Leben

"Angekommen bei mir selbst" Andrea Kiewel hat keine Zeit für Angst

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Andrea Kiewel und ihr Hund Carter sind unzertrennlich.

(Foto: privat)

Andrea Kiewel kennen die meisten aus dem Fernsehen, gut gelaunt bis an die Schmerzgrenze. Tatsächlich ist ihr Gemüt "Meist sonnig", so wie der Titel ihres neuen Buchs. Vor allem aber ist sie die Improvisationskünstlerin ihres eigenen Lebens.

Mitte November ist es warm in Tel Aviv, der Wahlheimat von Andrea Kiewel. Am Morgen ist sie mit dem Fahrrad am Meer entlanggefahren und hat gedacht: "Ich bin so israelisch wie noch nie zuvor", erzählt sie ntv.de. 55 ist sie in diesem Jahr geworden, ist lieber Kiwi als Frau Kiewel und hat gerade ein Buch geschrieben.

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"Meist sonnig" heißt es und ist Kiewels persönliche Liebeserklärung an das Leben. An die Tage und Prägungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist, vor allem aber an das Leben, das sie heute führt. Sie hat enge Freunde, zwei Kinder, eine Liebe, ihre Arbeit. Mit niemandem würde sie ihr Leben tauschen. "Ich habe manchmal Momente, in denen ich denke, wow, so nah bei mir wie jetzt war ich überhaupt noch nie." Dabei macht es ihr Israel leicht. "Dieses Land ist eine einzige Improvisation", sagt sie. "Alle sind immer auf der Hut, wollen es beschützen." Mit diesem Gefühl sei auch sie in der DDR aufgewachsen. Aber das sei nur die halbe Wahrheit. In Israel falle sie mit ihrem verrückten Extrovertiertsein gar nicht auf. "Ich stehe ja mit größtem Vergnügen zwei Schritte vor der Reihe, aber hier ist das immer noch irgendwie in der Reihe."

Die DDR hat Kiewel immer ein bisschen im Gepäck, hier wurde sie geboren, hier wollte sie Schwimm-Olympiasiegerin und später Journalistin werden. 30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung steckt in der Fernsehmoderatorin und zweifachen Mutter noch immer der Altstoffe sammelnde Jungpionier, schreibt sie auf den 250 Seiten, die sie mit ihren Gedanken gefüllt hat. Sie kauft drei Packungen Spaghetti, weil Vorräte ihr das Gefühl von Sicherheit geben, und denkt dabei an Kaffee der Sorte "Mocca Fix Gold", der immer weniger Menschen etwas sagt und den ihre Mutter neben der Berufstätigkeit besorgen musste.

Keine Zeit für Reue

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Kiewel war schon als Kind eine gut gelaunte Schnattertasche.

(Foto: privat)

Es ist ein zwiespältiges Erbe, einerseits sind da die große Vertrautheit und die Kindheitsgeborgenheit. Andererseits gibt es die jahrelange unbeschreibliche Quälerei im Schwimmbecken. Kiewel, die damals noch Matthyssek hieß, ließ sich für den Traum vom Leistungssport beschimpfen und reglementieren, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Naiv und gutgläubig sei sie gewesen. Bis heute kann sie nicht langsam schwimmen, auch wenn sie nie Olympiasiegerin geworden ist.

"Für mich war die DDR kein Verlust, aber ein Bruch war es schon. Das war ja nicht die Frage, links oder rechts abbiegen. Ab 1989 war es eine komplett neue Straße. Das war nicht so einfach und ist es bis heute nicht." Für Reue ist sie trotzdem die falsche Person, auch wenn sie in den zehn Jahren Hochleistungssport vergessen habe, ihr Ich zu entwickeln. "Dadurch, dass ich diese normale Pubertät oder Studienzeit nicht hatte, habe ich ein Verspätungsgefühl von etwa 15 Jahren", erzählt sie. Erst seit drei Jahren hat sie ein Tattoo. "Manchmal denke ich, ich lebe in die entgegengesetzte Richtung."

