Leben

Der Denglische Patient Boris Johnson, Mr Mean

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Boris Johnson will in die Downing Street.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Als Politiker macht Boris Johnson vielen Menschen Angst und schlechte Laune. Als Redner nervt er mit seiner Churchill-Nummer. Doch als Premierminister wird er die englische Verschrobenheit zu einem ganz neuen Höhepunkt führen - auch in sprachlicher Hinsicht.

Was die englische Kunstfigur Mr Bean und Shaun das Schaf so faszinierend macht, ist ihre herrliche Kommunikation mit Gesten. Sie sprechen nicht mit Worten, sondern mit Grimassen, um Pointen zu erzeugen. Mit Tollpatschigkeit, um Mitleid zu erregen. Und mit gezielter Hinterfotzigkeit, um in jeder neuen Episode ihr Überleben zu sichern und den Applaus gleich dazu.

Ob man diese verschrobene - wahrscheinlich urenglische - Rezeptur mag oder nicht: Als Denglischer Patient, der sich für sein Leben gerne mit der Kommunikation in der englischsprachigen Welt beschäftigt, faszinierte es mich, dass mit Alexander Boris de Pfeffel Johnson nächste Woche eine weitere äußerst talentierte Kunstfigur ausgerechnet die Regierungsgeschäfte in London übernehmen wird. Seine Kritiker halten es allerdings für problematisch, dass es dabei um viel mehr geht, als nur um die Regierungsgeschäfte von Little England.

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Johnson hat die Hände auch mal am Lenker.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Obwohl es schwerfällt, die gedrungene, krankhaft stotternde, antrainiert nuschelnde und zugleich wasserfallartige Sprache von Boris Johnson zu ignorieren - wer für einen Moment die "Mute"-Taste drückt, während er spricht, kann in ihm tatsächlich eine Promenadenmischung aus Mr Bean und Shaun erkennen.

Es versteht sich von selbst, dass diese Lesart nicht ausreicht, um jenen Mann vollständig zu begreifen, der sich von allen Menschen bloß "Boris" nennen lässt und der in offiziellen Verlautbarungen eine Wiedergeburt als Olive für wahrscheinlicher gehalten hat, als jemals britischer Premierminister zu werden. Er ist ein konservativer Politiker, der jahrelang eine Che-Guevara Gedenk-Swatch am Handgelenk trug. (Wie auf dem Titelbild seines Buchs "Lend me your ears" zu erkennen ist.) Er ist ein Engländer mit US-amerikanischem Pass (weil in New York geboren) und türkischer, deutscher und schweizerischer Abstammung, der vor zwei Jahren Jan Böhmermanns Schmähkritik nachahmte und den türkischen Präsidenten Erdogan öffentlich als "Wichser von Ankara" bezeichnete ("The wankerer from Ankara").

Ein Traum vom neuen Churchill

Seit seiner Kindheit träumt er womöglich schon davon, als neuer Winston Churchill in die Geschichte einzugehen - mit allem, was dazugehört: abgrundtiefe Gefahr für Volk und Krone, Rettung, Heldenstatus - kurz "his finest hour". Für dieses Szenario hat der frühere Außenminister, Londoner Bürgermeister, Buchautor, Kolumnist, Churchill-Biograf und Brüssel-Korrespondent des "Daily Telegraph" jahrelang die Fakten verdreht und den erforderlichen Feind herbeigeschrieben und -geredet: die EU! Immer wieder hat er betont, dass er die Staatengemeinschaft für das hält, was "Napoleon und Hitler auch versucht haben - nur mit anderen Mitteln".

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Boris Johnson zunächst bloß zu beobachten und das Gesagte auszublenden, ist ein hilfreicher Kniff, um sich ihm zu nähern. Denn egal, ob Olive oder Premierminister – seit Langem agiert er mit seinen Grimassen, Tollpatschigkeiten und Gemeinheiten wie eine Art Mr Bean auf der englischsprachigen Weltbühne. Oder noch besser vielleicht, wie ein "Mr Mean". Denn alles, was er an den Tag legt, ist immer auch gegen seine eigene Person gerichtet. Im Englischen nennt man das "self deprecation": die ironische Selbstzerstörung. Sie ist mehr als ein Stilmittel. Sie ist oft einfach eine Ausrede.

