Leben

Kolumne: Salz des Internets Allein unter Nonnen

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Sehr weiblich, sehr emanzipiert, sehr religiös - so erinnert sich die Kolumnistin an die Nonnen ihrer Schulzeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ob gläubig oder nicht, das war eigentlich egal. Unsere Kolumnistin erinnert sich an ihre Schulzeit im katholischen Schulsystem und ist wenig überrascht, dass sie das anstatt zur frommen Christin zur Feministin erzogen hat.

Ich verbringe so gut wie jeden Tag im Internet. Früher war das anders. Als ich aufgewachsen bin, gab es das Netz in diesem Maße noch nicht. Meine Erziehung, ein stabiles Wertesystem, klare, feministische Ansichten und meinen Trotzkopf habe ich meiner Schulzeit im katholischen Schulsystem zu verdanken.

Warum meine Zeit in einer Nonnenschule mich zu einer selbstbewussten Feministin und Denkerin gemacht hat, anstatt mich seit meiner Kindheit zu Gehorsam und Konservativismus zu erziehen, ist für mein Umfeld überraschender als für mich. Dass mein Erwachensenwerden in einer strikten Wertegemeinschaft mich zu einer ausgezeichneten Beobachterin gemacht hat, liegt an den Ordensschwestern meiner Kindheit. Warum ich mir als aufgeklärte Netzfeministin wünsche, dass sich heute immer noch Frauen für den Weg als Schulschwester entscheiden, hat viel mit Nächstenliebe und wenig mit Abgrenzung von Konfessionen zu tun.

In meiner frühen Kindheit gab es genau drei Frauen, die mein Leben bestimmt haben: meine Mutter, meine Großmutter und Bibi Blocksberg. Pünktlich zur Einschulung übernahm dann eine für mich völlig neue Gruppe von weiblichen Autoritäten den Großteil meiner humanistischen Erziehung: die Schulschwestern von Unserer Lieben Frau. Katholische Ordensschwestern in klischeehaften Trachten, schwarz-weiß, so wie man es erwarten würde. Die meisten waren bereits in die Jahre gekommen und völlig ungeschminkt. An den Seiten des Schleiers schimmerten nur hier und da ein paar silbergraue Strähnen hervor, ansonsten erinnerte mich nichts an ihnen an den Typ Frau, den ich bereits kannte. Ihr Erscheinungsbild war selten grazil oder beschwingt. Mit kindlichen Augen sah ich eher ängstlich und eingeschüchtert zu dieser ganz besonderen Art Mensch auf. Ihre Autorität war für mich bereits zu spüren, obwohl ich zu dieser Zeit noch gar keine Ahnung hatte, für welche Werte diese Frauen standen oder welchen Teil einer hierarchischen Struktur sie repräsentierten.

Sanft, aber bestimmt

Am Tag meiner Einschulung schien alles nur nach ihren Wünschen abzulaufen. Ihre erstaunlich kraftvollen Hände führten aufgeregte ABC-Schützen an die richtigen Plätze und grüßten sanft, aber bestimmt Eltern und Lehrer mit markantem Handschlag. Sie lasen Bibelstellen fast auswendig und bewegten die versammelte Gemeinde mit einer verstimmten Gitarre zum Singen von fast völlig unbekannten Liedern. Wenn ich heute an meine Einschulung zurückdenke, würde ich sagen, die Ordensschwestern hatten damals schon einen gewissen Glow, der alle Anwesenden auf außergewöhnliche Weise anzog.

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Je älter ich wurde, desto geübter wurde ich auch mit den Schulschwestern. Ich will nicht verschweigen, dass dieser Umgang nicht immer der liebevollste war. Besonders in Erinnerung blieb mir der stahlharte Griff der Schulleiterin Schwester D., vor dem man nie sicher sein konnte. Er war weit über die Grenzen des Schulgeländes bekannt und gefürchtet. Es gab sogar Gerüchte darüber, dass besagte Schwester bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld einer Schülerin die Delinquentin am Ohr ins Direktorat schleifte.

Nach und nach verstand ich, dass die meisten von ihnen gemeinsam in einem Konvent lebten. Jede der Schwestern hatte ihre eigenen Aufgaben, die sie tagsüber zu erledigen hatten, bevor sie in ihren kleinen Gemeinschaftsraum zurückkehrten. Schwester D. leitete die katholische Schule mit der natürlichen Autorität, die ihr als Gründerin dieser Einrichtung auch zustand. Teil ihrer aufgeschlossenen Philosophie war es von Anfang an, neben der offenen Montessoripädagogik, dass nicht nur katholische Kinder zum Unterricht angenommen wurden. Die Schule war auch offen für Kinder aus protestantischen Familien oder gar Kinder, die aus atheistischen Familien stammten, die sich aber für den christlichen Glauben interessierten und nichts dagegen hatten, ihre Kinder verpflichtend am Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Es gab eine Schwester aus den USA, die nicht nur leidenschaftlich gerne sang, sondern auch den Englischunterricht in den jüngeren Klassen leitete. Die englischen Lieder, die ich damals mit unverhältnismäßigem Enthusiasmus beigebracht bekam, kann ich heute noch auswendig, bis zur letzten Strophe.

