Leben

Homeoffice und Coronakrise Alleinerziehende sind noch mehr unter Druck

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(Foto: imago images/Loop Images)

Rund 2,6 Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland. Viele fühlten sich auch vor der Corona-Krise schon am Stress-Limit. Für sie ist der Wegfall der Betreuung eine harte Belastungsprobe oder manchmal sogar existenzbedrohend.

Verena Wirwohl ist Syndikatsjuristin bei einem Verband, dreifache Mutter und arbeitet noch dazu ehrenamtlich im Vorstand des Vereins MIA, einer Mütterinitiative für Alleinerziehende. Wie bei vielen Müttern und Vätern, die mit ihren Kindern alleine in einem Haushalt leben, hat die Corona-Krise ihren Tagesablauf auf den Kopf gestellt. Derzeit ist die 39-Jährige im Homeoffice, zwei ihrer Jungen im Alter von vier und sechs Jahren sind ebenfalls mit ihr zu Hause.

Wirwohls Tage sind ein Spagat zwischen dem Versuch, eine Struktur zu schaffen und der Einsicht, dass es immer anders kommt als geplant. "Ich stehe zur Zeit gegen fünf Uhr auf und arbeite, bis die Kinder wach sind. Dann frühstücken wir, ich versuche, dass mein älterer Sohn einen 60-Minuten-Block Mathe und eine Stunde Deutschunterricht macht und ich in dieser Zeit etwas Arbeit geschafft kriege", sagt Wirwohl.

Sie lässt dann auch mal das Diktiergerät unter der Dusche laufen, arbeitet nachts um ein Uhr oder tippt Arbeits-Mails in ihr Handy, wenn sie mit den Kindern einen Spaziergang im Wald macht. "Mein Arbeitgeber ist zum Glück sehr verständnisvoll und erwartet nicht, dass ich das gleiche Pensum bewältigen kann wie ohne die Kinder zu Hause."

Wirwohl ist nicht alleine: Bundesweit hat jede fünfte Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind eine alleinerziehende Mutter oder Vater. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse steht nahezu jeder zweite Alleinerziehende (46 Prozent) ständig unter Druck. Fast zwei Drittel der Alleinerziehenden gaben an, an Müdigkeit und Schlafstörungen sowie an Erschöpfung und Burnout zu leiden. Nach Angaben der KKH dürfte es für alleinlebende Eltern aufgrund der Epidemie-Maßnahmen immer schwieriger werden, Familie, Haushalt und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Viele Arbeitgeber nehmen keine Rücksicht

"Für alleinerziehende Mütter und Väter ist das Homeoffice eine dreifache Belastung: Neben der Berufstätigkeit und der Hausarbeit müssen sie jetzt auch noch das Homeschooling oder die Betreuung ihrer Kitakinder leisten. Die Großeltern fallen wegen der Ansteckungsgefahr als Option ebenfalls weg", sagt Wirwohl. Claudia Chmel, Geschäftsführerin der Berliner Zweigstelle des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), beobachtet dies ebenso. Viele Alleinerziehende seien durch die Corona-Krise und den Wegfall der Kinderbetreuung durch Kitas und Schulen enorm gestresst. Dabei würden sie von den Arbeitgebern oft nicht gesehen, sagt Chmel. "Der Vorschlag vieler Arbeitgeber, die fünf Wochen Schließzeit mit Überstundenabbau oder unbezahltem Urlaub zu überbrücken, geht komplett an der Lebensrealität der meisten Alleinerziehenden vorbei", sagt Chmel. Wirtschaftlich sei das für Haushalte mit nur einem Hauptverdiener und keinem Partner, der die Kinder täglich hüten kann, gar nicht machbar.

Doch auch das oft beschworene Homeoffice sei für Familien mit nur einem Elternteil eine große Herausforderung, so Chmel. "Schließlich können sie sich nicht abwechseln, und wenn das Kind schreit und man am Schreibtisch sitzt, muss man die Arbeit natürlich unterbrechen", sagt sie. Besonders hart sei die Lage für Familien mit einem ohnehin schon niedrigen Einkommen, die durch verkürzte Arbeitszeiten schnell in Existenznot geraten. "Oft sind durch das Hamstern außerdem die günstigen Lebensmittel aufgekauft, so steigen durch die Corona-Epidemie auch noch die Ausgaben", sagt Chmel.

Hinzu kommt, dass der Schulunterricht von zu Hause alleinsorgende Eltern zusätzlich fordert. "Viele Eltern melden uns, dass das Homeschooling kaum zu schaffen ist, die Schulen haben hohe Ansprüche und viele Kinder sind angesichts der Einschränkungen beim Rausgehen auch nicht sonderlich motiviert", sagt Juristin Wirwohl. Sie findet auch die Tipps zur Bespaßung der Kleinen, die derzeit im Netz kursieren, gelinge gesagt lebensfern. "Diese Ratschläge sind teilweise ziemlich lächerlich. Wie soll man den ganzen Tag mit Basteln und anderen Aktivitäten füllen? Ohne den Fernseher oder andere Elektronik kann man das Homeoffice mit Kindern gar nicht stemmen", sagt sie.

Damit spricht sie vielen Eltern aus der Seele, alleinerziehend oder nicht. Unter dem Hashtag #kinder_homeoffice schildert zum Beispiel die Journalistin Nora Schareika auf Twitter ihre Erfahrungen. Der Chefredakteur des US-Magazins "Wired" beschreibt ebenfalls bei Twitter, wie sein sechsjähriger Sohn in einem Pinguinkostüm ins Bild läuft, während er in einer Videokonferenz mit anderen Chefredakteuren des Verlags sitzt. Die teils sehr amüsanten Schilderungen in den sozialen Medien zeigen: Humor ist auch in dieser Zeit der Krise eine wirksame Waffe gegen den Wahnsinn.

Die Chance in der Krise

Alleinerziehende seien zwar gezwungenermaßen gute Multitasker und von der Politik viel Kummer gewohnt, sagt Wirwohl. Doch die Betreuung sei für alle Eltern eine große Herausforderung und deswegen sei es auch wenig hilfreich, sich im Lamentieren zu überbieten. Die Krise biete auch eine Chance, sagt sie.

"Die gegenwärtigen Strukturen orientieren sich leider immer noch an Männern, die eine Teilzeit-Hausfrau zu Hause haben, die ihnen den Rücken freihält. In deutschen Firmen dominiert deswegen eine Präsenzkultur. Wir wünschen uns neue Strukturen, wie in den Niederlanden, wo das Recht auf Homeoffice gesetzlich verankert ist. Vielleicht gelingt es uns durch diese Notsituation, die Spielregeln endlich neu zu sortieren und das Arbeitsleben auch für Alleinerziehende fairer zu gestalten."

Auch der Verband alleinerziehender Mütter und Väter wendet sich an die Politik und hat nun eine Petition gestartet. "Wir fordern, die Notfallbetreuungen für Alleinerziehende unabhängig von ihrem Beruf zu öffnen", so Daniela Jaspers, Bundesvorsitzende des VAMV. "Arbeitgeber rufen wir dazu auf, Alleinerziehende bezahlt freizustellen, wenn es keine andere Möglichkeit der Kinderbetreuung gibt. Wir regen hierfür staatliche Hilfen für kleine Betriebe an, verbunden mit der Verpflichtung, Eltern in Not durch bezahlte Freistellungen zu helfen." So könnten zumindest die wirtschaftlichen Folgen der Ausnahmesituation aufgefangen werden.

Quelle: ntv.de