Ich selbst hatte vor genau 15 Jahren die Gelegenheit, Mr Mean zum ersten Mal aus nächster Nähe zu erleben oder besser gesagt: aus zunehmender Nähe. Der damals 40-Jährige war noch Chefredakteur des Wochenmagazins "The Spectator" und ich war mit ihm verabredet, um einer Redaktionssitzung beizuwohnen. Das Erste, was ich von ihm sah, war die Karikatur des selbsterklärten Fahrradaktivisten Johnson (eine Position, die er später als Bürgermeister von London oft genug raushängen ließ). Er kam mir im Anzug auf einem Hollandrad entgegen, eine Aktentasche am Lenker baumelnd, freihändig fahrend und einen Becher Kaffee in der Hand. Mir war schleierhaft, wie er das Fahrrad sicher lenken, geschweige denn anhalten würde und nach kurzer Zeit wusste ich: ihm war es das auch!

Mit einer Grimasse der Überforderung manövrierte er das Rad tollpatschig gegen die Wand, bremste mit der Schulter, taumelte und verkippte einen Teil seines Kaffees, nicht ohne dabei ein kaum verständliches "Sorry" zu knurren. Soziologen haben übrigens herausgefunden, dass Engländer dieses Wort bis zu 200 Mal pro Tag von sich geben. Es soll nicht wirklich der Entschuldigung dienen und ist auch nicht als Gespräch zu begreifen. Vielmehr ist es eine erzwungene Genehmigung für einen Fehltritt. Sinngemäß: "Ist ok, dass ich Ihre Schuhe mit Kaffee bekleckert habe? Kommt nicht mehr vor - heute jedenfalls." Weder Mr Bean noch Shaun das Schaf hätten diesen Moment ihrer Orientierungslosigkeit besser inszenieren können.

Mit dem Kaffee in der Hand

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Das Fahrrad ist Johnsons Markenzeichen.

(Foto: Peter Littger)

Der Höhepunkt unseres inhaltlichen Gesprächs, auf das ich mich als junger "Denglischer Patient" selbstredend sehr gefreut hatte, war sein Hinweis, dass er auch Deutsch spreche. Ich nahm es als Ansporn, mein bestes Small-Talk-German hervorzukramen und erst einmal auf Deutsch zu bemerken, dass ich es beeindruckend finde, dass er mit dem Fahrrad ins Büro fahre. Leicht geduckt wie Winston Churchill auf der Konferenz in Potsdam und den restlichen Kaffee im Gehen ausschlürfend, sagte er dann etwas, das ich nicht begriffen habe: "Ja, so sind wir Engländer." Ich hielt es für einen ernst gemeinten Gedanken. Doch mein Versuch, darauf einzugehen, führte nur in ein inhaltsleeres Gestammel, für das er nicht einmal mehr ein "Sorry" übrig hatte. Mir ging in diesem Moment nur eine Frage durch den Kopf: Wenn er schon kein Deutsch sprechen kann, warum hat er dann damit angegeben?

Im Laufe der Redaktionssitzung kam es dann zu einem Moment, der mir die sprachlichen Methoden von Johnson offenbarte: Er kopiert, mixt und masht, was andere nicht so schön ausdrücken wie er. Es ging um eine Debatte über Alkohol und Suchtprobleme in der Gesellschaft, als Johnson lakonisch bemerkte: "My policy on alcohol is pro having it and drinking it." Es war eine augenzwinkernde Variante der ebenfalls von ihm oft benutzten Wendung "My policy on cake is pro having it and eating it." Die "Financial Times" hat ihm neulich dafür die pseudopolitische Theorie des "Cakeism" zugeschrieben. Sinngemäß bedeutet sie, dass Mr Mean stets auf allen Hochzeiten tanzen will. Diesen Leitsatz wird er nun als Boris der Erste auf die höchste Stufe der Vollendung bringen, indem er die Aufgaben des Regierungschefs von der Downing Street aus mit der Rolle des kosmopolitischen Hofnarren vereinen wird. Ich warte schon auf seine erste deutschsprachige Pressekonferenz.

Quelle: n-tv.de

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