Leben

"Mein Team leistet sehr viel!" Allein im Museum mit Stephanie Rosenthal

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Yayoi Kusama: Infinity Mirror Room - Phalli’s Field, 1965 Installation, verschiedene Medien

(Foto: YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner)

Zu und trotzdem weitermachen, auch wenn keiner vorbeischaut und hinguckt - Museen haben in Zeiten von Corona schließlich deutschlandweit geschlossen. Und das bis auf Weiteres. Ausstellungen wurden verschoben oder abgesagt. Aber: Es geht weiter - hinter den Kulissen wird geplant und Ausstellungen, die trotz Corona laufen, aber im Museum verschlossen sind, werden online ins heimische Wohnzimmer transportiert. Stephanie Rosenthal ist seit zwei Jahren Direktorin des Martin-Gropius-Baus. Das Berliner Haus ist eines der wichtigsten europäischen Museen. Die 49-Jährige hat viel verändert, neue Sichtachsen geschaffen, Altes freigelegt und den Lichthof für alle geöffnet. Den kann jeder ohne Ticket betreten und Kunst erfahren. Doch im Moment ist das Museum menschenleer und die Kunst allein. Im September ist im Gropius-Bau eine Retrospektive mit der Künstlerin Yayoi Kusama geplant. Die Japanerin ist eine Ikone - ihre verspiegelten Infinityrooms sind erfahrbare Kunst vom Feinsten. Wo sie ausstellt, sind lange Schlangen garantiert. Zeit, mit Stephanie Rosenthal über die Zeit in der Pandemie und danach zu sprechen - ganz Corona-Knigge-gemäß per Skype.

ntv.de: Wie geht es dir?

Stephanie Rosenthal: Gut. Ich versuche zu verstehen, was in der Welt passiert, habe mir aber die Regel gesetzt, tagsüber keine Nachrichten zu gucken. Es ist nichts Positives, was da geschieht. Zwischendurch gibt es die üblichen Tiefpunkte, die ich dann auf Corona schieben kann.

Bist du im Homeoffice oder Museum?

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Stephanie Rosenthal, Direktorin des Berliner Martin-Gropius-Baus.

(Foto: Mathias Voelke )

Wir sind alle im Homeoffice, haben ständig Videocall-Meetings mit 23 Leuten. Morgens haben wir jetzt erstmal die Rubrik "From the homeoffice" eingerichtet: Ein Teammitglied erzählt kurz, wie der Tag anfing, wie man aussieht, ob man noch in der Jogginghose steckt. Eine meiner Kuratorinnen schickt jeden Tag ein Lied ans Team.

Das Homeoffice bringt also gleich mehr Ablenkung ...

Ich denke, man wäre im Büro mehr abgelenkt. Da hat alles eine andere Dynamik und ein Gespräch dauert länger, man lacht miteinander.

Lässt du Arbeit mal liegen?

Nein. Ich habe aber auch das Glück, dass ich kein Kind im Homeschooling habe wie andere in meinem Team. Eigentlich dachte ich, dass ich jetzt mehr Zeit habe, Texte für Ausstellungen zu schreiben, aber dafür fehlt die Ruhe. Es ist sicher auch die innere Ruhe, die nicht da ist. Es geht ja ständig darum, was gerade passiert, wie die aktuelle Situation ist, die sich rasant ändert.

Stichwort wirtschaftliche Auswirkungen: In den USA haben die Museen sofort Mitarbeiter entlassen. Wie sieht es bei euch aus mit Garderobieren, Wärtern, Technik?

Ja, in Amerika betreffen die Entlassungen oft das Aufsichtspersonal und die Techniker. Wir mussten zum Glück keine Kurzarbeit anmelden. Unser technisches Team beispielsweise hat weniger zu tun, aber sie sind alle fest angestellt. Die Sicherheitsfirma, mit der wir arbeiten, hat selbst teilweise Kurzarbeit angemeldet. Natürlich gibt es noch Aufsichten in unserem Gebäude, die wir bezahlen, aber das ist nur ein winziger Beitrag, den wir da leisten können.

