Leben

Aus der Schmoll-Ecke Alles scheißegal - Klopapier ist ja noch da!

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Solange noch eine Rolle Klopapier im Haus ist, ist der Rest egal.

(Foto: imago images/Future Image)

Dank Corona gibt noch viel mehr Herzlichkeit in der Welt als sowieso. Aldi verhökert "unseren Helden" spottbillige Arbeitsschuhe. Ist das nicht sensationell großzügig? Nö, das ist Verhöhnung, findet unser Kolumnist. Ansonsten wird aber alles besser.

Geschätztes Publikum, willkommen zum kolumnistischen Manifest! Hach, diese Zeiten. Bei jedem Besuch meines Supermarktes bin ich niedergeschlagen, weil mein einnehmendes, sympathisches Lächeln hinter der Maske nicht zu sehen ist. Schade, denn so kann ich es nicht der systemrelevanten Frau an der Kasse zeigen, um ihr zu signalisieren, wie sehr ich sie wertschätze, obwohl ich ihre lila gefärbten Haare beknackt finde. Edel, wie ich bin, toleriere ich sogar Nasenringe bei Vertretern systemrelevanter Berufe. Denn mein Herz ist so groß wie das "Ritz".

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Die tolle Hündin der tollen Schwester des tollen Kolumnisten.

(Foto: privat)

Bitte denken Sie nun nicht, dass ich nur Trübsal blase. An den meisten Wochenenden begegne ich einem Vierbeiner - und alle Niedergeschlagenheit fällt von mir ab. Dann bin ich bei meiner tollen Schwester und ihrem tollen Hund, einer Ridgeback-Dame. Wäre ich bei Instagram oder so, würde ich es in die Welt hinausposaunen, also posten, wie happy (17 Smileys) ich bin, natürlich samt professioneller Fotos von dem süßen Schnuffel (gemeint ist der Hund, nicht ich). Dazu würde ich folgenden Text veröffentlichen:

"Wenn man einen Ridgeback trifft und sich still an den Tisch setzt, dann kommt er und schnuppert freundlich, erst recht, wenn man gerade etwas isst beziehungsweise zu essen versucht, was wegen seiner Schnupperei nicht einfach ist. Das ist nicht dicht an Magie, es ist Magie!!! (Grins, 15 Herzchen, Sonne, Sonne, wieder 5 Herzchen). Ich glaube, für den Fall, dass die CDU die Mehrwertsteuer auf Hundefutter wieder erhöhen will, hat die Begegnung kürzlich ganz viele Bilder geschaffen, die für den Beibehalt des niedrigeren Mehrwertsteuersatzes sprechen. Was ist eure Lieblingshunderasse? Ist es okay, wenn ich Rasse schreibe? Oder findet ihr Katzen, die jedes Jahr Millionen Singvögel auf der Erde killen und irrerweise bei uns nicht besteuert werden, etwa besser?" Krönender Abschluss wären 34 Zwinker-Smileys, ein Grinsi und 15 Herzchen.

Scheiß drauf

Aber noch bin ich nicht bei Instagram. Ungeachtet dessen spüre ich: Es geht voran mit der Welt, die Rettung naht. Okay, es gibt Trump. Scheiß drauf. Putin. Scheiß drauf. Den Chinesen. Scheiß drauf. Den Klimawandel. Scheiß drauf. Das Artensterben. Scheiß drauf. Eisbären bald weg. Scheiß drauf, dann trösten wir uns mit den Grizzlys. Das fiese Virus. Scheiß drauf. Erdogan. Scheiß drauf. Entscheidend ist doch das, was eine Deutsche über ihre Ferien in der Türkei sagte: "Die tun hier ja alles, damit man den Urlaub genießen kann." Dass die Türken Deniz Yücel zu einer absurd begründeten Haftstrafe verknackt haben - scheiß drauf. Wir Deutschen haben jede Menge Urlaub verdient. Lasst uns alle weitermachen wie bisher. Scheiß auf alle Unzulänglichkeiten. Klopapier ist noch genug da. Entweder im Supermarkt oder noch tonnenweise gebunkert in der Garage oder im Erdloch. Eins ist neuerdings ja unbewohnt, nachdem Yves R. es verlassen musste.

