50 zu 50 an Vorder- und Hinterachse verteilt wird - und mit der direkten, gute Rückmeldung liefernden Lenkung, lässt sich der Kanten im Ernstfall auch mal dynamisch ums Eck schaukeln. Prinzipiell ist der große Koreaner aber kein Sportwagen und auch nicht als solcher ausgelegt. Seine Vorzüge finden sich ganz klar auf der Langstrecke, also im Dauerlauf. Hier bringt ihn nichts aus der Ruhe. Sauber überläuft er die Unfreundlichkeiten der Straße und hält sie, soweit das abseits eines adaptiven Fahrwerks in dieser Leistungsklasse möglich ist, von den Insassen fern.

Erstaunlich durstiger

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Der 2,2-Liter-Diesel erfreut durch seine Durchzugskraft und überrascht durch seinen Durst.

(Foto: Holger Preiss)

Bei der eindeutigen Auslegung auf die Langstrecke wundert am Ende der Fahrt aber der Verbrauch. Selbst bei verhaltener Fahrweise konsumiert der 2,2-Liter-Diesel im Test 9,2 Liter. Das ist mit Blick auf den von Hyundai im Datenblatt vermerkten Verbrauch von 6,0 Litern deutlich zu viel. Wer jetzt sagt, na dann nehme ich den kleineren Diesel, der aus einem Hubraum von 1995 Kubikzentimetern 150 PS generiert, könnte in zweierlei Hinsicht enttäuscht werden. Zum einen ist die Leistungsausbeute geringer, zum anderen wird der Verbrauch von den Koreanern beim Allrad mit identischen Werten angegeben. Dann doch lieber mehr Kraft und mehr Fahrspaß. Klar, der kleine Diesel steigt bei 35.000 Euro ein, der große Diesel in der nächsthöheren Ausstattung bringt es auf 42.000 Euro. Wer das volle Ausstattungsprogramm haben will, der muss sogar noch 10.000 Euro draufpacken.

Dafür gibt es dann aber nicht nur die oben gelobten adaptiven Assistenten sondern noch einiges mehr: eine elektrisch Heckklappe, belüftete Sitze vorne, Fahrersitz mit verstellbarer Oberschenkelauflage, Beifahrersitz elektrisch einstellbar und höhenverstellbar, beheizbare Fondsitze, Voll-LED-Scheinwerfer und LED-Tagfahrlicht, ein Radio-Navigationssystem mit 8-Zoll-Farb-Touchscreen, ein Soundsystem mit 10 Lautsprechern inklusive Subwoofer und Verstärker von Krell, Lifetime Map Care und Live Services. Und nicht zuletzt ein Head-up-Display, das alle wichtigen Infos messerscharf in die Frontscheibe projiziert. Darunter nicht nur Navigationsdaten oder die Geschwindigkeit, sondern auch Fahrzeuge, die sich im toten Winkel befinden.

Super Head-up-Display mit Fehlinformation

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Reichlich Platz bietet das Gepäckabteil, solange auf die dritte Sitzreihe verzichtet wird.

(Foto: Holger Preiss)

Auch die aktuelle Geschwindigkeit liegt im Blickfeld des Fahrers. Allerdings ist die mit absoluter Vorsicht zu genießen, denn die Information rekrutiert sich nicht aus der Wahrnehmung der Frontkamera, sondern aus den im Navigationssystem hinterlegten Daten. Die Treffergenauigkeit liegt hier bei geschätzten 70 Prozent. Auf der B2 wurde die Geschwindigkeit auf 70 km/h reduziert, das Navi lässt den Piloten im Glauben, er könne mit 100 km/h die Bundesstraße befahren. Im städtischen Bereich in 30er Zonen werden 50 km/h angezeigt und so setzt sich das auf Autobahnen fort. Richtung Hermsdorfer Kreuz wurden die einst gültigen 130 km/h auf 120 km/h reduziert, laut Navi gilt der alte Wert. Die fehlende Verkehrszeichenerkennung kann am Ende für den Fahrer sehr teuer werden. Auf das Navi kann er sich nicht zurückziehen, denn es gilt: Der Pilot hat so aufmerksam zu fahren, dass er die Verkehrszeichen in jedem Fall auch wahrnehmen kann.

Wenn sich der Santa Fe auch in vielen Punkten als echter Premium-Schreck anbieten würde, scheitert er bei solch trivialen Dingen leider an diesem Anspruch. Schade, denn in Summe ist das koreanische SUV ein wirklich gelungenes Auto, das es in vielen Details mit der Konkurrenz aufnehmen kann. Denn am Ende zählt nicht nur der Preis, sondern natürlich auch die von Hyundai weiterhin angebotene Fünfjahres-Garantie, die lediglich durch die Schwestermarke Kia übertroffen werden kann.

Fazit: Wer ein richtig großes SUV mit bis zu sieben Sitzen sucht, sollte den Hyundai Santa Fe auf jeden Fall auf dem Schirm haben. Doch leicht wird es dem Koreaner nicht gemacht. Schließlich fahren gerade hier inzwischen Konkurrenten wie ein Skoda Kodiaq oder ganz neu ein Seat Tarraco, die nicht weniger Komfort oder Assistenzsysteme für einen ähnlichen Endpreis anbieten, aber nicht die Garantieleistungen der Koreaner aufweisen. Entscheiden sollte der Interessent hier nach einer ausgiebigen Probefahrt.

DATENBLATTHyundai Santa Fe blue 2.2 CRDi 4AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,77 / 1,88 / 1,67 m
Radstand2,77 m
Leergewicht (DIN)1940 - 2078 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen625 / 1680 Liter
MotorReihenvierzylinder Diesel mit 2199 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Automatik
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor200 PS (147 kW) bei 3800 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit203 km/h
Tankvolumen64 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)440 Nm bei 1750-2750 min
Beschleunigung 0-100 km/h9,0 Sekunden
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)7,1 / 5,6 / 6,0 Liter (NEFZ)
Testverbrauch (kombiniert)9,4 Liter
CO2-Emission kombiniert159 g/km /Euro 6d-Temp
Grundpreis41.690 Euro
Preis des Testwagens50.200 Euro

Quelle: n-tv.de

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