Kiewel hat ihre Kinder früh bekommen, inzwischen genießt sie die Freiheit, ihren eigenen Wegen folgen zu können. "Ja, ich war eine Mama, aber davor war ich immer Andrea. Und wenn ich die nicht sein durfte, habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, eine lausige Mama zu sein." Ihr älterer Sohn erinnert sich vor allem an eine müde oder schlafende Mutter, es war die Zeit, in der Kiewel Frühstücksfernsehen machte. Die Mutter, die mit einem Drei-Gänge-Menü auf die Kinder wartete, sei sie nie gewesen. "Aber meine Kinder waren bei all meinen Improvisationsversuchen in Sachen Leben immer live dabei." Umzüge, Hochzeiten, Scheitern, Scheidungen, Aufrappeln - Kiewel hat das alles gehabt.

Angstfreiheit als Entscheidung

Heute kann sie leben und arbeiten, wie sie möchte. "Das ist Luxus pur." Dabei hat sie nur ein kleines Auto und keine Designerklamotten, mit ihrem Konto verbindet sie eine pragmatische Beziehung. Vor zehn Jahren sei sie noch eine Getriebene gewesen. "Ich dachte, wenn ich einen Tag nicht arbeite, verpasse ich etwas. Heute weiß ich, wenn ich ganz viel arbeite, verpasse ich etwas, und zwar mich." Dafür hat sie akzeptieren gelernt, was sie das Meer in sich nennt. "Manchmal bin ich ganz glatt, manchmal vergnüglich gekräuselt, dann wieder mit so hohen Wellen, dass ich denke, Hilfe, ich ertrinke in mir selbst."

Ihre Mutter sage immer, sie sei schon lachend geboren, an einem Tag mit Gewitter. Sie habe schon immer geredet ohne Punkt und Komma. "Mein Vater war wahnsinnig still und ich bin das krasse Gegenteil." Sie könne sich nie zwischen Mozart und Jazz entscheiden und würde versuchen, ihre Bücher zu retten, wenn es in ihrer Wohnung brennen würde. Wenn sie einen Tag ganz mit sich im Reinen war, ist davon am nächsten Tag manchmal nichts mehr übrig. Nach vielen Runden und Umwegen lautet Kiewels Selbstbeschreibung: "Ich bin groß und blond. Ich bin viel mehr gut als schlecht gelaunt."

Das Corona-Jahr hat ihr trotzdem hart zugesetzt. Der ZDF-Fernsehgarten, den sie seit Jahren moderiert, fand ohne Publikum statt. Während ihr Partner in Israel war, saß sie in Deutschland fest. Ihr Buch versteht sie als Bestandsaufnahme, aber auch als Wunschzettel, wie es wieder werden soll. "Unsere Welt verändert sich so stark und ich verändere mich - wegen der Welt oder mit der Welt? Hätte ich mich auch so sehr verändert, wenn alles andere geblieben wäre?" Für Kiewel war das Schreiben in der ungewollten Abgeschiedenheit der Corona-beruhigten Welt die Chance, in ihr Innerstes zu schauen. Sie hat einen kurzen Abstecher zu Instagram gemacht und gemerkt, dass ihr das nicht guttut.

Dafür hat sie sich auf das besonnen, was sie schon früher getragen hat. "Du gewinnst keine Goldmedaille, wenn du ein bisschen trainierst. Du gewinnst, wenn du jeden Tag hart trainierst." Also betrachtete sie den Sommer als Trainingslager. Denn ängstlich, hypochondrisch und abergläubisch ist sie auch. "Auf gar keinen Fall lasse ich zu, dass ich immerzu voller Angst bin, denn diese Zeit bekomme ich nicht zurück." Sie führte sich vor Augen, wie gut sie es hat. "Ich bin grundsätzlich optimistisch, meist sonnig, das ist meine Entscheidung, mein Mindset."

Quelle: ntv.de

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