Wissen ist nicht Information

Dann gab es noch eine schon in die Jahre gekommene Schwester, die vor allem für die Hausaufgabenbetreuung nach der Schule und den Hort zuständig war. Ich kann mich noch gut an die Hände dieser Schwester erinnern. Sie waren bereits verknöchert und runzelig und die Adern traten hervor. Ein goldener Ring an dieser Hand verwirrte mich schon immer. Ich kannte den Ehering nur von meinen Eltern, die auf konventionelle Art miteinander verheiratet waren. Sehr geduldig gab sie Antwort auf die Kinderfragen der Schülerinnen beim Karten- oder Dominospielen nach Schulschluss. Sie trage einen Ehering, genau wie unsere Eltern, nur sei sie nicht mit irgendeinem Mann verheiratet, sondern mit Jesus Christus. Der schenke ihr ihr ganzes Leben lang schon so viel Liebe, dass ihr manchmal fast das Herz übergehe. Diese Antwort ergab in meinem Kinderkopf viel Sinn und stellte mich zufrieden.

Im täglichen Umgang mit den Ordensschwestern versteht man schnell, was für sie wichtig ist. Bildung ist das höchste Gut, egal ob sie dazu dient, Gott zu ehren oder um später Erfolg im Berufsleben zu haben. Wissen ist nicht das Gleiche wie Informationen. Eitelkeiten sind eher ungern gesehen. Es ist ziemlich schwierig für einen Heranwachsenden, dieses Konzept zu verinnerlichen. Man selbst steckt ja nicht in einer Tracht mit Schleier und wird von der Umgebung als wunderliches, geschlechtsloses Wesen wahrgenommen, in dessen Gegenwart man sich automatisch besser benehmen will. Dieses Phänomen spüre ich bis heute bei genau zwei Gruppen in Uniform: Polizei und Nonnen.

Gerade an den Reibungspunkten habe ich viel gelernt. Über mich selbst und über mein Gegenüber. Alle Ordensschwestern, denen ich in meiner schulischen Laufbahn begegnet bin, haben erheblich zu meinem Frauenbild beigetragen. Heute weiß ich, dass sie mir ein aufgeklärtes Menschenbild vermittelten, in dem jeder Mensch es wert ist, mit Nächstenliebe und Respekt behandelt zu werden. Starke, unabhängige Frauen sind für sie selbstverständlich und wünschenswert - weniger Oberfläche und mehr Tiefgang.

Nicht Konkurrenz, sondern Unterstützung

Während meiner Ausbildung im katholischen Schulsystem habe ich eine sehr vorurteilsfreie Form des Feminismus kennengelernt. Einen, der keiner Versicherungen von außen bedarf, einen, in dem Frauen nicht miteinander konkurrieren, sondern sich gegenseitig bedingungslos unterstützen. Eine innere Sicherheit, die selten von Frauen ausgestrahlt wird, die mir im täglichen Leben begegnen. Frauen sind ein wichtiger und unersetzbarer Teil der Gesellschaft, sie waren es von Anfang an. Es ist völlig okay, eine Frau zu sein, auch wenn man nicht viel von Weiblichkeit hält. Es ist gewünscht, seine eigene Meinung zu haben und auch wenn man auf unterschiedliche Ansichten trifft, ist ein Austausch immer Gold wert.

Trotzdem ist mir natürlich klar, dass sich diese Frauen bewusst einem autoritären System unterordnen, mit dem viele aus guten Gründen nicht einverstanden sind. Das ist ja nun mal ihre freie Entscheidung, auch wenn es nichts für mich wäre. Aber wenn ich alles Unnötige wegdenke, dann bleiben in meiner Erfahrung Respekt für Andersgläubige, produktive Streitlust und Nächstenliebe übrig.

Ein Element, das sie alle vereint, ist Stille. Eins der nützlichsten Dinge, die ich mir von den Nonnen meiner Kindheit abschauen konnte. Ein kraftvolles Instrument im Positiven wie im Negativen, das ich heute immer noch gerne nutze und von dem ich will, dass es SchülerInnen unbedingt lernen. Ich freue mich über jede einzelne Frau, die sich dafür entscheidet, ihre Liebe und ihr christliches Menschenbild im besten Sinne mit Schülerinnen zu teilen, wie ich eine war. Auch wenn ich diesen Weg nie gehen würde. Mein Leben hat diese Liebe auf ganze eigene Weise geprägt. Diese Erfahrung wünsche ich den Heranwachsenden von heute auch, denn selten war sie nötiger als jetzt.

Quelle: ntv.de