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Aggressiv im Straßenverkehr An der Kreuzung lauert die Wut

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Im Stau stehen kann nervtötend sein - da reicht schon ein lautes Radio und eine runtergekurbelte Scheibe, um auszurasten.

(Foto: imago/Ikon Images)

Im Straßenverkehr begegnen sich nicht nur Autofahrer, Radler und Fußgänger. Oft ist noch ein weiterer Gast zugegen: die Aggression. Ein Experte weiß, wie man sie im richtigen Moment loswird - einfach umzusetzen ist sein Tipp aber nicht.

Es passierte im vergangenen Jahr in Berlin: Ein Rad- und ein Autofahrer geraten an der Ampel in Streit, weil Ersterer zu lange vor einer grünen Ampel steht. Beide meckern, einer pöbelt auch - und als der Autofahrer schließlich weiterfährt, fotografiert ihn der Radler. Eine Kleinigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Autofahrer hält, springt aus dem Auto und schlägt dem Radfahrer erst das Handy aus der Hand und dann den ganzen Mann zu Boden. Wutentbrannt tritt er noch auf ihn ein, bis endlich Leute dazwischengehen und die Polizei rufen.

So rau wie in der Hauptstadt geht es sicher nicht überall zu. Dennoch sind Gewalt und Aggression überall auf deutschen Straßen an der Tagesordnung. Egal, ob die Deutschen nun im Frühling das Zweirad wieder aus dem Keller holen, im Sommer mit dem Auto in den Urlaub aufbrechen oder einfach nur als Fußgänger mit dem Eis in der Hand über den Zebrastreifen wollen - überall scheint sie zu lauern, die Aggression, die Wut. Manchmal gar in einem selbst.

Wird es immer schlimmer?

Diese Frage lässt sich kaum beantworten. Auch Hauptkommissar Rainer Paetsch von der Berliner Polizei möchte das nicht tun - ausreichende statistische Daten seien für die Hauptstadt einfach nicht vorhanden. Er analysiert die Lage ganz nüchtern: "Man liest regelmäßig diese Meldungen über besonders schwerwiegende Fälle und hat bald den Eindruck, dass sich das häuft." Oft sei aber die intensivere Überwachung der wahre Grund. Und für Berlin gelte überdies, dass die Zahl der Autos seit Jahren wächst, die der Fahrer auch, die Straßen und Parkplätze aber die gleichen blieben. Es wird also immer enger. Das ist ein Stressfaktor - der manch einen aggressiv machen kann.

Wer wird aggressiv?

Der Psychologe Christian Maag vom Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften hat Aggressionen im Straßenverkehr wissenschaftlich untersucht. Seine Studien bestätigen zunächst einmal das Erwartbare: Männer sind aggressiver als Frauen. Für seine Forschung werteten er und sein Team die Daten derjenigen Autobahnfahrer aus, die wegen einschlägiger Straftaten (Nötigung et cetera) in Bayern angezeigt wurden. Ergebnis: 90 Prozent waren männlich.  

Eine Befragung der Deutschen Versicherer (GDV) von 2016 ergab allerdings, dass Frauen sich häufiger "wehren" als Männer. Zumindest nach eigenen Angaben: Frauen bremsen häufiger kurz mal an, um Drängler zurechtzuweisen. Oder sie beschleunigen, wenn sie überholt werden. Die Befragung zeigte zudem, dass die Hälfte der befragten Autofahrer sich selbst als aggressiv bezeichnen. Am häufigsten räumten das die 25- bis 34-Jährigen ein, am entspanntesten schätzen sich die über 75-Jährigen ein.

Wann sollte man auf der Hut sein?

An Nachmittagen, insbesondere an Freitagnachmittagen ist die Aggressivität laut Maag am höchsten. Dann passiert es: dicht auffahren, Lichthupe, rechts überholen oder auch erzieherisches Langsamfahren auf der linken Spur. Das Ganze wird oftmals begleitet von eindeutigen Gesten, Schreien oder Drohungen. Klar, man möchte ins Wochenende und sich nicht mehr mit dem Straßenverkehr herumschlagen. "Oder", sagt Maag, "man hat den Stress der Woche in den Knochen". Interessanterweise schätzen sich Männer mit hohem Monatseinkommen und höherem Bildungsgrad in der GDV-Befragung am aggressivsten ein.

Warum wird man aggressiv?

Jedem dürfte klar sein, dass man sein Fahrzeug am besten mit kühlem Kopf lenken sollte. Ein typisches Phänomen ist, dass ausgerechnet diejenigen ausrasten, die ansonsten ganz friedlich sind. "Die Menschen tun etwas, das sie an der Supermarktkasse niemals tun würden", sagt Maag. Das habe etwas damit zu tun, dass Kommunikation im Straßenverkehr kaum möglich sei. Man begegnet sich nicht von Angesicht zu Angesicht.

Dass manche ausfällig werden, habe auch etwas mit dieser vermeintlichen Anonymität zu tun - dass vorn und hinten Kennzeichen am Auto sind, über die jeder Fahrzeughalter leicht ermittelt werden kann, blendet manch ein Schreihals aus. Laut Hauptkommissar Paetsch werden gerade diejenigen im Straßenverkehr aggressiv, die die entsprechende Persönlichkeit mitbringen. Wer auch sonst ein aggressiver Typ ist, bleibt es auch auf der Straße. Dass jemand im Stau steht oder keinen Parkplatz findet, sei in manchen Fällen nur der Auslöser, die eigentlichen Ursachen fänden sich im Privaten oder im Beruf.

Wie soll ich mich verhalten?

Maags Forschungen zeigen, dass die Menschen hinterm Steuer die Lage vorwiegend aus ihrer eigenen Sicht bewerten. Kurz: Sie werden zu Egoisten. Da helfe es natürlich, sich klarzumachen, dass alle Verkehrsteilnehmer ihre eigene Perspektive haben. Der eine ist mit Termindruck unterwegs, der andere wolle nur gemütlich in den Urlaub fahren. Und dass im Straßenverkehr manchmal etwas schiefgeht, sei normal - das lasse sich kaum vermeiden.

Immerhin, so Maag, sei das System recht fehlertolerant. In vielen Fällen passiere nichts Schlimmes, wenn jemand etwas falsch macht. Durchatmen hilft also. Und sich in den anderen hineinzuversetzen. "Wenn es zu Gewalt kommt, gehören immer zwei dazu", sagt Hauptkommissar Paetsch. "Bis zehn zählen, ruhig bleiben." Und sich immer klarmachen: "Ich kann hier nichts gewinnen." Das ist sein wichtigster Tipp.

Tatsächlich werden die Straßen sicherer, wie die Unfallstatistik zeigt. Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei 3177, in den 60er-Jahren wurde noch das Fünf- und Sechsfache davon erreicht. Trotzdem empfinden laut GDV die Hälfte der Autofahrer den Aufenthalt auf der Straße als "aufreibend", "stressig" und "chaotisch". Fast alle Befragten haben schon aggressives Verhalten beobachtet - dass sie schon einmal selbst ausgerastet sind, geben aber nur 20 Prozent zu. Aggressiv sind eben immer die anderen.

Quelle: n-tv.de

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