Nicht nur, weil der irre Yves R. endlich gefasst wurde, muss ich feststellen: Die Welt wird besser. Neulich las ich von einem "Team von 20 Mitarbeitenden". Ein Quantensprung in Sachen Gleichberechtigung. Einfach toll. Wirklich. Super. Es geht voran. Oder Aldi-Nord, das den Pflegerinnen und Pflegern, den Krankenschwestern und -brüdern ein tolles Geschenk macht. Zumindest, wenn man dafür bezahlt. So viel Herzlichkeit in der Welt ist toll. "Für unsere Helden", hieß es in einer Aldi-Nord-Werbung. "Weil sie jeden Tag alles für uns geben. Als Dank gibt es diese Woche Berufskleidung in Top-Qualität zum extra-günstigen Original Aldi Preis." Das Paar "WalkX Arbeitspantolette" gibt es für 8,72 Euro.

Ob die billigen Treter nach achtstündigem Tragen noch bequem sind und den Arbeitsschutzbestimmungen entsprechen - scheißegal. Ist es nicht sensationell großzügig, wie sich Aldi bei den unterbezahlten Altenpflegern bedankt, die gerade um ihren Bonus betteln müssen, der ihnen versprochen wurde? Statt blöd auf Balkonen zu klatschen, beglücken der Konzern und seine milliardenschweren Eigentümer "unsere Helden" mit Botten, die garantiert unter bestmöglichen Corona-Schutzbedingungen und weit über Mindestlohn hergestellt wurden. Scheiß drauf? Nö. Das ist Kacke. Unter Fingerspitzengefühl verstehe ich was anderes. Kein Wunder, dass sich Krankenschwestern in diesem Land verarscht fühlen.

Alles nur geträumt

Manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in eine Traumwelt zu begeben, um das alles auszuhalten. In der Traumwelt wird die Völkerverständigung endlich wieder GROß geschrieben. In der darf der deutsche Nationaltorhüter ungestört Lieder seiner Wahl singen, ohne dass es einen Aufschrei gibt. Gerade trillerte ich mit meinen chinesischen Freunden, die es gar nicht gibt, es ist ja nur ein Traum, an einer Strandbar das Liedchen mit der Zeile "Méiyǒu Gòngchǎndǎng jiù méiyǒu xīn Zhōngguó". Auf Deutsch: "Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein Neues China." Leider wurde ich gefilmt und das Video, das es gar nicht gibt, es ist ja nur ein Traum, wurde Medien zugespielt. Mein Pressesprecher, den es gar nicht gibt, es ist ja nur ein Traum, musste erklären: "Herr Schmoll versteht gar kein Chinesisch."

Die Medien berichten umgehend über den "Eklat", den es gar nicht gab, ich habe das ja nur geträumt. Grins. 5 Herzchen. 20 Zwinker-Smileys. Deutschland, das es nach meiner Kenntnis wirklich gibt, diskutiert darüber: Darf man alles singen, was man nicht versteht? Und hören? Wie ist das mit Volksweisen aus dem Elben- und dem Auenland? Hat ein Nationalkolumnist nicht Vorbildcharakter? Für Empörung sorgt, dass der Bundesverband Deutscher Kolumnisten (BDK), den es gar nicht gibt, weil das ja alles nur ein Traum ist, nicht Stellung beziehen will. In der wichtigen Frage des gesungenen Liedguts müsse der BDK Flagge zeigen, heißt es von Seiten moralisch überlegener Empörter, die es massenweise gibt.

Meine Verteidiger, die es gar nicht gibt, weil ich das ja nur geträumt habe, sagen: "Man sieht, wie wohl sich unser Nationalkolumnist beim Singen fühlt. Es ist schade, was daraus jetzt gemacht wird. Der Schmoll hat doch gar nichts gemacht. Der liebt doch alle Menschen." Aber die Mahner, die es gar nicht gibt, weil mein Traum von der Völkerverständigung nur ein Traum ist, sagen: "Sicher war es keine böse Absicht. Schmoll ist weltoffen und achtet auch Ausländer und Migranten. Aber demnächst sollte er einen Tick mehr nachdenken oder es vorher hinterfragen, obwohl das an einer Strandbar sicher nicht so leicht ist."

Endlich aufgewacht, checke ich in meine Mails. Der Betreff einer Botschaft von Linkedin lautet: "Sie fallen auf, Thomas Schmoll!" Ich denke sofort: Hilfe, die wissen schon, dass ich im Traum die Kommunistische Partei Chinas gehuldigt habe. Aber solange nicht im Betreff steht "Sie werden gesucht, Herr Schmoll!", ist alles gut. Denn wie sagt ein chinesisches Sprichwort, das es vielleicht gar nicht gibt: "Das Auge des Bauern sieht nur das, was es sehen will." Ich hoffe, Sie verstehen, was ich damit sagen will. Wenn nicht, kann ich Sie beruhigen. Auch ich habe keine Ahnung, was es bedeutet, dachte aber, dass es zum Rest dieser irren Kolumne passt.

Quelle: ntv.de