In den USA wird mit einem Museumssterben gerechnet, weil sie sich maßgeblich über Ticketverkäufe finanzieren - ein Drittel der Museen wird vermutlich verschwinden.

Wir merken jetzt schon, dass einiges in Deutschland besser funktioniert. Viele von uns haben feste Stellen im Gegensatz zu Amerika. Klar haben wir auch Verluste, verkaufen keine Tickets. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass an Kultur gespart wird - sie ist und bleibt wichtig. Andererseits sind wir sowieso personell knapp bestückt und müssen sehr haushalten. Mein Team hat nicht weniger zu tun, im Gegenteil, es leistet extrem viel.

Eure aktuelle Ausstellung Lee Mingwei hatte noch keine Besucher, die Eröffnung fiel mitten in die Krise. Aufgebaut habt ihr sie noch mit dem Künstler.

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Lee Mingwei: "Guernica in Sand" (2006 - heute), Interaktive Mixed-Media-Installation Sand, Holzinsel, Beleuchtung Installationsansicht Li, Geschenke und Rituale, Gropius-Bau, Berlin, 2020

(Foto: Laura Fiorio)

Ja, aber Lee Mingwei entschied sich, mitten im Aufbau zu seinem Partner nach New York zu fliegen. Er hatte eine SMS bekommen, dass es in ein paar Tagen nicht mehr möglich sein wird, in die USA einzureisen. Da wusste er noch nicht, dass es in New York so schlimm werden wird. Zu dem Zeitpunkt wurde noch behauptet, Corona gäbe es in den USA nicht. Jetzt ist es für uns beide so, dass es hilft, über die Ausstellung zu sprechen und digitale Angebote zu erarbeiten. Wie kann er Besucher teilhaben lassen, ohne dass er da ist? Lee Mingwei hat eine starke Aura und es ist die richtige Ausstellung für den Moment.

Warum ist "Li, Geschenke und Rituale" jetzt auf den Punkt?

Seine Arbeit ist sehr persönlich und es geht um Fürsorge. Sein Hinfühlen und Hinspüren, was gerade passiert, sich umeinander und füreinander zu sorgen, ist etwas, das uns alle betrifft und aktueller denn je. Ich habe in der Krise meinen Vater täglich angerufen, bis er irgendwann lachte und sagte, du musst jetzt nicht jeden Tag anrufen. Mingweis Kunst fragt direkt: Wie fühle ich mich und wie fühle ich jemanden? In einer neuen Arbeit lädt er dazu ein, Briefe zu schreiben in denen man erzählt, wo man sich in vier, fünf Monaten sieht. Da geht es um Hoffnungen und auch Ängste. Daraus wird später vielleicht eine Lesung.

Was macht das leere Museum mit dir?

Es hat etwas sehr Verzauberndes gehabt und war totaler Luxus, die Ausstellung noch in slow motion aufzubauen. Jetzt ist alles abgedeckt, sieht aus wie in Filmen, wenn Leute ins Ferienhaus kommen und die Rollläden geschlossen sind. Es ist traurig. Das hat etwas von Dornröschenschlaf.

Der 4. Mai wird aller Wahrscheinlichkeit der Tag, an dem das Leben ins Museum zurückkehrt. Die Angst vor dem Virus bleibt konfus - was kann Kunst in so einer Krise leisten?

Ich bin sicher, dass es für viele extrem heilsam wäre, Kunst zu sehen. Und natürlich stellt sich die Frage: Was ist die Kunst ohne das Museum? Was ist das Museum ohne das Museum? Kunst ist etwas, das man körperlich erfährt und deswegen können wir Kunsterfahrung nicht komplett in den virtuellen Raum verschieben.

Ausgerechnet jetzt wird unsere Online-Verbindung via Skype schlecht. Wie schön wäre es, dieses Gespräch analog zu führen.  

Kunst muss nachwirken, soll Weiterdenken beeinflussen und zum Gespräch anregen. Es geht nicht nur darum, selbst meditativ durch die Ausstellung zu gehen. Insofern hat Kunst eine wichtige Funktion, weil über das Jetzt nachgedacht und reflektiert werden kann, über die Rolle der Kunst während einer Pandemie, wenn Museen geschlossen sind. So viele KünstlerInnen setzen sich auch mit der Frage von Fürsorge auseinander.

Ihr habt eine gemeinsame Ausstellung mit der Stiftung Ludwig über Malerei aus den USA und der UdSSR ins nächste Jahr geschoben. Im September startet im Gropius-Bau die erste große deutsche Ausstellung von Yayoi Kusama. Lässt sich dieser Termin halten?

Momentan planen wir für den September. Dadurch, dass wir die Schau mit der Stiftung Ludwig verschieben konnten, haben wir Planungssicherheit bekommen. Natürlich spielen wir Szenarien durch: Was passiert, wenn 1,5 Meter Abstand gehalten werden müssen? Wenn wir das durchkalkulieren, machen wir Verluste. Es ist eine Riesenausstellung mit Leihgaben aus 25 Ländern, alle Museen sind jetzt im Homeoffice. Es gibt plötzlich viele ungeklärte Fragen. Andererseits sind wir mit Yayoi Kusama so eng verbunden - sie ist sehr alt, sie lebt für ihre Kunst.

Yayoi Kusama setzt mit ihren Spiegelräumen auf Überflutung und damit gegen Einsamkeit. Sie transformiert ihre eigene Krankheitsgeschichte in Kunst. Wie erlebt sie Covid-19?

Direkt über die Pandemie habe ich nicht mit ihr gesprochen. Sie lebt sowieso ein sehr isoliertes Leben, geht derzeit nicht in ihr Studio. Sie ist nur in ihrem Krankenzimmer, da arbeitet sie auch. Aber sie schreibt, dass ihre Kunst sie am Leben hält und sie glaubt daran, dass ihre Kunst andere am Leben hält. Diese Energie spürt man in den Titeln für ihre Kunstwerke: "Love Forever", "Eternal Love" oder eine neue Arbeit für Berlin, die "A Bouquet Of Love I Saw in the Universe" heißt.

Das klingt bezaubernd. Hat diese Extremsituation positive Nebeneffekte in der Kunstwelt?

Außergewöhnliche Situationen sind immer gut für die Kunst. Interessante Arbeiten entstehen meist in Grenzsituationen oder in Zeiten, in denen große Fragen gestellt werden. Es ist aber schwer zu sagen, was Corona jetzt für Künstler und Künstlerinnen bedeutet. Für die meisten von uns ist diese Krise gerade mal drei bis vier Wochen alt. Aber ich höre von vielen, dass es emotional schwierig ist, sich in eine Blase zu begeben und zu konzentrieren.

Was ändert sich nach der Pandemie?

Ich habe keine Antwort. Wenn ich jetzt mit dem Fahrrad zum Gropius-Bau fahre, genieße ich es, weniger Autos zu sehen und die Langsamkeit. Im Außenraum ist alles verlangsamt. Das Leben selber ist jedoch durch Faktoren wie Homeschooling stressiger geworden. Die Zeit zusammen kann aber auch zusammenschweißen. Vielleicht bleibt dieses Bewusstsein füreinander, ich hoffe das zumindest.

Deine Inspirationsquelle in diesem seltsamen Frühling?

Die Gespräche mit KünstlerInnen, Freunden und Kollegen.

Was vermisst du?

Definitiv den Austausch auf persönlicher Ebene. Das Büro, in dem man sich sieht, man gemeinsam kurz lacht. Und natürlich blutet mein Herz, wenn ich in ein leeres Museum gehe.

Mit Stephanie Rosenthal skypte Juliane Rohr

Quelle: ntv.de